Erhartinger Stephani-Umritt am 26. Dezember: Wie eine Tradition über 400 Jahre überlebt

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Das älteste Foto vom Erhartinger Umritt aus dem Jahr 1912: Es zeigt die Gruberbauernsöhne (von links) mit den Knechten vom Hof. Der Gruberbauer von Hart (heute Reiterhof Schrankl) war als Pferdezüchter weitum bekannt und konnte viele Preise erzielen.

Mit dem Frixinger Kirchenrennen hat alles begonnen – heute gehört das Schauspiel zu einem der Besuchermagneten in der Region. Am 26. Dezember findet in Erharting der größte Stephani-Umritt Bayerns statt.

von Leonhard Biermaier

Erharting – Sucht man in alten Kirchenakten in den Archiven nach Hinweisen zum Erhartinger Stephaniumritt wird man nur über den Umweg der Kirchenrechnungen fündig. In diesen akribisch geführten Rechnungsbüchern, die seit 1553 alle Ausgaben und Einnahmen der Pfarrei auflisten, erscheint erstmals 1589 ein Hinweis auf den Stephaniumritt, der damals noch im benachbarten Frixing stattgefunden hat.

Vollbärte für den Stephani in Erharting: Nach dem Ritt folgt der Schnitt

Stephani-Umritte waren damals Rennen

Die ehemalige St. Stephanuskirche zählte einst zu den vermögendsten Kirchen im weiten Umkreis. Die Umritte wurden damals noch als Rennen bezeichnet. So erscheint auch vor 430 Jahren ein Eintrag in der Frixinger Kirchenrechnung über den Kauf von edlen Stoffen als Rennpreise für „das Rennet am Stephanitag“. Diese als „Renntücher“ bezeichneten Produkte waren schon seit den Turnieren der Ritter im Mittelalter begehrte Trophäen bei Pferderennen und ritterlichen Spielen.

Motivwagen mit der "Steinigung des Heiligen Stephanus" im Jahr 1949, also vor 70 Jahren, ein letztes "Aufbäumen" gegen die voranschreitende Technisierung in der bäuerlichen Landwirtschaft, in der die Rösser nicht mehr gebraucht wurden.

Aus weiteren Unterlagen geht hervor, dass der Pfarrer für das Zelebrieren des Hochamtes am Stephanitag zwei Hühner als Lohn erhalten hatte. Die dreimalige Umrundung der Kirche zu Ehren von Gott Vater, Gott Sohn und Heiliger Geist erfolgte dann im strammen Galopp und der Erstplatzierte nahm den Siegespreis in Form des „Renntuches“ und später auch Zaumzeug entgegen.

Viele Zuschauer, viele Spenden 

Man fragt sich, wieso die Kirche weltliche Gegenstände als Preise auslobte. Der Grund war mit Sicherheit der finanzielle Aspekt, denn eine solche Veranstaltung zog entsprechend viele Zuschauer an, die durch großzügige Spenden das Kirchenvermögen nachhaltig verbesserten. Bei den Einträgen in die Rechnungsbücher erscheint immer wieder der Hinweis: „Zum Rennet am Stephanitag erkauft, weil dadurch das Opfer gemehret wird“.

Aufstellung beim Irberbauern in Töging zum Umritt in Erharting - nach altem Herkommen galt es als "schlechtes Omen" wenn am Heiligen Abend und den Feiertagen Wäsche auf der Leine hing, dies brachte Unglück, beim Irberbauern in Töging schienen diese abergläubigen Vorstellungen keine Gültigkeit zu haben, wie die Altane mit der aufgehängten Wäsche eindrucksvoll belegt.

Weder Notzeiten und Kriegswirren konnten den Umritt zum Erliegen bringen, sogar im Dreißigjährigen Krieg fand der Umritt statt und die Frixinger Kirche leistete sich in diesen schweren Zeiten wertvolle Ausstattungen für ihr Gotteshaus. 

Inzwischen hatte sich eine nicht unbedeutende Wallfahrt zum Roßpatron St. Stephanus in Frixing entwickelt, sodass der Erhartinger Pfarrer Johann Saugenfinger einen eigenen Geistlichen für das Frixinger Kleinod beantragte. Dieses Ansuchen wurde 1677 genehmigt. Wegen der schlechten Bezahlung blieben die Benefiziaten jedoch immer nicht allzu lang in Frixing.

Schiebung und Alkoholexzesse

Erst mit dem aufkeimenden Aufklärung – etwa ab 1770 – wollte man Prozessionen und Umritte einschränken oder ganz verbieten. Wohl auch vor dem Hintergrund, dass viele der damals noch zahlreichen Umritte wegen ausufernder Alkoholexzesse und Schiebungen bei den Rennen in Verruf geraten waren. 

Die Bauern in der Pfarrei ließen sich davon nicht beirren und ritten trotzdem ihre Rösser zur Segnung am Stephanitag.

