Gegen die Wegwerf-Gesellschaft: Helga Jager ist als Schuhmacherin eine Rarität

Egal ob Damen-, Herren- oder Kinderschuhe: Die Schusterin Helga Jager repariert alle wieder. Meier
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Egal ob Damen-, Herren- oder Kinderschuhe: Die Schusterin Helga Jager repariert alle wieder. Meier

Egal ob edler Businessschuh für den Herren, hochhackige Pumps für die Dame, niedliche Sandalen für die Kinder, Gummistiefel, Sneakers oder sonstige Fußbekleidung – bei Helgas Schuhladen ist man genau goldrichtig, wenn man Hilfe rund um das Thema Schuhe benötigt.

Rattenkirchen – Helga Jager repariert schon seit über 27 Jahren Schuhe und lässt sie wieder wie neu aussehen. Die Meisten kann sie wieder richten, es sei denn, sie sind brüchig. „Da kann man kleben, wie man möchte, aber manche Schuhe sind nicht mehr zu retten“, erklärt die Fachfrau. Sie ist eine von wenigen Schuhmacherinnen in Deutschland und damit etwas ganz Besonderes. Dass dieses Handwerk ausstirbt, ist eine traurige Tatsache.

Dabei gibt es diesen Beruf schon seit hunderten von Jahren. Selbst die im Gletscher aufgefundene Mumie „Ötzi“ hatte Treter an ihren Füßen. Dies beweist, dass die Menschen schon vor mehr als 5000 Jahren Schuhe trugen. Diese waren gefüttert, mit einem Schnürsenkel verschlossen und mit separater Profilsohle versehen. Schaft und Außensohle waren sogar aus Leder. So gesehen gibt es zu den heutigen Schuhen viele Gemeinsamkeiten.

Billigschuhe landen schnell im Müll

Dass ausgerechnet dieses wichtige Handwerk zusehends mehr in Vergessenheit gerät, ist bedauerlich. „Sattler gibt es auch nicht mehr viele, aber es hat sich wieder ein bisschen verstärkt, weil es wieder mehr Pferde gibt. Heutzutage kauft man sich einfach neue Schuhe, wenn sie kaputt sind. Wenn die Schuhe recht billig waren, rentiert sich das Richten nicht mehr“, so Jager.

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Doch wie kam sie überhaupt zu diesem seltenen Beruf? Schließlich ist sie als Frau in diesem Männerhandwerk fast schon eine Exotin. 1956 gründete ihr Vater Helmut Rösel mit seiner Frau Pauline gemeinsam den hübschen Laden in der Dorfstraße 16. Ihr Vater war gelernter Schuster und hatte nach dem Krieg die Meisterprüfung erfolgreich abgeschlossen. „Mein Vater fing damals mit zehn paar Gummistiefeln an. Die verkaufte er. Dann kamen noch die Reparaturarbeiten dazu. So arbeitete er sich hoch und machte sich einen Namen in der Region“, erzählt Jager.

Schon der Vater war Schuster

Sie war das einzige Kind des Schustermeisterehepaars Rösel. Eigentlich wollte sie Erzieherin lernen, weil sie so kinderlieb ist, doch ihr Vater forderte von ihr, dass sie eine Ausbildung zur Verkäuferin machen und im elterlichen Betrieb mitanpacken solle. „Er meinte, dass ich mich um Dinge wie den Verkauf, die Buchhaltung und die Dekoration des Geschäfts kümmern solle. Die Werkstatt war sein Reich“, erklärt die Rattenkirchenerin. Schon von klein auf wurde sie zu Hause eingespannt. Arbeit gab es immer.

Kurz vor Weihnachten 1991 starb ihr Vater überraschend. Das war für die sympathische Frau eine Katastrophe, denn schließlich musste der Laden fortgeführt werden. Sie wurde buchstäblich ins kalte Wasser geworfen. Schließlich hatte sie den Beruf selbst niemals erlernt. Ein Schuster, der zehn Jahre bei ihr arbeitete, lehrte sie schließlich das Handwerk. „Mein Papa und unser Mitarbeiter hatten mir schon viel gezeigt. Durch sie lernte ich die Kniffe und Tricks des Schusterhandwerks. Seit 17 Jahren mache ich alles komplett alleine“, erklärt die Schuh-Expertin.

Eine schnelle Auffassungsgabe und ihr handwerkliches Geschick waren für sie ein großer Vorteil. Dadurch konnte sie ihre Arbeit zügig professionell ausüben.

Der Umwelt zuliebe: kein Imprägnier-Spray

Die pfiffige Fachfrau repariert jedoch nicht nur Schuhe. Auch Gürtel, Handtaschen, Rucksäcke, Hundeleinen und sonstige Lederware werden bei ihr wieder wie neu gemacht. Jager bietet ihren Kunden in ihrem Laden auch eine große Auswahl an Schuhen an. Der Kunde erhält eine professionelle Beratung, bei der genau geprüft wird, ob der Schuh, der nicht nur optisch toll aussehen soll, auch tatsächlich zum Fuß passt. Ihre Arbeit ist sehr abwechslungsreich.

Sie liebt ihren Beruf und vor allem auch den Kontakt zu ihren Kunden. Jeder Schuh hat seine Geschichte. Wenn die Schusterin diese wieder repariert bekommt, freut sie sich. Sie legt großen Wert auf Umweltfreundlichkeit. Statt Spray gibt es gutes Fett, das die Schuhe perfekt imprägniert.

Sobald sie ihren Laden zuschließt, gehört die Zeit wieder ihrer Schäferhündin, die der tierlieben Helga immer wieder ein breites Lachen ins Gesicht zaubert.

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