Vollbärte für den Stephani in Erharting: Nach dem Ritt folgt der Schnitt

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Christian Hans, Josef Vurbuchner und Thomas Mück (von links): Bis zum Stephani-Umritt lassen sie ihren Bart noch wachsen, dann kommt der Barbier.
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    vonJosef Enzinger
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Wenn Petrus und Paulus die Rasur verweigern, dann hat das einen Grund: der Erhartinger Stephani-Umritt steht bevor.

Drei Männer, drei Bärte: Bei Josef Vorbuchner kräuselt sich der Pelz im Gesicht bereits. Thomas Mück schafft es bereits, seine langen Schnurrbarthaare elegant aufzuzwirbeln. Und Hans Christian ist schlohweiß, als wäre er die Reinkarnation des Heiligen Nikolauses. Doch nicht als Nikolaus tritt er am zweiten Weihnachtstag auf. 

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Er wird zwar einen Heiligen mimen, wenn er beim Stephani-Umritt in Erharting auf einen der zahlreichen Festwagen steigt, allerdings als Paulus. Seit einigen Monaten lassen sich die drei Herren ihre Bärte wachsen, um den Heiligendarstellern möglichst nahe zu kommen. Maskerade ist verpönt. Absolut authentisch soll es sein. 

Oberammergau lässt grüßen! 

Josef Vorbuchner (56 Jahre) nimmt es da besonders genau. Nicht nur, dass er als Zimmerer auch beruflich seiner Figur am nächsten kommt. Er hat auch denselben Vornamen wie der Ziehvater Jesu. Und wer den Vorbuchner Sepp kennt, der weiß: Auch in diesem Jahr wird er Sandalen tragen, wenn er auf dem Festwagen am Hobeltisch werkelt – selbst bei minus 20 Grad Celsius hat man ihn schon barfüßig werkeln sehen

Vorbuchner ist nicht der Einzige, der in seiner Rolle als Heiligendarsteller voll und ganz aufgeht. Beim letzten Umritt vor zwei Jahren wurden Christian Hans (55), dem Vorsitzenden des Brauchtumsvereins, und seinem Kompagnon Thomas Mück (55) eine besondere Ehre zuteil: Zum ersten Mal durften die beiden die Patrone der Erhartinger Pfarrkirche mimen. 

Sie mimen am Stephani-Tag die beiden Kirchenpatrone: Christian Hans ist Paulus (links) und Thomas Mück schlüpft in die Rolle des Heiligen Petrus (rechts).

Eine Ehre, die Schutzheiligen zu mimen

Thomas ist der Heilige mit dem Schlüssel, Petrus. Christian hält symbolisch das Schwert in der Hand – durch ein solches soll der Heilige Paulus unter Kaiser Nero ums Leben gekommen sein. „Es war uns schon vor zwei Jahren eine große Ehre, in diese Rollen zu schlüpfen“, bekennt Christian Hans. Eine Ehre deswegen, weil es jahrzehntelang den Ikonen des Umritts – Rudi Rieder und Gert Steffen – vorbehalten war, die Schutzheiligen zu mimen. „Die beiden waren das Sinnbild des Umritts. Als wären sie für diesen einen Tag von der Fassade unserer Kirche hinabgestiegen“, adelt Leo Biermaier die Wirkung dieser beiden Erhartinger. 

Dass deren Nachfolger ihre Aufgabe nicht minder ernst nehmen, zeigt die Tatsache, dass sich Thomas Mück schon seit Februar nicht mehr die Haare im Gesicht gestutzt hat. „2017 hatte ich ihn erst ab August wachsen lassen, da war er nicht ganz so lang“, in diesem Jahr aber wollte er es wissen. Zumal er den ungehemmten Bartwuchs nicht nur für den Stephani-Umritt auf sich nimmt. 

