"Da fehlt bei uns die Wertschätzung" - Baubranche der Region leidet unter Fachkräftemangel

Mit den laufenden Aufträgen ist die Baubranche bisher noch gut ausgelastet, das könnte sich in Zukunft aber durch coronabedingte Einkommens- und Steuereinbußen ändern. Bartschies/Einzinger/RE

Unternehmer, Innung und Gewerkschaft in der Region Rosenheim und Mühldorf sind sich einig: Der Fachkräftemangel in der Baubranche gefährdet die zukünftige Entwicklung. Das ist aber nicht die einzige Sorge, die alle Beteiligten gerade umtreibt.

Von Frank Bartschies und Alexandra Schöne

Mühldorf/Rosenheim – Eine ungewisse Zukunft sieht die  Gewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) für die Baubranche in der Region. Grund dafür ist der herrschende Fachkräftemangel. 55 Stellen seien allein im Landkreis Mühldorf im vergangenen Jahr länger als 90 Tage unbesetzt geblieben, so die IG Bau. Im Kreis Rosenheim waren es sogar 58.

Bausektor klagt über zu wenig Lehrlinge

Den Wegfall von Facharbeitern bestätigt Peter Heiß aus Neumarkt-St. Veit, Obermeister der Bauinnung Mühldorf-Altötting, in der 63 Betriebe organisiert sind. Rund 15 bis 20 Lehrlinge würden im Baubereich jährlich freigesprochen. „Das Doppelte bräuchte die Branche“, so Heiß. Und selbst die Ausgelernten blieben dem Bausektor nicht erhalten, manche wechselten in baunahe Berufe. Trotzdem: Die Auftragslage im Baubereich ist nach übereinstimmender Aussage von Firmeninhabern und Handwerksvertretern bisher noch gut.

Peter Heiß, Obermeister der Bauinnung Mühldorf-Altötting.

Anforderungen werden immer größer

Heiß gesteht zu, dass die Anforderungen an den Nachwuchs immer größer werden - Energiekenntnisse, Statikwissen, Baustoffkunde seien Beispiele für die zunehmenden Anforderungen. Dieser Anspruch an den Nachwuchs werde von der Gesellschaft aber so nicht gesehen. Dies bestätigt auch Thomas Größlinger, Inhaber und Geschäftsführer der Baufirma Palitza in Mühldorf. Der handwerkliche Beruf – egal welcher Sparte – werde nicht geachtet. „Da fehlt bei uns die Wertschätzung“, so Größlinger. „Und dann wundern sich die Leute, wenn sie keine Handwerker kriegen.“

Thomas Größlinger, Bauunternehmer.

Firmen werben Kräfte im Ausland an

Den Mangel an Fachkräften stellt er schon seit mehreren Jahren fest. Die Situation werde immer schlimmer. Dieser Schwund sei nicht mehr auszugleichen, schon gar nicht aus der eigenen Bevölkerung. Die Kräfte müssten im Ausland rekrutiert werden.

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Fachkräfte dringend gesucht: Deutschland öffnet Arbeitsmarkt

Dies sieht auch Mühldorfs Bauinnungs-Obermeister Peter Heiß so, wobei er darauf hinweist, dass die ausländischen Arbeitskräfte nicht den hohen Ausbildungsstand hätten, der in Deutschland üblich sei. Positiv sei zumindest, so Heiß, dass in der Corona-Krise die Bauunternehmen voll ausgelastet gewesen seien. Ihm sei kein Innungsbetrieb bekannt, der Einbußen hätte hinnehmen müssen.

Rupert Rigam, Bauunternehmer.

Auch Bauunternehmer Rupert Rigam aus Mühldorf bestätigt die Probleme mit dem Fachkräftemangel. Das Handwerk sei bei jungen Leuten nicht mehr übermäßig gefragt und müsse sich in der Konkurrenz zur Industrie behaupten.

Unsicherheitsfaktor Kommunalaufträge

Auch sein Unternehmen kompensiert die fehlenden Fachkräfte durch Rekrutierungen aus dem Ausland. Aufträge mussten Rigam zufolge bisher nicht abgelehnt werden, jedoch befürchtet der Unternehmer Folgen der Corona-Krise in naher Zukunft.

Der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Altötting-MühldorfMarkus Saller sieht ebenfalls den Fachkräftemangel und die Nachwuchssorgen – und zwar in allen Handwerkssparten. Bisher verspüre die Baubranche zwar noch keine „Konjunkturdelle“, das könne sich aber ändern, wenn unter Umständen öffentliche Aufträge wegbrechen, weil die Kommunen durch die coronabedingten Steuerverluste Investitionen streichen oder aufschieben.

