In Frauenkleidern zu Fronleichnam: Was einen Mühldorfer 1910 ins Gefängnis brachte

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In den 1910er-Jahren erregte Josef Meissauer Aufsehen, weil er Frauenkleider trug. Selbstbewusst ließ sich der Kaufmann vor seinem Geschäft in der damaligen Pfaugasse ablichten. Stadtarchivar Edwin Hamberger hat die Postkarte aus den Beständen hervorgeholt, nachdem sie in der ARD zu sehen war.
  • Markus Honervogt
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Ein Mann in Frauenkleidern: Um 1910 so leben zu können, brauchte der Mühldorfer Kaufmann Josef Meissauer eine gerichtliche Erlaubnis. Wenig später landete er trotzdem im Gefängnis: wegen groben Unfugs.

Mühldorf – Stadtarchivar Edwin Hamberger erinnert sich genau an den Abend, als er eine Dokumentation über die ARD-Serie „Bayblon Berlin“ anschaute. Die Reporter filmten gerade in der Nachfolgeeinrichtung des Berliner Sexualforschungsinstituts von Dr. Magnus Hirschfeld in Berlin, als Hamberger klar wird: „Das ist doch Mühldorf.“

Im Fernsehbild eine Postkarte in schwarz-weiß. Darauf ein Mann in Frauenkleidern und mit Damenperücke vor einem Geschäft in der damaligen Pfau-, der heutigen Bräugasse. Darunter der der Satz: „Gruß aus Mühldorf a. I.“. Über dem Mann ein Nasenschild: „Zur billigen Quelle“ und ein Name: Josef Meissenauer. Das Jahr: etwa 1910.

Als Mann geboren, tatsächlich eine Frau

Den Mann in Frauenkleidern würde man heute wohl transident nennen. Er gehört damit zu den Menschen, deren Geschlechteridentität gestört ist; die – wie Meissauer – als Mann geboren sind, sich aber als Frau fühlen, oder umgekehrt.

Die Postkarte aus dem Jahr 1910, das den Kaufmann Josef Meissauer zeigt.

Meissauer ist 1910 ein bekannter Kaufmann in Mühldorf, der seinen Geschlechtswandel zum Markenzeichen gemacht hat. Anders ist die Postkarte mit damals üblichen „Gruß aus Mühldorf“ kaum zu verstehen. Das denkt auch der verstorbene Heimatforscher und Stadtarchivar Rudolf Angermeier, der Anfang der 1990er Jahre die Bändchen „Mühldorf in alten Ansichten“ vorgelegt hat. In Band zwei zeigt er als Bild Nummer 43 die Postkarte Meissauers. Angermeier schreibt über das Auftreten des Kaufmannes: „Seinem Geschäft tat das keinen Abbruch und die Leute hatten sich an seine Marotte gewöhnt.“

Wegen groben Unfugs vor Gericht

Nur einmal übertrieb es der damals 45-jährige Bürstenhändler: Da ging er – geschmückt mit einem Jungfernkränzchen – auf hohen Schuhen während der Fronleichnamsprozession unter den Arkaden entlang. Das brachte ihn vor Gericht, wie der Mühldorfer Anzeiger am 12. August 1910 berichtet. Wegen „groben Unfugs“ schickte ihn der Richter für 14 Tage in Haft, nachdem er 25 Zeugen angehört hatte.

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Der damalige Reporter des Mühldorfer Anzeigers teilt Heimatforscher Angermeiers Wohlwollen für Meissauer nicht. Er beschreibt den Zopf Meissauers als „einem Rattenschwanzl ähnlich“, kritisiert, dass Meissauers Auftreten in Röcken für die Mitmenschen „nicht besonders angenehm“ gewesen sei.

Meissauers Spur in Mühldorf verliert sich nach einigen Jahren

Eine Rolle vor Gericht spielen zwei ältere Gerichtsurteile von 1902 und 1905. Sie erlaubten es Meissauer offiziell Frauenkleider zu tragen. Für Stadtarchivar Hamber schließt sich an diesem Punkt der Kreis zu dem Sexualforschungsinstitut aus der Dokumentation über „Babylon Berlin“. Dr. Hirschfeld erstellt ein Gutachten, das Meissauer vor Gericht zur Erlaubnis verhalf, Frauenkleider tragen zu dürfen. Hirschfeld erkennt, dass Meissauer eigentlich eine Frau ist.

