„Tag der Heimat“ fällt heuer aus

Einst prägten sie das Waldkraiburger Leben: Heimatvereine und Landsmannschaften in der Krise

Beim nächsten Wiesnauszug sind sie sicher wieder dabei, doch auch den Siebenbürger Sachsen fällt es immer schwerer, das Kulturleben, das Landsmannschaften und Heimatgruppen , aufrecht zu erhalten.
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Beim nächsten Wiesnauszug sind sie sicher wieder dabei, doch auch den Siebenbürger Sachsen fällt es immer schwerer, das Kulturleben, das Landsmannschaften und Heimatgruppen , aufrecht zu erhalten.
  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Einmal im Jahr – im Oktober – kommen sie in Waldkraiburg zusammen, Mitglieder der Landsmannschaften und der Heimatgruppen, um den „Tag der Heimat“ zu feiern. Heuer macht Corona dem Bund der Vertriebenen einen Strich durch die Rechnung.

Waldkraiburg – Vertriebene organisierten sich nach dem Krieg auch in anderen Orten. Doch in der Vertriebenensiedlung Waldkraiburg hatten sie naturgemäß eine stärkere Basis. Seit den 50er-Jahren schlossen sich hier Menschen aus bestimmten Herkunftsregionen zusammen, um ihre Mundart und ihre Traditionen zu pflegen. „Es ging darum, die Erinnerung an die Heimat aufrecht zu erhalten“, sagt Klaus Ertelt, der fast 50 Jahre lang an der Spitze der Schlesier stand.

Große Feste und Heimattreffen

Bald waren diese Vereine wichtige Träger des gesellschaftlichen und geselligen Lebens in der Stadt. Feste aus der alten Heimat lebten auf: das Heed’sche Fest, die Sudetendeutsche Sonnwend, das Kirchweihfest der Banater Schwaben, das Kronenfest der Siebenbürger Sachsen. Landsmannschaftliche Treffen, etwa der Egerländer Gmoi, brachten Gäste in vier- und fünfstelliger Zahl nach Waldkraiburg. Umzüge und Feiern von Kirche und Kommune machten diese Gruppen mit ihren Trachten und Fahnen unverwechselbar.

„Bei Veranstaltungen, beim Volksfest und auf dem Friedhof, sind wir noch immer mit der Fahne dabei.“ Walter Weiß, Vorsitzender des Böhmerwaldbundes, ist stolz darauf. Als Veranstalter tritt die Gruppe nicht mehr in Erscheinung. Nächstes Jahr ist Vorstandswahl. Der 81-Jährige und sein Team machen weiter. Nachwuchs hat der Böhmerwaldbund nicht. 54 Mitglieder zählt die Gruppe, zu ihren besten Zeiten waren es fast 250.

Immer mehr Heimatgruppen lösen sich auf, zuletzt die Schlesier

1970 hatten die Schlesier noch 70 Mitglieder. Heute treffen sich einmal im Monat fünf bis sechs Schlesier zum Kaffeetrinken. Klaus Ertelt: „Mit Ausnahme von zwei sind alle über 80.“ Die Landsmannschaft hat sich Ende 2019 aufgelöst. Nicht weniger als zehn Heimatgruppen und Landsmannschaften haben den Schritt schon zuvor vollzogen.

Aus Sicht von Ertelt ist das „eine logische Entwicklung“. Es sei nicht gelungen, junge Leute für die Gruppen zu gewinnen. Auch die Spätaussiedler, die Jahrzehnte nach dem Krieg aus Polen kamen, habe die Landsmannschaft nicht erreichen können. „Viele sprachen kaum Deutsch.“

Kinder und Enkel haben keine Zeit und kein Interesse

Und: „Nachgeborenen fehlt die persönliche Erfahrung.“ Sie tun sich schwer, eine Beziehung zur ehemaligen Heimat der Familie aufzubauen. Die Kinder und Enkel haben nicht die Zeit und nicht das Interesse, in den Vereinen die alten Traditionen zu pflegen.

Unter jenen, die nach 1945 kamen, widersetzen sich vor allem die Egerländer dem Abwärtstrend. Ertelt: „Sie sind noch die Standhaftesten.“ Hilfreich ist dabei sicher die böhmisch-bayerische Blasmusik der aktiven Trachtenkapelle, die nicht nur Egerländer gerne spielen und hören.

Auch die Spätaussiedler-Verbände tun sich schwer

„Selbst bei den Rumäniendeutschen hat die Jugendarbeit nachgelassen“, stellt Ertelt fest. Dabei ist der Großteil der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben erst mit dem Fall des Eisernen Vorhangs gekommen. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung liegt im vierstelligen Bereich. Doch auch sie tun sich immer schwerer, ein aktives Verbandsleben sicher zu stellen. Bei den Siebenbürger Sachsen blieb der Vorsitz lange vakant, bis sich Walter Connert bereit fand. Und die Banater Schwaben feiern schon seit einigen Jahren keine „Kerweih“ mehr, weil es an Tanzpaaren fehlt, die im Trachtenzug mitziehen.

Werden sie in 20, 30 Jahren dort stehen, wo heute die anderen Gruppen stehen? Georg Ledig, Mitglied im Landes- und Bundesvorstand der Banater Schwaben und Vorsitzender des Bund der Vertriebenen im Landkreis, schließt das nicht aus und bedauert es trotzdem.

