Erst verschlafen, dann in einer Nachfahrt zum Mauerfall

Ein letzter Blick zur Mauer: Uwe Reuter (links) mit zwei Freunden vor dem Brandenburger Tor im August 1989, nur wenige Wochen vor dem Mauerfall. Am 10. November verließ der Töginger spontan seine Arbeitstelle und fuhr nach Berlin, um die Maueröffnung mit zu erleben. Die Tour führte ihn natürlich wieder ans Brandenburger Tor. Reuter

Uwe Reuter ließ seine Arbeit und alles andere liegen und fuhr von Töging nach Berlin. Dort erlebte er hautnah die Begeisterung, die der erste gesamtdeutsche Tag nach Jahrzehnten der Teilung auslöste.

Berlin/Töging – 30 Jahre ist es nun schon her. Ich kann´s kaum glauben. Wenn ich an den Fall der Mauer denke, ist alles noch so präsent, so lebendig, die Bilder so klar in meinem Kopf, die Gefühle so stark. Ich war dabei, oben in Berlin, ich habe mitgefeiert. Auch wenn die offiziell Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 mit großem Festakt gefeiert wurde, für mich fand sie bereits mit dem Fall der Mauer statt: Am 9. November 1989 und dem anschließenden Wochenende war gut ein Viertel der Bevölkerung der einen Seite von Deutschland zu Besuch auf der anderen Seite von Deutschland. Die Mauer war plötzlich löchrig und Grenze sinnlos geworden. Und ich war dabei. Oben in Berlin.

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Als gebürtiger Berliner verbrachte ich meine ersten sieben Jahren in Norden der Stadt. Der Aktionsradius für ein Kind ist klein und die Stadt ziemlich groß. Ja die Mauer gab es, wir sind öfter mal daran vorbei geradelt, aber in der anderen Richtung war ja genug Platz. Meinen Eltern hingegen war der Zustand unerträglich geworden. So ließ sich mein Vater 1971 nach Bayern versetzen.

Erst verschlafen dann aufgebrochen

Die Meldung und die erste Öffnung der Grenzen in der Nacht vom 9. auf den 10. November habe ich – wie viele andere auch – verschlafen. Freitag früh fuhr ich wie gewohnt nach Burghausen zur Arbeit und traute meinen Ohren nicht, als ich Bayern 3 einschaltete. Für einen kurzen Augenblick verschwamm die Welt um mich herum. Im Radio überschlugen sich die Meldungen von jubelnden Menschen, von vor Freude weinenden Menschen, Menschen, die von ihren Gefühlen überwältigt wurden, von sprachlosen Reportern und von Politikern, die das vorhergesagt haben wollten.

„Die haben die Mauer eingerissen“

Im Büro angekommen mußte ich sofort meine Mutter anrufen. Sie hat miterleben müssen, wie die Stadt, das Land geteilt wurde, wie etliche Verwandte zum Bleiben auf die andere Seite verbannt wurden. Sie war sprachlos. Ich weiß nicht, wie oft wir hin und her telefoniert hatten, aber an Arbeit war nicht zu denken. Im Büro hörten wir Radio. Dann rief meine Mutter wieder an. Heulend: „Habt ihr keinen Fernseher im Büro? Die haben die Mauer eingerissen und tausende Menschen strömen durch. Einfach so.“ Ich ließ die Arbeit Arbeit sein, fuhr nach Hause, lud meine Eltern und unseren Hund ins Auto und fuhr los: Nach Berlin!

