INTERVIEW

„Finden wir den Nenner?“

Eine Stimme für Europa: Walter Göbl ist neuer Vorsitzender der Europaunion. Die hat nichts mit der CSU zu tun. hon
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Eine Stimme für Europa: Walter Göbl ist neuer Vorsitzender der Europaunion. Die hat nichts mit der CSU zu tun. hon

Walter Göbl ist neuer Vorsitzender der Europa-Union im Landkreis Mühldorf. Zum Gespräch kommt er gut gelaunt mit vielen Europafähnchen.

Asylkrise, CETA, Kritik an Brüssel: Macht die Arbeit in der Europa-Union derzeit Freude?

Ja, obwohl oder gerade weil die Herausforderungen größer werden.

Warum tut sich Europa so schwer?

Das liegt zum einen an den langwierigen Entscheidungsprozessen, am föderalen System, das wir ja alle wollen. Wichtige Beschlüsse werden nicht zentralistisch getroffen, sondern in Abstimmung aller Partner. Föderalismus aber braucht Zeit, damit alle Interessen zur Sprache kommen.

Und zweitens?

Wir sind zwar alle Europäer, haben aber sehr unterschiedliche Geschichten. Zum Beispiel reagiert ein Land wie Ungarn, das lange vom Islam regiert wurde, anders, als Länder, die das nie erlebt haben. Das Gleiche gilt für die osteuropäischen Staaten in Hinblick auf Russland.

Sie bezeichnen sich selbst als überzeugten Europäer. Warum brauchen wir eine europäische Einigung?

Wir haben dank der europäischen Einigung 70 Jahre Frieden...

„Die Flüchtlingskrise, können wir nicht mit den Rezepten aus dem 19. Jahrhundert lösen.“ Walter Göbl

...ein Argument, das abgedroschen wirkt angesichts der aktuellen Schwierigkeiten.

Es ist aber nicht abgedroschen. Wir hatten und haben außerhalb der EU Kriege. Im ehemaligen Jugoslawien und jetzt in der Ukraine Kriege, also in Europa.

Gegen die derzeitigen Krisen setzen Regierungen und viele Menschen auf die Rückkehr zu mehr nationaler Verantwortung. Ist die europäische Idee Geschichte?

Die jetzigen Krisen, zum Beispiel die Flüchtlingskrise, können wir nicht mit den Rezepten aus dem 19. Jahrhundert lösen. Wir müssen uns stattdessen auf mehr Gemeinschaft besinnen und Kompromisse schließen. Wir müssen das Parlament stärken, weil es die einzige Möglichkeit ist, dass der Bürger stärker durchdringt. Was wir auf keinen Fall tun dürfen, ist, in den nächsten Jahren die EU zu erweitern.

Zeigt sich nicht derzeit, dass die Mentalitäten und historischen Erfahrungen der EU-Staaten zu weit auseinander liegen?

Es kann zusammengehen. Die Europäische Union hat viel zu tun mit der gemeinsamen Basis der griechischen und römischen Kultur, auf der die europäischen Staaten basieren. Sie ist gefestigt durch die christlichen Wurzeln, die Aufklärung und die Demokratie. Aber es bleibt die zentrale Frage: Finden wir diesen gemeinsamen Nenner?

Wird sich der Kreisverband unter Ihrer Leitung verändern?

Wir haben einige neue Ideen wie Infostände, beginnend auf dem Stadtplatz Mühldorf, oder einen Malwettbewerb für Schüler. Wir behalten natürlich die Reisen bei, denn sie bringen Europa den Bürgern näher.

Bislang wirkten diese Reisen oder das Europa-Essen eher folkloristisch.

Das sind wichtige Grundpfeiler unseres Jahresprogramms, die wir beibehalten werden. Wie kann man die große und schöne Vielfalt Europas besser dokumentieren als durch ein gemeinsames Essen mit europäischen Spezialitäten? Insgesamt wird es politischer werden. Im Herbst 2017 fahren wir nach Eupen in Belgien. Die Reise steht jedermann offen. Von dort aus wollen wir Städte wie Brüssel oder Maastricht besuchen, um uns vor Ort über die Arbeit der EU und der Institutionen zu informieren und mit Verantwortlichen zu sprechen. Das gilt auch für die Vereinsfahrt nach Slowenien, wo wir auch mit slowenischen Abgeordneten, Kommunalpolitikern, aber auch Wirtschaftsvertretern zusammentreffen werden, um über Europa zu sprechen.

Der Kreisverband ist einer von 350 in ganz Deutschland und hat 45 Mitglieder. Sind die alle bei der CSU?

Nein, die Europa-Union ist ein überparteilicher Verein, der nichts mit der CSU zu tun hat, auch wenn der Name an die CSU-Verbände erinnert.

Der Kreisverband stand kurz vor der Auflösung. Wie soll er wieder aktiver werden?

Wir haben eine stabile Vorstandschaft und langsam steigende Mitgliederzahlen. Unser Ziel ist es, uns stärker zu öffnen auch in Richtung Jugend. Das ist ein Appell, sich zu engagieren, weil die Jugend am meisten von Europa profitiert. Wir wollen eine gute Zusammenarbeit mit dem Kreisverband Altötting, ein Zusammenschluss steht allerdings nicht zur Debatte. hon

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