Das Vermögen verschwand

Als dann im Jahr 1793 der Benefiziat Kaspar Leopoldinger verstarb, wurde die Stelle nicht wieder besetzt. Von da ab wurde das umfangreiche Kirchenvermögen von der Pfarrei Erharting mit verwaltet. Die einsetzende Säkularisation und das damit verbundene Chaos führten dazu, dass zehn Jahre später, als das zuständige Ordinariat in Freising nach dem Vermögen von St. Stephanus in Frixing nachfragte, die Verantwortlichen eingestehen mussten, dass nichts mehr vorhanden sei – wegen ungetreuer Verwaltungsführung!

Umritt überlebt

Der Erhartinger Pfarrer wurde nach Engelsberg strafversetzt. Der anschließende Verkauf und Abriss der ehemaligen Stephanuskirche brachte jedoch die Umritttradition nicht zum Erliegen. Alljährlich ritten die Bauern nach Frixing zum ehemaligen Standort der Kirche. Anstelle der Kirche entstand ein Taglöhnerhaus, das es auch heute noch gibt. Die wenigen Ausstattungsgegenstände, wie das 1728 vom Mühldorfer Maler Paul Kurz, für 80 Gulden geschaffene Altarbild (dafür bekam man damals vier Kühe) wurden in die Erhartinger Pfarrkirche gebracht.

Die Bräutochter Wilhelmine Röhrl beim Umritt (etwa 1934) mit einem extra festlich aufgeputzten Brauereiross auf der damals noch ungeteerten Dorfstraße (B299) . Die Rösser vom Erhartinger Bräu, hauptsächlich Rappen, waren an der besonderen Aufzäumung, hier am "Kopfschmuck" weithin zu erkennen.

Daraufhin fand der Umritt fortan in Erharting statt. Über den Ablauf des Stephaniumrittes in Erharting berichtet der Erhartinger Pfarrer August Dollmann darüber in einer Info aus dem Jahr 1847. Eine ähnliche Beschreibung des Ablaufs liefert auch der Coadjutor Franz Xaver Sebrich im Jahre 1866.

Religiöses Schauspiel statt Rosshandel

Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Umritte ausschließlich Reiterprozessionen. Aufgrund der Häufigkeiten der Veranstaltungen ließ das Zuschauerinteresse nach. Pferde waren zu dieser Zeit etwas ganz Alltägliches und das ganze Jahr über fanden Umritte zu Ehren der verschiedensten Heiligen statt. 

Auch in Erharting kamen nur noch die „Eingefleischten“, für die so eine Veranstaltung eine Musterschau der Rösser war und einen Rosshandel einfädeln wollten. Erste Versuche den Umritt mit Festwagen aufzuwerten waren vielversprechend, aber der Ersten Weltkrieg setzte diesem Ansinnen ein jähes Ende.

Vor ziemlich genau 100 Jahren gingen die Erhartinger dann endgültig daran, den Festzug von Ross und Reitern mit Festwagen zu bereichern. Dass dies eine gute Entscheidung war, sollte sich schon bald bestätigen. In den 1920er Jahren entwickelte sich der Erhartinger Stephaniumritt zu einem ungeahnten Zuschauermagneten. Die Erhartinger beschränkten sich nicht wie andernorts üblich die Festwagen mit Skulpturen von zu schmücken, sondern stellten lebende Personen auf die Motivwagen, die dann Szenen aus den Heiligenlegenden darstellten.

Von über 100  auf über 200 Pferde 

Dies war so überwältigend, dass Zuschauermassen nach Erharting strömten, um dem religiösen Schauspiel beizuwohnen. Nach den Umritt wurde in den Erhartinger Wirtshäusern zum Stephanitanz aufgespielt und die Brauerei Erharting kredenzte zu diesem besonderen Festtag einen speziell gebrauten „Stephani Bock“.

Der Mühldorfer Anzeiger setzte seine Leserschaft mit sehr ausführlichen Berichten zum Erhartinger Umritt in Kenntnis. Besonders detailliert wird der Umritt von 1929, also vor 90 Jahren, beschrieben. In den Ausführungen ist nachzulesen, dass 114 Pferde beteiligt waren und acht sehr schön dekorierte Festwagen mitfuhren. 

Und heute? Hält das Interesse nach wie vor an. 2017 waren 4.000 Besucher nach Erharting geströmt, bestaunten über 240 Pferde und Rösse und dazu 80 Heiligendarsteller – dem Brauchtumsverein sei Dank, der zusammen mit den Ortsvereinen die Organisation im Turnus von zwei Jahren auf sich nimmt.

Termin Stephani-Umritt 2019 am 26. Dezember 2019

Diesmal laden die Erhartinger am Mittwoch, 26. Dezember, nachmittags 14 Uhr zum größten Stephaniumritt Bayerns. Sollte das Wetter am Stephanitag „umrittuntauglich“ sein, ist Sonntag, 29. Dezember 14 Uhr als Ausweichtermin vorgesehen.

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