Die Weghalbe für den guten Zweck: Bei Unertl in Haag gibt's Freibier! 

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Die Familienbrauerei Unertl lässt zapfen – für den einen guten Zweck und mit Unterstützung des Roten Kreuzes. 
  • vonLudwig Meindl
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Ein wohl einzigartiges Phänomen dürfte sich derzeit in Haag abspielen. Die Idee dazu wurde aus der Not geboren – und beweist, dass Familienunternehmen selbst Krisen kreativ überstehen können. 

Die Besucher kommen mittlerweile mit dem Fahrrad aus München, pilgern zu Fuß zum Brauereigelände Unertl in der Lerchenberger Straße, fahren mit dem Auto und spazieren mit Kinderwagen an. Dann stellt man sich diszipliniert nach Abstand, der mit Bierkästen markiert ist, an. 

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Jeder hat sein Glas oder einen Krug dabei, um sich an der Zapfanlage selber zu bedienen. Dahinter mahnt die Tafelaufschrift zum Trinken nicht stehenzubleiben. Daneben steht die Spendenkasse für das Rote Kreuz, die in bestimmten Abständen geleert wird. 

Um den Wirten unter die Arme zu greifen

Die Situation ergab sich im Zuge der Epidemiekrise. An dem Tag, an dem die Ausgangsbeschränkung für die Gastronomie verkündet wurde beschloss das Familienunternehmen der Brauerei Unertl in Haag, den Wirten unter die Arme zu greifen. 

Sämtliche Ware, die sie von der Brauerei für das Ostergeschäft bereits bezogen hatten, sollte zum Verkaufspreis zurückgenommen werden. 

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Zusätzlich wurde den Pächtern die Pacht für den Monat April erlassen. Ein weiterer Grund außer der finanziellen Hilfe für die in Not geratenen Wirte bildete nach Alois Unertl, Seniorchef der Brauerei, das Argument: „Wenn die Wirte wieder anfangen, dann brauchen sie frisches Bier.“ 

"Das ist ein ethische Frage"

So stapelten sich im Brauereigebäude Unertl die Fässer und die Frage stellte sich, was mit den 10.000 Litern zurückgenommenen Bier geschehen soll. „Wegschütten dürfen wir das nicht, das ist eine ethische Frage. Beim Bier handelt es sich um ein Lebensmittel“, so Lois Unertl, Juniorchef des „Haager Weißbräu“. 

Die Problematik bestand darin, dass die Fässer verschiedene Haltbarkeitsdaten aufwiesen und demnächst zum Ausschank kommen mussten. Die Hoffnung auf baldige Öffnung der Biergärten zerschlug sich. 

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So beschloss das Familienunternehmen, das Bier zu spenden. Es sollte vor Ort in der Brauerei ausgeschenkt werden. Die Konsumenten werden aufgefordert, dafür eine Spende für das örtliche Rote Kreuz in die Kasse zu geben. „Ob das gut geht?“, zweifelte Franz Wimmer vom Haager TSV, der jeden Tag als Beobachter der Lage vor Ort ist. 

Großzügige Spenden 

Nun ist er von der „Riesensache“ überzeugt: Freibier für einen guten Zweck lockte allein über Internetkontakte eine Menge Interessierte, die sich auch bei der Spende großzügig verhalten. 

Bier herzuschenken bedeutet auch für eine Brauerei einen großen wirtschaftlichen Verlust, räumt Juniorchef Lois Unertl ein. Doch: „Bei der Brauerei Unertl handelt es sich um ein gesundes Unternehmen, das die Lage stemmen wird.“ 

Seine Eltern Barbara und Alois Unertl hätten stets solide gewirtschaftet, so werde man auch diese Krise meistern. Die Krise beweist nach Seniorchef Alois Unertl wieder einmal, dass „kleine Brauereien vor Ort“ solchen Schwierigkeiten solide begegnen können und zuverlässige Partner sind. 

Wichtig für das Unternehmen werde jetzt der Absatz im Fachhandel der Getränkemärkte: „Damit können wir unsere Produktion aufrecht erhalten und können die Kunden die Wohltätigkeitsaktion unterstützen.“ 

Gezapft wird bis die Wirtshäuser wieder öffnen

Das Freibier wird so lange gezapft, bis die Wirtshäuser wieder öffnen dürfen. „Dafür wird es jetzt Zeit“, mahnt Barbara Unertl. Einen sozialen Effekt stellte Alois Unertl bei den Gästen fest: „Die sind froh, dass sie sich beim Anstellen unterhalten können. Die gehen aufeinander zu.“ 

Er selbst nutzt ab und zu einen Spezialweg: ein Bier zapfen, die Lerchenberger Straße hoch, die Verbindung „An der Wieskapelle“ zur Mühldorfer Straße, dann hinunter bis zur Metzgerei, um eine Wurstsemmel zu kaufen, zurück zur Brauerei – und schon ist wieder eine Halbe für den guten Zweck leer.

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