30 Jahre Deutsche Einheit

Es rattert und knattert: Ein Mühldorfer Oldtimer-Fan über seine Leidenschaft für Trabis

  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Vier Räder, zwei Lichter vorne, zwei hinten. Dazu ein Dach über den Kopf und auf der Ablage ein Klopapierhut. Das Wichtigste aber ist: Man kommt von A nach B. Mehr braucht ein Trabi nicht. Gerade die Einfachheit ist es, die Hobbyschrauber begeistert.

Mühldorf– Gleichmäßig und doch aufgeregt klopfen die Zylinder im Takt. Laut wird es, als das Vehikel durch das Münchner Tor fährt und dann in Richtung Stadtplatz einschlägt. „Den hört man von Weitem“, weiß natürlich auch Michael Schranner aus Mühldorf, als er vor dem Mühldorfer Rathaus aus seinem Fahrzeug steigt, ein Trabant P 601 L. „Aber gerade dieses Fahrgeräusch – das macht das Fahrgefühl aus!“, meint der Oldtimer-Liebhaber. Es ist nicht der einzige Trabi im Fuhrpark des Mühldorfers, er besitzt auch noch eine 34 Jahre alte Kombi-Version aus den Sachsenring-Werken. Der 61-Jährige ist schon lange Oldtimerliebhaber, den gletscherblauen Flitzer, mit dem er gerade über den Stadtplatz gefahren ist, hat er aber erst seit 2016.

26 Pferdestärken und maximal 100 Sachen

Wobei Flitzer übertrieben ist: Bei 26 Pferdestärken und einem Hubraum von 594 Kubikmeter beträgt die Spitzengeschwindigkeit gerade mal 100 Kilometer in der Stunde. Von den vielen Tankstopps ganz zu schweigen, wenn es damit nach Ungarn oder an die Ostsee ging, zu DDR-zeiten die bevorzugten Urlaubsziele der Ostdeutschen.

24-Liter-Tank stellt den Reisenden vor eine große Herausforderung

„Mit dem 24-Liter-Tank muss man froh sein, wenn man damit 250 Kilometer schafft“, verrät der Oldtimer-Besitzer. Aber um Reichweite geht es ohnehin nicht, wenn man sich in den Wagen setzt, der ein Jahr vor der Maueröffnung vom Fließband gerollt ist. Schranner schwärmt vom rhythmischen Klopfen des Zweizylinders, der ein wunderbares Fahrgefühl vermittle. „Und das ist umso schöner, je mehr Trabi-Liebhaber zusammen unterwegs sind“, sagt Schranner.

Am liebsten im Korso unterwegs

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Im Korso mit 15 bis 20 Fahrzeugen. „Das lenkt die Aufmerksamkeit vieler auf sich“, berichtet der Mühldorfer, der in unserer Region nicht allein ist mit seiner Leidenschaft des DDR-Mobils. In Tacherting gibt es sogar einen Club, die Trabant Piloten Tacherting, dem Schranner angehört. Und auch im Bayerischen Trabant Club e. V., der in Dorfen seinen Sitz hat ist der Mühldorfer Mitglied. „Das hat nur Vorteile“, ergänzt Schranner, „nicht nur beim Fachsimpeln und beim Austausch von Anekdoten, was man schon alles mit dem Wagen erlebt hat“. Man hilft sich gegenseitig, wenn es um Reparaturen geht, holt sich Hilfe oder sogar Ersatzteile.

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Einfacher, aber zuverlässiger Motor: Reparaturen halten sich in Grenzen

Bei seinem 601er-Modell halten sich die Reparaturen aber in Grenzen, sagt Schranner. Kein Wunder, der Motor hat gerade Mal 52 000 Kilometer auf dem Tacho. „Und die Technik ist so einfach, dass man sich selbst helfen kann“, meint der Mühldorfer. Das sei auch wichtig, damit das Hobby finanzierbar bleibt.

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Natürlich darf die Tatze am Auspuff nicht fehlen

Alles sei original, betont Schranner, zeigt dabei auch auf die obligatorische Tatze am Auspuff des Fahrzeuges – ein unbedingtes Muss eines Trabi-Besitzers im Honecker-Deutschland, wenn man hipp sein wollte. Und was darf noch nicht fehlen? Natürlich der Klopapierhut. Der schmückt die Ablage des Zweitakters, inklusive Toilettenpapier, „und auch das stammt noch aus DDR-Zeiten“, verrät Schranner.

Keine Rostflecken? Kein Wunder, „ist ja alles nur Pappe“

Von Rostflecken – auch nach über 30 Jahren keine Spur. „Kein Wunder ist ja auch nur Pappe“, witzelt Schranner. Ihm ist natürlich klar: Einen Umweltpreis bekommt er für seien Trabi nicht, das Benzin muss er mischen, Innenstädte sind für ihn tabu. „Dafür habe ich aber eine Großstaubplakette“, grinst Schranner und streichelt behutsam über den Kotflügel seiens Fahrzeuges, das er liebevoll „Donnervogel“ nennt. Warum ausgerechnet diese Bezeichnung wird sofort klar, wenn er den Zündschlüssel dreht.

Es stottert, es knattert, es rattert

Sofort beginnt der Motor aufgeregt zu stottern, zu knattern und zu rattern. Schranner fährt los, der Motor heult auf und schon zieht er sämtliche Blicke der am Stadtplatz flanierenden Menschen auf sich, wenn er mit seinem fahrbaren Untersatz über das Kopfsteinpflaster brettert. Ein Hauch DDR-Nostalgie, auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung.

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