Einzelhandel: So lief im Landkreis Mühldorf der erste Öffnungstag seit der Corona-Sperre

Stoff für Masken war gestern der Renner im Tuchwerk. Bei Claudia Wöls-Stubenvoll (links) standen die Kunden wie Andrea Schaffer Schlange. Im Musikgeschäft Enghofer herrschte dagegen meist Leere. Ein Beleg dafür, dass gestern vor allem Alltagsware gesucht war. Enzinger
  • Markus Honervogt
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Nach Wochen der Coronasperre war es ein besonderer Tag: Bis auf großflächigen Einzelhandel durften alle Geschäfte öffnen. Der ganz große Ansturm blieb aus, viele Händler sind trotzdem zufrienden. Einig waren sie sich: Die Maskenpflicht wurde eingehalten. Weitgehende auch in Bussen und Bahn.

Mühldorf – Den ersten Öffnungstag haben Händler im Landkreis unterschiedlich erlebt: „Wir haben bisher eine D-Saite verkauft“, sagt Christine Enghofer vom Musik Geschäft am Mühldorfer Bahnhof. „Musikartikel sind halt eher Luxusware.“ Sie steht mit einer Kollegin hinter einer Plexilglaswand, beide tragen Mundschutz. Es hänge wohl von der Branche ab, glaubt Enghofer.

Bücher scheinen gefragt, sagt Yvonne Baier von der Buchhandlung Herzog. Die Kunden kämen vor allem, um telefonisch bestellte Bücher abzuholen, zum Schmöckern seien nur die wenigsten da. Vor dem Bekleidungsgeschäft „Super Dry“ von Silvia Krause stand die erste Kundin schon, als sie den Laden öffnete: „Die Freude bei den Kunden ist groß, sie haben Lust einzukaufen.“

Vorsichtiges Herantasten

Das sagt auch Martina Prechtl auf dem Mühldorfer Stadtplatz. Sie war in der Seilerei Weiß, wo sie Bastelzubehör gekauft hat. Jetzt will sie bummeln und schauen, ein bestimmtes Ziel hat sie nicht. „Es ist aber schön, mal wieder rauszukommen.“

Das denken viele, der Mühldorfer Stadtplatz ist zum ersten Mal seit Wochen wieder belebt. Auch die Händler in Waldkraiburg sind zufrieden, wie eine Umfrage von Aktionsgemeinschaftsvorsitzenden Willi Engelmann zeigt. „Gut angelaufen“, ist der Tenor.

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In Neumarkt-St. Veit ist dagegen noch Luft nach oben. Christian Göttlinger von der Werbegemeinschaft Neumarkt-St. Veit spricht von einem „Herantasten“, viele hätten geschaut, mal ausprobiert, wie das mit den Regeln und der Maske so geht „Aber sie kamen natürlich nicht in Strömen.“

Bilanz in Neumarkt-St. Veit

Trotzdem sind die Händler zufrieden: „Wir sind froh, dass wir wieder aufmachen durften, denn wir haben einen Haufen Ware bekommen“, freute sich Franziska Baumgartl vom gleichnamigen Schuhgeschäft. Marianne Florschütz von Gugler Herrenbekleidung sagt, dass sie ihre Einrichtung hat umstellen müssen, damit die Abstandsregelungen eingehalten werden können. Den großen Ansturm verzeichnete sie aber nicht. „Die Leute sind vorsichtig, die bleiben noch zu Hause.“

In einem Punkt sind sich die Händler einig: Die Maskenpflicht ist kein Problem, die Kunden halten sich brav an die Vorgaben. Trotzdem sind die Tücher und Masken vor dem Gesicht immer Thema: „Ich sehe gar nichts mehr“, sagt eine Kundin, als sie ein Geschäft verlässt, „dauernd beschlägt die Brille.“ Viele zupfen am Mundschutz herum, korrigieren den Sitz, andere tragen ihn so souverän, als täten sie nichts anderes.

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Den größten Ansturm erlebte gestern wohl das Tuchwerk am Kollerkreisel in Mühldorf. Nach sechswöchiger Schließung waren vor allem Stoffe und Gummibänder gefragt. „Eine Kundin hat sich gleich 150 Meter Gummibänder mitgenommen“, berichtet Claudia Wöls-Stubenvoll. Als Grund gaben die Kunden durchgehend die gleiche Antwort: „Masken nähen. Für mich, für die Familie, für Freunde“, sagt zum Beispiel Andrea Schaffer. Eine andere Kundin erzählt, dass sie Schneiderin sei und Kinderarztpraxen mit Mund-Nasen-Schutz ausstatte. „Eine Stoffmaske sollte ja nach zwei Stunden gewechselt werden.“

"Ansturm" auf Mühldorfer Läden erwartet

„Wir haben schon mit diesem Ansturm gerechnet“, erzählt Geschäftsführerin Ingrid Weber. Sie spricht von einer befremdlichen Situation: „Man erkennt keine Mimik, es ist kein Gesichtausdruck da. Das ist aber wichtig, wenn ich einer Kundin einen Stoff anbiete, um durch ihre Reaktion zu sehen, ob er ihr auch tatsächlich gefällt. Und stets hat man im Hinterkopf, dass man ja den Mindestabstand einhält. Und das muss man sich erst gewöhnen.“

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Während es im Tuchwerk brummt, schaut Christine Enghofer vom Musikgeschäft sorgenvoller in die Zukunft. Ihr geht es vor allem um ihrem Musikunterricht, den sie derzeit nicht erteilen darf, der aber ein wichtiges Geschäftsfeld darstellt. „Da haben wir noch gar keine Perspektiven.“ Und wie Gesangsunterricht mit Mundschutz funktionieren soll, kann sie sich auch noch nicht vorstellen.

Busse und Bahn: Fast alle kamen mit Mundschutz

Stefan Vorderobermeier, dessen Unternehmen morgens Schüler befördert und danach den Mühldorfer Stadtbus betreibt, berichtet, dass alle Schüler morgens mit Maske unterwegs gewesen seien. Er habe nur eine Meldung erhalten, dass ein Erwachsener keine Maske getragen habe. Die bekam er dann vom Busfahrer. „Die Leute haben inzwischen genug Masken, für den Notfall haben wir in den Bussen welche bereit.“

Nicht ganz so glimpflich ging es bei der Südostbayernbahn ab. „Im Großen und Ganzen halten sich die Leute dran“, berichtete ein Sprecher, „wir waren aber nicht bei 100 Prozent.“ Fahrgäste ohne Maske würden von den Zugbegleitern auf die Maskenpflicht hingewiesen. „Wenn die Leute nicht reagieren, kann es zur Anzeige gekommen.“ So weit sei es gestern aber nicht gewesen.

Die Wiedereröffnung der Läden hat in Wasserburg unterdessen sogar für einen Polizeieinsatz gesorgt.

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