Angriffe auf türkische Läden und wohl Brandstiftung: Lebensgefährlicher Hass in Waldkraiburg?

Seit der Brandnacht kursiert der Verdacht, dass es sich um einen fremdenfeindlichen Anschlag handeln könnte. Fib/Eß
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Hat der Großbrand, der am Montag in einem türkischen Lebensmitteladen am Sartrouville-Platz ausbrach, einen fremdenfeindlichen Hintergrund? Seit der Brandnacht kursiert dieser Verdacht, der sich immer weiter zu verdichten scheint.

Waldkraiburg – Jetzt hat die Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus (ZET) bei der Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen übernommen. Zur Klärung des Brandgeschehens hat die Kripo eine 25-köpfige Sonderkommission eingerichtet. Die Polizeipräsenz im Stadtgebiet Waldkraiburg wurde erhöht.

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Sechs Menschen wurden bei dem Brand verletzt, der schweren Schaden in der ganzen Ladenzeile anrichtete. Von einem Betrag im siebenstelligen Bereich gehen die Schätzungen aus. Seit Montag laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. 25 Beamte von mehreren Dienststellen gehören der „Soko Prager“ an, die unter Leitung von Kriminaldirektor Hans-Peter Butz die Ermittlungen wegen vorsätzlicher schwerer Brandstiftung aufgenommen hat. Hinweise auf ein eventuelles Tatmotiv liegen derzeit nicht vor, heißt es zugleich in der Pressemitteilung des Präsidiums. Nach einer aufwändigen Spurensicherung mit Unterstützung eines Sachverständigen des Landeskriminalamtes und unter Hinzuziehung eines speziell ausgebildeten Brandmittelspürhundes werden gesicherte Spuren von Spezialisten des LKA untersucht. Näheres teilt die Polizei dazu nicht mit.

Straftaten gegen türkische Geschäfte: Polizei sucht Zeugen

Wie berichtet ermittelt die Soko „Prager“ auch zu zwei weiteren Taten. In der Nacht von 16. auf 17. April wurde ein Friseurladen am Stadtplatz und in der Nacht von 18. auf 19. April ein Lokal am Annabergplatz angegangen. In beiden Fällen wurden Fensterscheiben eingeworfen. Die drei Inhaber sind türkische Staatsangehörige, beziehungsweise haben türkische Wurzeln.

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Die Soko ruft die Bevölkerung zur Mithilfe bei der Aufklärung dieser Taten auf:

• Wer hat in den Tatnächten von Donnerstag, 16. auf Freitag, 17. April und Samstag, 18. auf Sonntag, 19. April verdächtige Personen oder Fahrzeuge im Umgriff des Friseurladens am Stadtplatz und des Lokals am Annabergplatz festgestellt?

• Wer hat in der Nacht von Sonntag, 26., auf Montag, 27. April im Waldkraiburger Zentrum, am Stadtplatz oder Sartrouvilleplatz oder in deren Umgebung verdächtige Personen oder Fahrzeuge festgestellt, die in Zusammenhang mit dem Brand stehen könnten?

Wer hat verdächtigen Mann am Brandort gesehen?

Unmittelbar nach Ausbruch des Brandes hatten Zeugen einen Mann beim Verlassen des Stadtplatzes/Sartrouvilleplatzes beobachtet. Derzeit stehe nicht fest, ob dieser als Zeuge oder Tatverdächtiger in Betracht kommt, so die Polizei. Eine nähere Beschreibung liegt nicht vor. Es soll sich um eine jüngere Person handeln. Auch dazu hofft die Polizei auf weitere Hinweise unter Telefon 0 86 31/3 67 30 bei der Inspektion in Mühldorf.

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Die Präsenz von zivilen und uniformierten Streifen im Stadtgebiet wurde erhöht. Unter Federführung des Präsidiums werden dort neben Beamten der örtlichen Inspektion weitere Einsatzkräfte eingesetzt. Dazu Polizeipräsident Robert Kopp: „Die Gefährdung oder Schädigung türkischer Einrichtungen ist in keiner Weise akzeptabel und mit einer toleranten und weltoffenen Gesellschaft nicht vereinbar.“ Die Polizei werde alles tun, um derartige Taten zu verhindern.

Netzwerk „Mühldorf ist bunt“ plant Mahnwache

Noch ist der Hintergrund des Großfeuers vom Montag nicht aufgeklärt. Doch Hartmuth Lang, Sprecher des Netzwerks für Demokratie „Mühldorf ist bunt“, ist ebenso wie der türkische Ladenbesitzer, der namentlich nicht genannt werden will, von einem fremdenfeindlichen Hintergrund überzeugt. Der Geschäftsinhaber dementiert aber ausdrücklich Nachrichten, die im Internet kursieren, wonach die Ladentür mit „Ausländer raus“-Parolen und Hakenkreuzen beschmiert gewesen sei. „Ich habe davon nichts gesehen“, sagt er auf Anfrage. Allerdings habe er vor mehreren Wochen wiederholt Flugblätter gegen Merkel und Erdogan in Obstkisten gefunden.

Die Solidarität, die er derzeit erfahre, beeindruckt den 29-jährigen Mann: „Mein Handy steht nicht mehr still. So viele Leute, Türken und Deutsche, bieten uns Hilfe an.“

Für Samstag, 10.30 bis 11.30 Uhr, kündigt das Netzwerk eine Mahnwache am Sartrouville-Platz an. Hartmuth Lang betont nach Gesprächen mit Polizei und Landratsamt, dass nicht mehr 50 Personen daran teilnehmen können. Sollte die Zahl überschritten werden, droht wegen der geltenden Corona-Regelungen die Auflösung der Veranstaltung. Der Abstand von 1,50 Meter sei zwingend einzuhalten. Den Teilnehmern wird geraten, Mund-Nasen-Schutz zu tragen.

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