Wir fuhren den ganzen Nachmittag, wir fuhren die ganze Nacht. Der Grenzübertritt nach Hof in die DDR war trotz fehlender Impfpapiere unseres Hundes problemlos. Zwei Tagen zuvor undenkbar. Der Verkehr nahm zu. Immer dichter wurden die Straßen. Überall Trabis und Wartburgs. Familien mit Kindern im Schlafanzug, Frauen mit Lockenwicklern in den Haaren, alle wohl noch übereilter aufgebrochen als wir. 60 Kilometer Stau vor Berlin und das obwohl alle durchgewunken wurden. Von rechts aus Richtung Potsdam quälte sich ein Westberliner Doppeldeckerbus die Auffahrt hoch. Die Federungen ächzten, die Fahrzeugunterseite schliff fast am Boden, der Bus war völlig überladen. Fünf Personen zählte ich auf einem Sitz! Plötzlich wurde der Gegenverkehr angehalten und es strömten hunderte von Menschen aus dem Wald von irgendwoher kommend über die Autobahn in die leeren Omnibusse, die Richtung Berlin fuhren. Alle wollten in den Westen! Nach Berlin. Genau wie wir.

Ein riesiges Loch in der Mauer

Dort sahen wir es mit eigenen Augen: Da fehlte tatsächlich ein riesiges Stück in der Mauer. Und es strömten Menschen hindurch. Jeder wurde auf der Westseite mit Applaus empfangen. Ein Applaus, der tagelang nichtabriss. Mein Kloß im Hals wurde immer größer. Ich konnte meine Tränen nicht mehr halten: Diese vielen, vielen glückliche Gesichter, diese Menschen, die das alles nicht fassen konnten, diese vielen Freudentränen und diese überwältigende Herzlichkeit, mit der sie empfangen wurden.

Sogar Chinesen müssen weinen

Selbst chinesische Touristen, die neben uns standen und das Spektakel mit ansehen durften, konnten ihre Emotionen nicht zurückhalten. Sie schüttelten ungläubig ihre Köpfe und wischten sich ie Tränen aus ihren lachenden Gesichtern.

Es bildeten sich Schlangen vor Läden und Banken, Wirte verschenkten ihr Bier an Passanten. Taxifahrer boten den Besuchern aus dem Ostteil der Stadt kostenlose Fahren an. An Schlafen war nicht zu denken. Die Luft knisterte vor positiven Emotionen. Diese Energie, die an diesem Wochenende freigesetzt wurde, war unglaublich. Alle Busse, S-Bahnen und U-Bahnen waren aus den Depots geholt und alle Chauffeure geweckt und im Einsatz. Das Ladenschlussgesetz galt nicht mehr. Sogar die Banken verteilten das Geld rund um die Uhr. Für ein kostenloses Konzert in der Philharmonie dirigierte Sonntagfrüh Leonard Bernstein die Berliner Philharmoniker und am Abend gab´s in der Deutschlandhalle ein großes kostenloses Rockkonzert, zu dem unter anderem Joe Cocker eingeflogen wurde.

Am 2. Oktober im Jahr drauf, also vor nun 29 Jahren, war ich wieder in Berlin. Diesmal geplant und vorbereitet. Bevor ich zu den Feierlichkeiten in die Innenstadt fuhr, wollte ich mich noch einmal an den Plätzen meiner Kindheit umsehen. Dort, wo ich früher mit dem Fahrrad lang geradelt bin. Da war keine Mauer mehr. Die war einfach weg Und da hinter standen Häuser. Mit Menschen, die dort wohnen.

Stimmung zur Wiedervereinigung

Am Abend war die Stimmung bei den Feierlichkeiten in der Innenstadt nicht mehr so euphorisch wie elf Monaten zuvor. Gefeiert wurde dennoch recht fröhlich. Kurz vor Mitternacht bewegte ich mich mit vielen anderen auf das Brandenburger Tor zu. Punkt 12 Uhr habe ich es tatsächlich geschafft genau im Brandenburger Tor zu stehen. Dem Symbol für eine geteilte Stadt, einem geteilten Land, das genau in diesem Moment offiziell vereint wurde.

Mir wurde ganz warm ums Herz und ich hoffte, dass wenigstens ein Teil dieser gewaltigen Glücksgefühle, die die Einleitung des Wiedervereinigungsprozeß begleitet hatten, übrigbleiben würden. Meine Erinnerungen daran sind jedenfalls so stark, dass mir niemand und nichts dieses Gefühl von damals nehmen kann.

Uwe Reuter ist freier Mitarbeiter des Mühldorfer Anzeigers, er berichtet aus Töging.

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