Gejagt, gefangen und geflohen: Dramatische Szenen spielen sich im August 1989 in Ungarn ab

Im Westenangekommen, scharten sich Journalisten um die Flüchtlinge. Conny und Olaf Timm schafften es sogar in die „Neue Revue“. Enzinger
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Im Westen angekommen, scharten sich Journalisten um die Flüchtlinge. Conny und Olaf Timm schafften es sogar in die „Neue Revue“. Enzinger

Vier Tage wie ein Krimi: Aufgeschreckt von Maschinengewehrsalven, von Denunzianten verraten, am Ende im Auffanglager. Es sind dramatische Tage im August 1989, als sich Conny und Olaf Timm entscheiden, aus ihrem Urlaub am Balaton nicht mehr zurück in die DDR zu kehren. Sie nehmen das Risiko der Flucht auf sich.

Mühldorf – Mit Trabi und Segelboot nach Ungarn. „Wir hatten eigentlich nicht vor, zu fliehen, wollten abwarten“, erzählt Olaf Timm, wenn er an die drei Monate vor dem Mauerfall an der Grenze zwischen Ungarn und Österreich denkt. Immer wieder hört man in dieser Zeit im deutschsprachigen Radiosender „Danubius“ davon, dass DDR-Bürger zu Hunderten die Flucht über die Grenze nach Österreich gelungen ist. Die Timms, damals 25 und 31 Jahre alt und unverheiratet, haben immer das selbe Bild vor Augen: Ausgeschlachtete Trabis am Straßenrand, Campingplätze mit verwaisten Zelten und verlassenen Wohnwagen. „Fast gespenstisch“, erzählt Conny Timm.

Die beiden sind neugierig, verbringen einige Tage an der ungarisch-österreichischen Grenze, um sich umzusehen. Dabei kommen sie nach Köszeg, zwei Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt– sie laufen direkt in die Arme eines ungarischen Grenzsoldaten. Mit Maschinengewehr im Anschlag werden die beiden auf ein Militärfahrzeug verladen und in eine Kaserne verhört.

Flucht-Unterlagen gehen an die Stasi

Es ist der 21. August 1989. Sie beteuern endlos, dass sie keine Fluchtgedanken hatten – am Ende unterschreiben sie: „Kirche besichtigt zur Vorbereitung eines späteren Grenzübertritts.“ Warum? „Sonst hätten sie uns festgehalten. So wurden wir wieder freigelassen, für das Militär war damit die Sache erledigt“, erklärt Olaf Timm. Doch eines ist sicher: Die Stasi wird die Unterlagen erhalten. „Zurück können wir nicht mehr!“, sagt Conny Timm

Der Verräter sitzt im Trabi vor ihnen

Mit dem Trabi geht es in die nächste Stadt: Šopron, knapp 40 Kilometer nördlich von Köszeg gelegen, unterhalb des Neusiedler Sees, ein Zentrum der Flüchtigen gilt. In einem Restaurant treffen sie auf Gleichgesinnte, die vorgeben, eine Route nach Österreich zu kennen. In einem Konvoi von 40 Autos setzen sie sich in Bewegung, doch schon in Šopron verfahren sie sich, lassen die Autos zurück, um der Weisung des Anführers zu folgen und in den angrenzenden Wald zu gehen.

Plötzlich Maschinengewehrsalven. Panik. Die Situation eskalier, als ein ungarischer Grenzsoldat in den Boden schießt, der aufwirbelnde Dreck ein Kind verletzt und dessen Vater einen Soldaten angreift. Jetzt setzt die Polizei Tränengas ein, verhaftet alle. Wieder geht es in eine Kaserne, wo die Timms erneut erfasst werden. „Wir wurden gut behandelt, bekamen zu essen und zu trinken. Wenig später waren wir auf freiem Fuß“, berichtet Timm, der sich im Nachhinein sicher ist: „Da wurde mit Platzpatronen um sich geschossen. Da wollte niemand irgendwen verletzen!“ Schwerer wog die Wut, einem Denunzianten aufgesessen zu sein. „Die Grenzsoldaten wussten, dass wir kommen!“