BdV-Vorsitzender: Ein Verlust für Waldkraiburg

Mit dem Verlust der vielfältigen Traditionen, die die Vertriebenen eingebracht haben, verändert sich Waldkraiburg. Noch wichtiger ist Ledig der gesellschaftspolitische Aspekt. Seine Befürchtung: Die Erinnerung an die Menschen, die diese Stadt aufgebaut haben, und an ihre Herkunft könnte verloren gehen. „Im Geschichtsunterricht an den Schulen spielt das leider nur eine untergeordnete Rolle.“

Und dennoch geht etwas weiter: Die Generation der Enkel frage heute nach. „Mehr und mehr fahren wieder in die alte Heimat.“ Europa macht es möglich. Tatsächlich gibt es dort wieder Gruppen, auch Rumänen, die an das alte Brauchtum anknüpfen.

Es geht weiter, anders. Walter Weiß nennt als Beispiel das Bürgerfest, das der Böhmerwaldbund mit anderen organisiert hatte. Weil die Böhmerwäldler aussteigen mussten, hat die Waldburgia übernommen. „Beim Faschingsverein kommen junge Leute nach. Ich bin guter Dinge, dass die das hinbringen.“

Was bleibt: Erinnerungen an Vertreibung

An die Geschichte Waldkraiburgs als Vertriebenensiedlung erinnert das „Mahnmal der Vertreibung“, das 2006 als sichtbares Zeichen gegen Vertreibung und Deportation aufgestellt wurde. Schon seit 1955 steht auf dem Waldriedhof das so genannte Heimatkreuz. An die Herkunftsgebiete und bedeutende Persönlichkeiten der alten Heimatregionen erinnern mehr als 80 Straßennamen und Plätze in der Stadt. Die Landsmannschaften und Heimatgruppen bemühen sich zudem darum, dass ihre Fahnen und Trachten später einmal von der Stadt übernommen und aufbewahrt werden.hg

Was war – was ist: die Heimatgruppen und Landsmannschaften Waldkraiburgs auf einen Blick

Folgende Landsmannschaften und Heimatgruppen sind noch aktiv:

  • Sudetendeutsche Landsmannschaft (gegründet 1949; Vorsitzender: Andreas Pawel): Die SL ist die Dachorganisation aller Heimatvertriebenen aus Böhmen, Mähren und Schlesien. Bis heute veranstaltet sie jedes Jahr eine Gedenkfeier zum „Tag des Selbstbestimmungsrechts“ am 4. März. Die traditionelle Sonnwendfeier am Volksfestplatz gibt es schon seit Jahren nicht mehr.
  • Egerländer Gmoi (1955; Karl- Heinz Spiegl): Die Gmoi hat bis heute einen wichtigen musikalischen Botschafter und Werbeträger, das ist die Egerländer Trachtenkapelle. Öffentlich tritt die Gmoi unter anderem mit dem Bürgerfest in Erscheinung, das sie mit anderen Vereinen organisiert.
  • Böhmerwaldbund (1956; Walter Weiß): Organisierte bis vor Kurzem das Bürgerfest mit, ist noch immer mit Fahnenabordnungen und Trachten bei kirchlichen und städtischen Veranstaltungen dabei.
  • Seliger-Gemeinde (1954; Peter Schmid-Rannetsperger): Die Seliger-Gemeidne ist eine gesinnungsgemeinschaft sudetendeutascher Sozialdemokraten und setzt sich für die Verständigung zwischen Sudetendeutschen und Tschechen ein.
  • Verband der Siebenbürger Sachsen (1974; Walter Connert): Nach wie vor organisieren die Siebenbürger Sachsen das traditionelle Kronenfest im Sommer, ein Höhepunkt im Jahreslauf. Auch ein Chor ist noch recht aktiv, um andere Kulturgruppen im Verband ist es ruhig geworden oder sie haben die Aktivitäten ganz eingestellt.
  • Landsmannschaft der Banater Schwaben (1974; Georg Ledig). Der Verband organisiert jedes Jahr im Januar zur Erinnerung an die Verschleppung von Landsleuten nach Sibirien eine Gedenkfeier am Mahnmal der Vertreibung. Das Kronenfest mit buntem Umzug der Trachtenpaare durch die Stadt, früher der Höhepunkt im Vereinsjahr, findet seit einigen Jahren nicht mehr statt.

Diese Vereine und Organisationen haben ihre öffentlichen Aktivitäten eingestellt oder wurden aufgelöst:

  • Erzgebirgsverein Anton Günther (1958).
  • Heimatgruppe Elbeteal-Mittelgebirge (1973).
  • Heimatgruppe Oberland-Niederland (1952): Veranstaltete früher das bekannte Heedsche Fest, ein Treffen der Vertriebenen aus Haida und Umgebung.
  • Isergebirgler (1951).
  • Braunauer Heimatgruppe (1957).
  • Verein der Adlergebirgler (1963): Die Ortsgruppe hat sich bereits 2006 aufgelöst. Die Bundesgruppierung hat ihren Sitz in Waldkraiburg und pflegt im Haus der Kultur ein Archiv und eine Heimatstube mit Erinnerungsstücken an die alte Heimatlandschaft, die öffentlich zugänglich ist.
  • Heimatgruppe Altvater-Kuhländchen (1964).
  • Landsmannschaft Schlesien (1954).
  • Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen (1977 ).
  • Landsmannschaft der Deutschen aus Russland (1997).
  • Bund der Berliner (1959); die Berliner wurden zwar nicht vertrieben, doch wegen der Insellage West-Berlins im Kalten Krieg verließen zahlreiche Berliner ihre Stadt, viele hundert kamen nach Waldkraiburg

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