Erinnerung muss sichtbar sein

Der 92-jährige Zeitzeuge Erich Finschesaus Wien, Überlebender des KZ Mühldorf, schildert in bewegenden Worten sein Martyrium. Olliges
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Der 92-jährige Zeitzeuge Erich Finschesaus Wien, Überlebender des KZ Mühldorf, schildert in bewegenden Worten sein Martyrium. Olliges

Mühldorf. – „Erinnerung wird sichtbar“ – unter diesem Motto stand die Gedenkveranstaltung des Vereins „Für das Erinnern e.V.“ am vergangenen Sonntag, die von dem Bläserquintett Canzona Quarta feierlich umrahmt wurde.

Vor 74 Jahren, am 28. April 1945, wurden die letzten KZ-Häftlinge aus dem zweigrößten Außenlager des KZ Dachau abtransportiert, wenige Tage später erreichten amerikanische Streitkräfte das Lager.

Dr. Erhard Bosch, Zweiter Vorsitzender des Vereins, begrüßte die rund 100 Anwesenden mit einem Zitat Max Mannheimers: „Ihr seid nicht dafür verantwortlich, was geschah, aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon.“ Das Leiden der Häftlinge, die sich zwischen Juli 1944 und Ende April 1945 hier im Mühldorfer Hart aufhielten, könne nicht eindringlich genug visualisiert und damit vor dem Vergessen bewahrt werden. Denn steinerne Zeugen der Vergangenheit sind wichtig in einer Zeit, in der die Zeitzeugen immer weniger werden. Ziel des Vereins ist es, nach der Eröffnung der Gedenkstätten Massengrab und Waldlager auch den zentralen Gedenkort rund um den letzten Bunkerbogen baldmöglichst realisieren zu können. Die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Dr. Gabriele Hammermann, schloss sich diesem Wunsch an und betonte die Bestrebungen der Gedenkstätte Dachau, das damalige Lagernetz stärker sichtbar zu machen.

Dr. Marcel Huber, Staatsminister a.D. und MDL, zeigte sich diesbezüglich in seiner Rede zuversichtlich. Für viele praktische Probleme – Verkehrssicherheitspflicht, Belange des Denkmal- und Naturschutzes, Klärung von Eigentumsverhältnissen – zeichneten sich aktuell Lösungen ab und die Beseitigung von Kampfmittel der Wehrmacht, die im Boden rund um das Bunkergelände lagern, ist auf den Weg gebracht.

„Wir sind mit dem Schließen der Wunde, die die Ereignisse von vor 74 Jahren gerissen hat, so weit wie noch nie“, betonte Huber. Er und stellvertretender Landrat Günther Knoblauch, appellierten eindringlich, die Demokratie und den Frieden, die seit Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa herrschen, nicht als Perpetuum mobile, als etwas Selbstverständliches zu betrachten, sondern den rechten Strömungen, die aktuell wieder erstarken, beherzt die Werte der Menschlichkeit entgegenzusetzen.

Zentraler Teil der Gedenkfeier war die Ansprache des 92-jährigen Zeitzeugen Erich Finsches aus Wien. Aufgegriffen im ungarischen Widerstand kam er als 16-jähriger 1944 über Auschwitz nach Mühldorf, wurde kurz vor Kriegsende völlig erschöpft in den Dachauer Außenlagerkomplex Kaufering transportiert und erlebte dort die Befreiung durch die amerikanischen Truppen. In bewegenden Worten schilderte er sein sechsmonatiges Martyrium im Waldlager. Sein Anliegen: Aufklärung! „Seid menschlich und lebt nach den Wertvorstellungen der zehn Gebote“, so lautet sein eindringlicher Rat. kao

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