Geschichte der Mühldorfer Vereine: Von Turnern, Schützen und Leseratten

Die Turner des TSV 1860 Mühldorf blicken auf eine lange und erfolgreiche Geschichte zurück.
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Die Turner des TSV 1860 Mühldorf blicken auf eine lange und erfolgreiche Geschichte zurück.

Rund 150 Vereine haben ihre Heimat in der Stadt Mühldorf. Die Industrialisierung und Verstädterung wandelte nicht nur die Gesellschaft, sie belebte auch das Vereinswesen.

Mühldorf – Alleine in der Stadt Mühldorf gibt es etwa 150 Vereine – viele davon haben eine lange Tradition, wie etwa der TSV 1860 Mühldorf. In seinem Buch „Salzburg in Bayern“ hat Heimatforscher Norbert Stellner mit dem Artikel „Vereine in Mühldorf“ die Grundlage für eine historische Betrachtung des Mühldorfer Vereinslebens geschaffen. In einer neuen Serie stellt die Heimatzeitung die bedeutendsten Vereine vor. Unterstützung erhielt die Redaktion dabei auch vom Mühldorfer Stadtarchiv. Eine wichtige Quelle war überdies das Archiv des Mühldorfer Anzeigers.

Wandel der Gesellschaft

Die Vereine kümmerten sich um die Aufgaben, die der Staat nicht erfüllte. Es entstanden die Wohlfahrtsverbände wie Caritas, Diakonie und Deutsches Rotes Kreuz. Darüber hinaus wurden viele Kultur- und Freizeitvereine gegründet, die ein Sammelbecken für Gleichgesinnte waren – auch in politischer Hinsicht. Ein Beispiel dafür sind die Arbeitervereine. Großen Zuspruch erhielten auch konservative und nationalistische Vereine.

Recht der freien Versammlung

Das stetige Wachstum der Vereine zwang schließlich auch die Politik dazu, darauf zu reagieren. Das Jahr 1848 war ein besonderer Meilenstein in der Vereinsgeschichte, denn das Vereinsrecht wurde von der Nationalversammlung als Grundrecht anerkannt. Dies bezeichnet das Recht der Staatsbürger, sich zur „Verwirklichung gemeinsamer Ziele zu vereinigen“ (Vereinigungsfreiheit), und ebenso das Recht der freien Versammlung (Versammlungsrecht). Dennoch wurden Vereine oftmals überwacht und verboten. Ein Beispiel dafür sind die jüdischen Vereine, Arbeitervereine sowie politisch verdächtigen Vereine zur Zeit des Nationalsozialismus.

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„Treffen sich drei Deutsche, gründen sie einen Verein“ – ein alter Witz mit einem Körnchen Wahrheit. Tatsächlich braucht es sieben Leute, um offiziell einen Verein zu gründen. Aber es gibt für nahezu alles in Deutschland den passenden Club: Wohltätigkeitsvereine, Umwelt- oder Menschenrechtsorganisationen, Sportvereine, Hobbygruppen aller Art, Kunstvereine, Bürgerinitiativen, Selbsthilfegruppen, Karnevalsvereine sowie Kindergärten und Schulen, die von Elterninitiativen geführt werden – die Liste ließe sich fortsetzen. Jeder zweite Deutsche ist laut des Bundesamts für Statistik Mitglied in einem Verein. Mehr als 90 Prozent des ehrenamtlichen Engagements findet in deren Umfeld statt.

Beginn in der Mittedes 19. Jahrhunderts

In Mühldorf startete das Vereinsleben Mitte des 19. Jahrhunderts. „Es ist schon erstaunlich, welche vielfältige Vereinslandschaft eine bayerische Kleinstadt wie Mühldorf in den letzten zwei Jahrhunderten hervorgebracht hat“, schreibt Heimatforscher Norbert Stellner in seinem Buch.

Die ersten Vereinigungen in Mühldorf waren der „Gesellschaftliche Verein (gegründet 1827) und eine „Lesegesellschaft (1842), Es folgten dann die Gesellschaft „Harmonie“ (1850) und der „Carneval-Verein“ (1867). Mit der Gründung der „Liedertafel“ zog in Mühldorf der Männergesang ein. 1860 kamen die Mühldorfer Turner dazu. „Auch die Mühldorfer Schützen waren damals vereinsmäßig organisiert. Zum einen in der Feuerschützengesellschaft, deren Entstehung bereits bis ins 15. Jahrhundert zurückgeht. 1868 erhielten die Feuerschützen vom Landesherrn ein Privileg, das den Status der Rechtsfähigkeit gewährte, weshalb sie sich Königlich privilegierte Feuerschützen-Gesellschaft nennen durften“, schreibt Stellner.

Blütezeit um die Jahrhundertwende

In de Kaiserzeit kam es zur Blüte bürgerlicher und kleinbürgerlicher Vereinskultur. In dieser Zeit gab es den ersten Höhepunkt des Vereinswesens in ganz Deutschland – und auch die Stadt Mühldorf machte da keine Ausnahme. Hoch im Kurs standen damals Turner und Radfahrer. Sogar der Tennissport fand in Mühldorf um die Jahrhundertwende erste Anhänger. Auch die Kegler organisierten sich in dieser Zeit. „Auch auf den Alpinismus, der sich in Bayern, begünstigt durch die in Mode gekommene Begeisterung der bürgerlichen Gesellschaft für die Bergwelt, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer stärker auszubreiten begann, wirkte sich die Sportbegeisterung aus“, schreibt Norbert Stelllner. Die dritte Gruppe, die das Mühldorfer Kulturleben prägte, waren die Geselligkeitsvereine.

Noch zum Jahresende 1899 informierte der Mühldorfer Anzeiger seine Leser über das neue Jahr in Kraft tretende Bürgerliche Gesetzbuch (BGB), was die privatrechtlichen Verhältnisse der Vereine nun reichseinheitlich regelte.

In unregelmäßigen Abständen stellt die Heimatzeitung in der Reihe „Vereine sind Leben“ die Mühldorfer Vereine vor.

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