Großfeuer Waldkraiburg: Staatsanwaltschaft ermittelt wegen "Extremismus und Terrorismus"

Als die Feuerwehrenkamen, stand der türkische Lebensmittelladen bereits in Vollbrand. Das Feuer brachten sie rasch unter Kontrolle, der Schaden ist dennoch immens. Nach ersten Schätzungen liegt er über der Millionengrenze. Fib/Eß
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Als die Feuerwehrenkamen, stand der türkische Lebensmittelladen bereits in Vollbrand. Das Feuer brachten sie rasch unter Kontrolle, der Schaden ist dennoch immens. Nach ersten Schätzungen liegt er über der Millionengrenze.

Ein Raub der Flammen ist in der Nacht zum Montag ein Obst- und Gemüseladen mitten im Zentrum Waldkraiburgs geworden. Über 120 Feuerwehrleute waren im Einsatz. Sie konnten aber nicht verhindern, dass an der Ladenzeile am Sartrouville-Platz immenser Schaden entstand. Was steckt dahinter? 

Update 29. April, 17.35 Uhr

Staatsanwaltschaft ermittelt bei Waldkraiburger Großbrand wegen "Extremismus und Terrorismus"

Waldkraiburg - Die Kriminalpolizei Mühldorf hat wegen des Brandes am Montag in der Waldkraiburger Innenstadt die Sonderkommission „Prager“ ins Leben gerufen. Neben den Ermittlungen der Soko hat die Polizei die Präsenz  im Stadtgebiet Waldkraiburg erhöht.

Mittlerweile hat die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München die Sachleitung übernommen, wie es in einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd heißt. Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts eines Verbrechens der vorsätzlichen schweren Brandstiftung. Es liegen keine Hinweise auf ein eventuelles Tatmotiv vor.

Polizeipräsident äußert sich

„Die Gefährdung oder Schädigung türkischer Einrichtungen ist in keiner Weise akzeptabel und ist mit einer toleranten und weltoffenen Gesellschaft nicht vereinbar. Die Verhinderung derartiger Taten, sowie deren Aufklärung werden wir mit allen zur Verfügung stehenden rechtlichen Möglichkeiten bewerkstelligen“, sagte Polizeipräsident Robert Kopp in einer Pressemitteilung.

Bei dem Brand am Montag am Stadtplatz in Waldkraiburg wurde ein türkisches Lebensmittelgeschäft zerstört. Durch das enorme Ausmaß wurden auch weitere, daneben liegende Geschäfte durch die Ruß- und Rauchentwicklung beschädigt. Insgesamt wurden sechs Personen verletzt.

Angriffe auf türkische Geschäfte

In diesem Zusammenhang ermittelt die Soko „Prager“ auch zu zwei weiteren Taten. In der Nacht von 16. auf 17. April wurde ein Friseurladen am Stadtplatz und in der Nacht von 18. auf 19. April ein Lokal am Annabergplatz angegangen. In beiden Fällen wurden Fensterscheiben eingeworfen. Die drei Inhaber sind türkische Staatsangehörige oder haben türkische Wurzeln.

Polizei sucht jungen Mann als Zeugen

Wie bereits berichtet, war ein Mann durch Zeugen unmittelbar nach dem Ausbruch des Brandes beim Verlassen des Stadtplatzes bzw. Sartrouvilleplatzes beobachtet worden. Derzeit steht nicht fest, ob dieser Mann als Zeuge oder Tatverdächtiger in Betracht kommt. Zu diesem Mann liegt keine nähere Beschreibung vor, er wird lediglich jüngeren Alters bezeichnet. Diese jüngere, männliche Person kann eventuell sachdienliche Hinweise zum Brandgeschehen geben und wird deshalb erneut gebeten, sich bei der Polizei in Mühldorf am Inn unter der Rufnummer 08631/36730 zu melden.

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27. April

Waldkraiburg– Zur Ursache des Feuers machten die Fachleute von Kripo und Landeskriminalamt gestern keine Angaben. „Es wird in alle Richtungen ermittelt“, heißt es in einer Pressemitteilung der Polizei, die einen Zeugenaufruf gestartet hat: Zur Zeit des Brandausbruchs soll sich ein Mann auf dem Platz aufgehalten haben, der wertvolle Hinweise geben könnte.