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Conny und Olaf Timm geben nicht auf. Nahezu mittellos steuern sie die nächste Grenzregion an: Jánossomorja. Eine Stadt, knapp zehn Kilometer von der ungarisch-österreichischen Grenze entfernt, östlich des Neusiedler Sees. Sie suchen Kontakt zu Einheimischen, um sich über einen Grenzübertritt informieren. Die Rede ist von zwei Zäunen und einem Tor, das meistes offen sei. Gegen Mitternacht am 25. August 1989 machen sich die Timms auf den Weg.

„Die Drahtschere für den Grenzzaun haben wir noch im Ort gekauft, orientiert haben wir uns an einer Karte, die wir aus unserem Straßenatlas gerissen haben.“ Ein Fehler: Denn bald schon stellen sie fest, dass die eingezeichneten Wege und Straßen nicht der Realität entsprechen. Ziellos irren sie umher, werden vom Verwalter einer Kolchose mit Hund verfolgt, von Mücken geplagt, waten durch eine Jauchegrube – bis sie endlich einen Stacheldrahtzaun erreichen. Der Grenzzaun?

Grenze entpuppt sich als Militärlager

Sie holen die Zange raus, zerschneiden den ersten Draht, dann in zehn Metern Entfernung den nächsten. Ein Grenzpfosten? Olaf Timm ist sich nicht sicher, es ist zu dunkel. Aber den Tanklaster wenig später erkennt er sehr gut. Auch die Hubschrauber. Den beiden wird sofort klar: Sie haben sich Zugang zu einer Militärbasis verschafft. Drei Soldaten nähern sich. In Todesangst verstecken sie sich im Graben unter einer Militärplane. Als die Patrouille außer Sichtweite ist, rennen sie los, „entgegengesetzt zum schon Sonnenaufgang, Richtung Westen!“, erzählt Timm. Sie erkennen einen verlassenen Wachturm, aus der Entfernung knattern Maschinengewehre.

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Für die Timms heißt das: Die Wachposten sind abgelenkt, jetzt oder nie! Sie passieren einen Traktor mit schwarzem Kennzeichen – typisch für Österreich. Das wissen sie. Oder doch nicht? In einem Weinberg stillen sie mit sauren Trauben ihren Durst bis eine Frau in einem Auto vorbeifährt. Sie halten sie an, die Sprache der Weinbäuerin verschafft Gewissheit: Sie haben es geschafft. Sie sind in Österreich! Im Burgenland, genauer gesagt in Andau.

Klamotten von der Weinbäuerin

Die Weinbäuerin gibt ihnen Kleidung und Geld nach Deutschland. Sie werden registriert und in ein Auffanglager nach Gießen gebracht. Dem damaligen Pflegenotstand ist es zu verdanken, dass Krankenschwester Conny Timm in Dachau schnell Arbeit findet. Ihr Mann, Elektro-Ingenieur findet eine Anstellung in Dachau, später am Flughafen München und schließlich in Mühldorf bei der Erdgas Südbayern.

Seit 1991 wohnen sie in der Kreisstadt, genießen die lange verwehrte Reisefreiheit, um mit dem Wohnmobil aller Herren Länder zu bereisen. Ihr Sohn kommt vor 19 Jahren auf die Welt und hat den Eheleuten Timm eines voraus: Er spricht perfekt Bayerisch. „Das haben wir in 30 Jahren nicht gelernt!“, lacht Olaf Timm.

Die letzten Fotos – alle vernichtet

Von der DDR bleiben Erinnerungen. Alleine die letzten Bilder dazu fehlen. Bei einem der Interviews nach der Flucht hatten die Timms ihre Exakta-Kamera einem Journalisten mitgegeben, der den Film entwickeln sollte. Der wurde dabei zerstört, als Entschädigung gab es 600 Mark. „Was nicht ansatzweise den Wert widerspiegelt, den diese letzten Aufnahmen für uns bedeutet hätten!“

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