Geiselnahme im Gefängnis Mühldorf: Insasse wegen schwerer Verbrechen vor Gericht

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Auch Feuerwehr und Rotes Kreuz waren vor Ort, brauchten aber nicht eingreifen. Der Brand in der Zelle war schnell gelöscht, verletzt wurde niemand.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Ein 27-jähriger Straftäter bedrohte in der Nacht vom 23. auf den 24. Juli in der Mühldorfer Jusitzvollzuganstalt fünf Mithäftlinge und legte ein Feuer. Der Mann aus Lettland soll sogar Geiseln genommen haben. Nun steht er vor Gericht.

Update 25. Juni

Mutmaßlicher Geiselnehmer aus der JVA Mühldorf vor Gericht

Seit heute steht ein Mann vor Gericht, dem die Staatsanwaltschaft Traunstein schwere Straftaten vorwirft. Der Lette Edgars S., zum Tatzeitpunkt Insasse des Gefängnisses in Mühldorf, soll in der JVA am 23. Juli 2019 Feuer gelegt und randaliert haben. Im Anschluss soll er mehrere Mitgefangene als Geiseln genommen haben.

Der Gefangene soll seine Freilassung, einen Hubschrauber und zwei Fluchtfahrzeuge gefordert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm außerdem vor, damit gedroht zu haben, Mitgefangene zu töten, sollte die Anstaltsleitung nicht auf die Forderungen von Edgars S. eingehen.

Angeklagt ist der Lette nun wegen schwerer Brandstiftung, Körperverletzung, Sachbeschädigung, Freiheitsberaubung, Geiselnahme und Beleidigung. Die Verhandlung gegen den Mann ist auf mehrere Tage angesetzt. Mit einem Urteil ist heute nicht zu rechnen.

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Der ursprüngliche Artikel vom 24. Juli 2019

Mühldorf – Für die Nachbarn des Mühldorfer Gefängnisses bestand in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch keine Gefahr, als Häftlinge untereinander in Streit gerieten und die Polizei mit einem Großaufgebot anrücken musste. 

Polizeisprecher Stefan Sonntag betonte am Morgen danach: „Es hat sich alles in einer geschlossenen Zelle abgespielt, die Bevölkerung war zu keinem Zeitpunkt gefährdet.“ 

Auch innerhalb des Gefängnisses wurde niemand verletzt. Lediglich ein Gefangener musste zur Untersuchung wegen einer möglichen Rauchvergiftung ins Krankenhaus. 

SEK und Verhandlungsgruppe

Was war geschehen? Um 23.15 Uhr rastete ein 27-jähriger Lette in einer Gemeinschaftszelle aus. Er bedrohte seine fünf Mithäftlinge und legte schließlich ein Feuer. Das konnte schnell gelöscht werden, wie Gefängnisleiter Andreas Stoiber berichtet.

Feuer in der Zelle schnell gelöscht 

Über eine Notrufanlage können Gefangene in solchen Fällen das Gefängnispersonal informieren, dass dann die Lage einschätzt. Mittwochnacht bedeutete das: sofortige Information der Polizei und Löscheinsatz. 

Lesen Sie hier: Nach Brand: Fünf Gefangene im Hungerstreik

Dazu mussten die Beamten die Zelle nicht betreten, sondern konnten den Gefangenen durch eine Klappe Wasser zum Löschen geben. Die Stimmung in der Zelle blieb auch danach angespannt. 

Deshalb rückte die Polizei mit einem Großaufgebot an und zog das SEK und die Verhandlungsgruppe zu Hilfe. Ein Dolmetscher musste kommen, denn der Lette sprach kein Wort Deutsch. 

Das Mühldorfer Gefängnis: Derzeit sitzen dort 75 Häflinge ein, sie verbüßen kurze Haftstrafen bis zu zwei Jahren.

Durch die Luke in der geschlossenen Zellentür nahmen die Spezialisten die Arbeit auf und sprachen mit dem mutmaßlichen Gewalttäter. Mehr als eine Stunde dauerten die Verhandlungen, erst um 2.48 Uhr gab der Mann auf. Die Beamten nahmen ihn fest, er leistete keinen Widerstand mehr. 

Sie brachten auch die anderen fünf Männer aus verschiedenen Nationen, darunter auch ein Deutscher, aus dem Gefängnis. 

Polizei macht keine Angaben zum Täter

Nähere Angaben zu dem Hauptverdächtigen will bisher niemand machen. Weder Gefängnisleitung noch Polizei sagten, warum der Mann hinter Gittern gesessen hat. 

Jetzt beginnt die Aufarbeitung des Geschehens. Bislang sei keiner der Beteiligten verhört worden, sagte Polizeisprecher Sonntag. Bevor die Kripo ihre Arbeit aufnehmen kann, muss ein Pflichtverteidiger gefunden und ein Dolmetscher bestellt werden. „Deshalb wissen wir noch nichts über das Motiv oder den genauen Hergang“, betonte Sonntag. 

Motiv und Tathergang müssen jetzt geklärt werden 

Die Polizei ermittelt aber nach seiner Aussage in Richtung versuchter Geiselnahme. 

Streitigkeiten unter den Gefangenen kommen häufiger vor, auch kleinere Handgreiflichkeiten, sagt Anstaltsleiter Stoiber. 

So schwer wie Mittwochnacht würden sie aber zum Glück nur sehr, sehr selten. „Das war ein extremer Ausnahmefall.“ Er bescheinigt seinen Mitarbeitern gut und besonnen gehandelt zu haben. 

Auch die Zusammenarbeit mit Polizei und Rettungsdiensten sei sehr gut gelaufen. Gefahr bestand laut Stoiber zu keiner Zeit, weder für die Mitarbeiter noch für die Nachbarn der Justizvollzugsanstalt, weil die Zelle stets verschlossen gewesen sei.

Sogar wenn sich ein solcher Vorfall bei offener Zellentür oder in der Werkstatt ereignen würde, sieht Stoiber keine Gefahr für die Umgebung. „Da kann nichts passieren, das ist mehrfach gesichert.“

Hohe Mauer bietet große Sicherheit 

Sollte es einem Häftling gelingen das Gebäude zu verlassen, stünde er im Garten vor einer hohen und gut geschützten Mauer. 

Dass die Randale nicht nur im Mühldorfer Gefängnis eine absolute Ausnahme ist, betont auch Polizeisprecher Sonntag. „In den letzten Jahren ist mir in Südostoberbayern nur ein solcher Fall bekannt.“ 

Auch der spielte in Mühldorf, damals war die Justizvollzugsanstalt Abschiebehaft. Ein Flüchtling steckte seine Zelle in Brand. 

Mit einem Großaufgebot und Unterstützung des SEK beruhigte die Polizei den Streit zwischen Häftlingen im Mühldorfer Gefängnis.

Knapp vier Jahre war die Justizvollzugsanstalt in Mühldorf Süd ein Abschiebegefängnis für Flüchtlinge, die kein Bleiberecht in Deutschland erhalten haben. 

Seit Sommer 2017 ist sie wieder Teil des Regelstrafvollzugs vor allem für Untersuchungshäftlinge und Straftäter, die bis zu zwei Jahren absitzen müssen.

Dazu: JVA Mühldorf wieder „normales“ Gefängnis: „Der Abschiebehaft trauert niemand nach“

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