Türkischer Ladeninhaber: Da hat jemand nachgeholfen

Der türkische Ladeninhaber, der namentlich nicht genannt werden will, glaubt jedenfalls nicht an Zufall. Er äußerte den Verdacht: „Da hat jemand nachgeholfen.“

„Ich habe so etwas noch nie gesehen. Es hat ausgeschaut, als würde der ganze Platz brennen.“ Rosmarie Röhrich steht noch immer unter dem Eindruck des Feuers. Die Filialleiterin eines Drogeriemarktes im Nebenhaus, die gegen 3.30 Uhr, knapp eine halbe Stunde nach Alarmierung der Feuerwehr durch Anwohner, zum Brandort gerufen wurde, steht vor dem Geschäft und schüttelt fassungslos den Kopf.

Der extreme Rauch stieg zu den Büros und Wohnungen der Häuser hinter der Ladenzeile auf. Die Verkaufsräume der benachbarten Geschäfte wurden dadurch so stark verrußt, dass ein Großteil der Waren wohl entsorgt werden muss.

Großteil der Ware muss entsorgt werden

Über die Verkaufsräume aller drei Etagen des Marktes hat sich eine Rußschicht gelegt. Vermutlich müsse die gesamte Ware, mindestens ein Großteil davon entsorgt werden, fürchtet Röhrich.

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„Die Rauchentwicklung war enorm, das ganze Umfeld wurde komplett kontaminiert“, berichtet Bernhard Vietze, Kommandant der Feuerwehr Waldkraiburg. Acht Feuerwehren mit über 120 Feuerwehrleuten und 25 Fahrzeugen waren im Einsatz, dazu THW, Polizei, BRK-Rettungsdienst mit zehn Fahrzeugen und drei Notärzten, insgesamt 60 weitere Personen.

Eine ältere Frau musste von der Feuerwehr geborgen werden.

Sechs Personen durch Rauchgase verletzt

Vietze: „Als wir kamen, stand der Laden bereits im Vollbrand.“ Neben der Bekämpfung des Feuers lag das Hauptaugenmerk der Rettungskräfte darauf, alle Bewohner heil aus den beiden Häusern hinter der Ladenzeile zu holen, zu denen der Rauch nach oben stieg. Viele konnten ihre Wohnungen eigenständig verlassen, andere mussten betreut und nach draußen begleitet werden.

Ältere Dame mit Drehleiter aus der Wohnung gerettet

Eine ältere Frau, die über dem ausgebrannten Lebensmittelgeschäft wohnt, barg die Feuerwehr mit einer Drehleiter. Ein weiterer Bewohner wurde in seiner Wohnung betreut, bis er das Haus gefahrlos verlassen konnte. Durch Einatmen von Rauchgasen wurden laut Polizeiangaben sechs Menschen leicht verletzt, vier von ihnen kamen zur Behandlung in umliegende Krankenhäuser.

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Das Geschäftshaus kann nicht betreten werden, ehe es ein Statiker freigibt, erklärte die Polizei gestern. Laut Feuerwehr war durch die große Hitze ein Betonstahlträger gerissen, das THW stützte deshalb während des Einsatzes das Gebäude ab.

Was steckt hinter dem Brand? Noch während Ermittler und Spurensicherer der Kripo Mühldorf sowie ein Sachverständiger des Landeskriminalamtes vor Ort ihrer Arbeit nachgingen und die Feuerwehren mit Aufräumarbeiten beschäftigt waren, machten bereits wilde Spekulationen die Runde. Der Inhaber des Lebensmittelgeschäfts, der seit 15 Jahren Obst, Gemüse und Fleisch verkauft, glaubt nicht an einen technischen Defekt. „Wir kochen nicht, wir haben keinen Herd, nicht einmal die Kühlung ist im Moment an. Wir haben nichts im Laden, was ein solches Feuer auslösen könnte.“ Er geht davon aus, dass der Brand gelegt wurde, und stellt einen Zusammenhang her zu Sachbeschädigungen an zwei weiteren Geschäften türkischer, beziehungsweise türkischstämmiger Betreiber in den vergangenen drei Wochen.

Ermittlungen stehen noch am Anfang

Die Polizei äußerte sich dazu auf Anfrage nicht, warnte aber vor Spekulationen. „Die Brandursache ist unklar.“ Die Ermittler stünden erst am Anfang ihrer Arbeit, so ein Polizeisprecher.

Die Polizei hofft, dass zur Klärung der Ursache ein Zeuge beitragen kann, der sich zur Zeit des Brandausbruchs in der Nähe des Brandortes aufgehalten haben könnte. Der Mann, der von anderen Zeugen gesehen wurde, wird gebeten sich unter der Telefonnummer 0 86 31/3 67 30 bei der Polizei in Mühldorf zu melden.

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