Die Verschleppung von Stanislaw Duda

Einfach von der Straße weggefangen: das Schicksal eines polnischen Zwangsarbeiters in Taufkirchen

Stanislaw Duda war 18 Jahre alt, als er aus seiner Heimat als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich verschleppt wurde. Er ist nie mehr zurückgekehrt.
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Stanislaw Duda war 18 Jahre alt, als er aus seiner Heimat als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich verschleppt wurde. Er ist nie mehr zurückgekehrt.
  • Hans Grundner
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Mit 18 Jahren wurde Stanislaw Duda aus Polen 1939 ins Deutsche Reich verschleppt. Fast sechs Jahre lang musste er in Taufkirchen Zwangsarbeit leisten und miterleben, wie sein Bruder hingerichtet wurde, nur weil er sich in eine deutsche Bauerstochter verliebt hatte. Seine tragische Geschichte hat jetzt Andreras Bialas nachgezeichnet.

Taufkirchen – Das Schicksal der polnischen Zwangsarbeiter in Taufkirchen lässt Andreas Bialas keine Ruhe. Vor wenigen Jahren hat der 58-Jährige aus dem Landkreis Altötting geholfen, die Geschichte des Stefan Duda aufzuklären, der 1941 von den Nazis öffentlich hingerichtet wurde, wegen seiner Liebe zu einer deutschen Frau. Bialas hat damals die Nachkommen der Familie in Polen aufgespürt.

Fast zwei Jahre recherchiert

Jetzt, nach fast zwei Jahren intensiver Recherchen in Archiven und Gesprächen mit Zeitzeugen in Deutschland und Polen, ist es ihm gelungen, auch in den tragischen Lebenslauf des Stanislaw Duda Licht zu bringen. Die beiden Brüder waren im Oktober 1939 bei einer Razzia verhaftet und zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden.

Fast zwei Jahre lang hat Andreas Bialas in Archiven recherchiert und mit Zeitzeugen gesprochen, um das Leben des Zwangsarbeiters zu erforschen.

Am 23. Oktober 1939 waren sie auf dem Heimweg von der Arbeit, als der Bahnhof von Kielce umstellt wurde. „Alle Männer, wurden verhaftet und in Lastwagen verladen“, erfuhr Bialas über einen Schicksalsgenossen der Brüder. „Man muss sich das vorstellen“, sagt er betroffen. „Die Männer wurden regelrecht von der Straße weggefangen“. Die Familie habe erst 1943 erfahren, dass die Söhne als Zwangsarbeiter nach Bayern verschleppt worden waren.

Rund 1,9 Millionen Polen betroffen

In Viehwaggons kamen die Brüder ins Deutsche Reich, das dringend Arbeitskräfte brauchte. Fast zwei Wochen dauerte die Fahrt, die im Landkreis Mühldorf endete. In Taufkirchen. Die Dudas teilten das Schicksal von 1,9 Millionen Polen, die zwischen 1939 und 1945 Zwangsarbeit im Reich leisten mussten.

Auf dem Nemmerhof gut behandelt

Stanislaw Duda kam auf den Nemmerhof. Es heißt, dass der junge Mann, der auch Freundschaften mit jungen Deutschen hatte und für sein Geschick beim Haareschneiden bekannt war, dort gut behandelt wurde. Das gilt beileibe nicht für alle Zwangsarbeiter, auch in Taufkirchen nicht.

Ein Leben ohne Rechte

Wie rechtlos sie waren, das geht aus Anweisungen aus den 1940er-Jahren hervor, die der Mühldorfer Landrat den Ortspolizeibehörden zuleitete. Demnach galt für die Zwangsarbeiter eine Ausgangssperre zwischen 21 und 5 Uhr. Der Besuch öffentlicher Veranstaltungen und Gaststätten war ihnen ebenso verboten wie öffentliche Verkehrsmittel. Deutlich sichtbar mussten sie auf ihrer Kleidung das Abzeichen „P“ tragen. Und ein geselliger, gar intimer Verkehr mit Deutschen war strengstens untersagt. „Rassenschande“ nannten das die Nazis.