Nikolaus mit echtem Bart

Anfang Dezember schlüpft Thomas Mück, ebenso wie Josef Vorbuchner, in das Nikolauskostüm. Früher zog er sich noch einen Ersatzbart über das Gesicht, wenn er für den Brauchtumsverein unterwegs war. Heute ist es sein eigener, der die Kinder staunen lässt. Christian Hans ist in diesem Jahr zwar nicht als der Bischof von Myra mitmarschiert, aber dass auch sein weißer Bart Eindruck schindet, weiß er spätestens seit er seinen Enkel vom Kindergarten abgeholt hat – in zivil: „Da hat mich ein Dreijähriger erblickt und große Augen bekommen. Er hat dann auch gleich kehrt gemacht und ließ seine Gruppe wissen: Der Nikolo is do!“ 

Alle drei Heiligendarsteller sind sich einig: Es ist kein Vergnügen, sich über eine so lange Zeit die Haare im Gesicht wachsen zu lassen. „Nach zwei Monaten wird‘s lästig. Da hat er eine ganz eigenartige Länge. Das Haar kräuselt sich, es juckt“, berichtet Thomas Mück. Es sei auch ein eigenartiges Gefühl, wenn der Wind in den Bart hineinfährt. Josef Vorbuchner erzählt hingegen von äußerst schmerzhaften Erlebnissen, wenn der Bart beim Anziehen Teil des Reisverschlusses wird. Schadenfreudiges Gelächter ist ihm sicher. 

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Thomas Mück gibt zwar im gleichen Atemzug zu, dass tägliche Haarpflege nötig sei. „Aber es ist nicht so, dass wir uns dafür irgendein Mango-Rhabarber-Anti-Cholesterin-Shampoo zulegen.“ 

Nach zwei Monaten beginnt der Bart zu jucken, aber das ist für Christian Hans, Josef Vurbuchner und Thomas Mück (von links) noch lange kein Grund zu Maracuja-Bartpflege-Shampoo zu greifen.

Kampf um jedes Barthaar

Doch so eitel sind die drei dann schon, dass sie Michas Friseurladen im Ort regelmäßig einen Besuch abstatten. Auf 10-Euro-Offerten, dem Spezl den Bart etwas mehr stutzen, sei Michaela Wagner bislang jedoch nicht eingegangen, sagen die Drei. Apropos Stutzen: Das wäre beinahe Christian Hans widerfahren, als er sich einem operativen Eingriff an der Nase unterziehen musste. „Des junge Mädel im Krankenhaus wollte mir doch glatt die Barthaare darunter kürzen“, empört er sich. „Der Bart muss weg, hieß es.“ 

Als er erklärte, wofür er sich den Bart habe wachsen lassen, habe sie Verständnis gezeigt: „Weil sie selbst regelmäßig beim Sonhamer Georgi-Umritt mitwirkt“, erklärt Hans. Irgendwann wird der Bart dennoch dran glauben müssen. „Am 27. Dezember gibt es ein Bart-ab-Fest!“, kündigt Hans an. 

Ersatztermin für den Stephani-Umritt Erharting steht  

Außer es ist schlechtes Wetter, und der Umritt muss verschoben werden wie es 1999 und 2001 bei Blitzeis und Sturm der Fall war. Dann müssen die drei Erhartinger den Bart bis zum Ersatztermin am 29. Dezember stehen lassen. Während Christian Hans in diesem Jahr schon zum sechsten Mal mit dabei sein wird, ist es für manchen jungen Erhartinger das erste Mal. Für Leo Biermaier, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Umritts, ein deutliches Zeichen dafür, wie groß der Zusammenhalt in der Gemeinde ist. Denn er weiß natürlich: Die Jungen von heute, sind die Bartträger von morgen. 

Und so wird auch Anderl, der 20-jährige Sohn von Thomas Mück, Platz auf einen der Motivwägen nehmen. Mit oder ohne Bart? „Nein, der Bart wächst noch nicht so gut bei ihm“, plaudert Mück aus. Aber das ist in diesem Fall auch egal: „Er mimt den Henker der heiligen Katharina. Und der trägt eine Henkersmaske!“ 

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