Wie lange Meissauer so in der Mühldorf lebt, lässt sich nicht mehr klären. Die Spur des Kaufmanns aus der Pfaugasse verliert sich schon bald. In den Gewerbeverzeichnissen im Stadtarchiv von 1920 taucht sein Name nicht mehr auf.

Folgen der Krimiserie „Babylon Berlin“ werden derzeit in der ARD wiederholt und sind auch in der Mediathek zu sehen. Dort gibt es auch die Dokumentation „1929: Das Jahr Babylon“.

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Fragen an eine Transfrau

Die Haagerin Wiebke Müller ist eine sogenannte Transfrau. Sie engagiert sich seit Jahren, um über Trans-Idente aufzuklären und Hilfe anzubieten.

Wie schätzen Sie die Situation für Trans-Idente?

Wiebke Müller: In München gibt es eine sehr offene Szene mit vielen Anlaufstellen. Wir können uns hier unten in Bayern nicht beklagen, in ganz Deutschland schaut es für uns so schlecht nicht aus, Deutschland ist recht offen. Inzwischen haben wir auch gute Psychiater zur Begutachtung. Im Landkreis haben wir mal versucht, einen Stammtisch ins Leben zu rufen, der auch anfangs gut besucht war. Er ist aber bald eingeschlafen.

Wiebke Müller.

Woran liegt das?

Müller: Wenn die Situation geklärt ist und wir die Transition durchgestanden haben und angeglichen sind, gibt es die Tendenz, dass wir uns ins ganz normale Leben zurückziehen. Das ist auch gut so.

Wie viele Trans-Idente gibt es?

Müller: Man muss ehrlich sein, dass wir eine Minderheit sind. Man rechnet auf 13 000 Menschen einen Trans-Identen. Wir haben aber leicht steigende Zahlen, wobei sich Transmänner und Transfrauen relativ die Waage halten.

Wie reagiert die Gesellschaft, sehen andere Menschen ihr Leben als normal an?

Müller: Bei uns Frauen ist es schwieriger als bei einem Transmann. Der lässt sich im Prozess der Hormonbehandlung einen Bart stehen, der bekommt breite Schultern und eine tiefe Stimme in einer Art zweiter Pubertät. Der fällt nicht auf. Wir Transfrauen behalten eine kratzige Stimme, wir behalten das breite Kreuz, die männliche Gestalt legen wir nicht ab.

Werden Sie damit in der Öffentlichkeit konfrontiert?

Müller: Es gibt ganz selten blöde Bemerkungen und nur ganz selten gewalttätige Übergriffe wie wir es schon einmal am Stachus erleben mussten. Man lässt uns in Frieden. Wir fallen nicht auf, wir tun niemanden was, wir sind nicht ansteckend. Unsere geschlechtliche Identität, die Trans-Identität, ist eine unter mehreren Identitäten, die es gibt.

Was raten Sie Betroffenen?

Müller: Im Internet findet man Selbsthilfegruppen, in München gibt es das Café Regenbogen als Anlaufstelle und die Koordinierungsstelle für gleichgeschlechtliche Lebensweisen. Wir gehen vom Aufklärungsprojekt München in Schulen und werden dabei von Betroffenen angesprochen. Man kann zum Hausarzt gehen und sich zum Psychiater überweisen lassen. Vor allem junge Leute müssen feststellen, ob es sich um eine momentane Phase handelt oder um mehr.

Zur Person

Wiebke Müller, 77, wurde als Mann geboren, seit 2006 ist sie auch offiziell eine Frau, eine Trans-Idente. Die 77-Jährige engagierte sich Anfang der 1990er Jahre als SPD- und AWO-Vorsitzende in Mühldorf. Heuer kandidiert sie für den Kreistag und den Gemeinderat in Haag, wo sie lebt.

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