Im Tiefbau erste Anzeichen für Auftragsrückgänge

Das sieht auch Rupert Rigam so: Die Aufträge, die jetzt abgearbeitet würden, stammten noch aus der Vor-Coronazeit. Die notwendigen Anschlussaufträge zu bekommen, egal ob von Privat, von Firmen oder von der öffentlichen Hand, könnte schwierig werden. Beim Tiefbau mache sich diese Entwicklung bereits jetzt bemerkbar.

Die Lehrlingszahlen sind Saller zufolge im gesamten Handwerk rückläufig, wobei auch er den Grund dafür im fehlenden gesellschaftlichen Ansehen dieser Berufe, einem „latenten Akademisierungswahn“, sieht. Er regt an, dass auch junge Leute mit Abitur sich durchaus für einen Handwerksberuf entscheiden könnten. Die Ausbildungsplätze seien vorhanden.

Markus Saller, Kreishandwerkerschaft.

Interessen der Jugendlichen haben sich verändert

Für Robert Daxeder, Obermeister derBauinnung Rosenheim, ist der Fachkräftemangel ein flächendeckendes Problem. Ein Grund: Die Gesellschaft sei nicht mehr die selbe. „Die Interessenslage von jungen Menschen hat sich einfach verändert“, sagt Daxeder. Seit den 1990er Jahren würden viele Jugendliche nicht mehr einen Beruf in der Baubranche in Betracht ziehen, sondern sich anderweitig orientieren. Die Folge: Jetzt gehen nach und nach viele ältere Fachkräfte in den Ruhestand, wenig junge Leute kämen nach. Die Zeit drängt jedoch. Laut einer Studie der Sozialkassen des Baugewerbes könnte der Fachkräftebedarf in Zukunft anwachsen. Danach dürften in den nächsten zehn Jahren bundesweit 150.000 Bauarbeiter in Rente gehen. Das ist jeder sechste Beschäftigte in der Branche. Um dem Mangel entgegenzuwirken, müsse die Branche für junge Menschen attraktiver gemacht werden. Da sind sich Daxeder und Michael Müller, Bezirksvorsitzender der IG Bau Oberbayern, einig.

Michael Müller, IG BAU Oberbayern.

Gewerkschaft fordert bessere Bezahlung

Laut Müller fängt das das bei einer besseren Bezahlung an. Im Bauhauptgewerbe wird gerade noch über einen neuen Tarifvertrag verhandelt. Die IG Bau fordert hier ein kräftiges Lohn-Plus. Ein großes Problem beim Thema Lohn sind für Daxeder ausländische Arbeiter mit Werkverträgen. Denn zwischen ihnen und Beschäftigen mit Tarifverträgen gebe es einen großen Unterschied in der Bezahlung. „So wird der Markt beschnitten.“ Daxeder sieht auch die Gesellschaft in der Pflicht. Jeder Mensch müsse sich bewusst werden, was die Arbeiter leisten. „Wer baut denn die Wohnungen und Häuser, die Straßen und Brücken?“, sagt er. „Was würden wir ohne diese Leute tun?“

Im Moment trägt auch die Corona-Pandemie laut Daxeder nicht zur Entspannung der Situation bei. Vor Corona sei die Auftragslage in Ordnung gewesen. Jetzt würden die Aufträge schon zurückgehen. „Im Herbst wird man den Einbruch wohl massiv spüren“, befürchtet Daxeder.

IG BAU: Branche muss attraktiver werden

Michael Müller, Bezirksvorsitzender der IG BAU Oberbayern, sieht die Notwendigkeit, jetzt in die Fachleute von morgen zu investieren, um weiterhin die Aufträge bewältigen zu können. Die Baubranche müsse jedoch deutlich attraktiver werden: Bessere Bezahlung, bessere Arbeitsbedingungen, gesundes Betriebsklima sowie Respekt und Anerkennung für die erbrachte Leistung sind aus Sicht Müllers notwendig. „Aktuell erleben wir einen regelrechten Facharbeiter-Schwund“, so der Bezirksvorsitzende. „Drei Jahre nach der Ausbildung haben im Schnitt zwei von drei Bauarbeitern ihre Branche verlassen. Der Trend muss unbedingt gestoppt werden.“

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