Sein Bruder wurde Opfer der Nazi-Justiz

Stanislaws älterer Bruder Stefan, der ebenfalls auf einem Bauernhof in Taufkirchen arbeiten musste, hat eine Beziehung mit einer deutschen Frau mit dem Leben bezahlt. Der 26-Jährige hatte sich in eine Bauerstochter verliebt und wurde den Behörden gemeldet. Er kam ins KZ in Dachau und kehrte nach einem Dreivierteljahr voller Qualen am 10. Oktober 1941 nach Taufkirchen zurück – wo auf den Nichtsahnenden die Hinrichtung wartete. Nicht weit vom Gasthaus Gallenbach, dort, wo heute eine Gedenkstätte an das fürchterliche Geschehen erinnert, stand der Galgen.

Pfarrchronik berichtet über die schrecklichen Ereignisse

Georg Eibl, damals Pfarrer von Taufkirchen-Lafering, beschreibt die Ereignisse in der Pfarrchronik: Örtliche und überregionale Parteikreise, eine Abordnung der Gestapo, hatten sich am Hinrichtungsort versammelt. Etwa hundert polnische Zwangsarbeiter aus dem ganzen Umkreis, die zur Abschreckung nach Gallenbach gebracht worden waren, mussten zusehen. Auch viele Taufkirchner. Eibl schließt die Aufzeichnung mit dem Urteil: Die „Hoheitspersonen“ von Justiz und Partei seien „größere sittliche Schweine als der von ihnen verurteilte Todeskandidat“.

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Berührende Begegnung am Gedenkstein

Stanislaw Duda erfuhr erst danach vom Tod des Bruders, weiß Andreas Bialas. Warum er nicht am Hinrichtungsplatz war, sei unklar. „Tagelang hat er fürchterlich geweint.“

Nach dem Krieg Plünderungen durch polnische Zwangsarbeiter

Dreieinhalb lange Jahre dauerte es noch, bis der Krieg zu Ende war – und die Zwangsarbeiter frei. In den ersten Tagen danach taten sich Polen zusammen, bewaffneten sich, plünderten – mit Duldung der amerikanischen Besatzer – viele Höfe und machten sich auf die Suche nach einstigen Peinigern. In Taufkirchen habe es keine Todesopfer gegeben, sagt Bialas. Der ehemalige Nazi-Bürgermeister hatte sich versteckt.

Der Nemmerhof sei verschont geblieben, so Bialas. Ob Stanislaw Duda bei den Überfällen mitmachte, sei nicht bekannt.

Nie mehr nach Polen zurück gekehrt

Kurz danach verschwand er. Wie der 58-Jährige bei seiner historischen Spurensuche rekonstruieren konnte, registrierte sich Duda Ende Juli 1945 im DP-Camp „Sikorski“ im damaligen Steinlager Pürten. Wie viele andere dieser Camps nahm es Menschen auf, die während der Nazi-Herrschaft entwurzelt wurden und in die ehemalige Heimat oder eine neue Bleibe weitergeleitet werden sollten. Ins kommunistische Polen ist Duda nicht mehr zurückgekehrt.

Die Brüder Duda

Stefan Duda, Jahrgang 1915, und sein Bruder Stanislaw, der am 28. November 1920 geboren wurde, stammten aus dem Dorf Ocieseki im Kreis Kielce, der zu den ersten polnischen Gebieten gehörte, die die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg besetzte. Während ihr älterer Bruder Jan den Bauernhof bewirtschaftete, trugen Stefan und Stanislaw durch ihre Arbeit in einem Stahlwerk in der Kreisstadt zum Lebensunterhalt der Familie bei.

Kielce zählte zu den ersten polnischen Gebieten, die das Deutsche Reich besetzte. Das Foto zeigte Wehrmachtssoldaten am 5. September 1939 am Bahnhof. Dort wurden wenige Wochen später die beiden Duda-Brüder bei einer Razzia verhaftet und als Zwangsarbeiter ins Reich verschleppt.

Wie es nach dem Krieg weiterging: Tragischer Tod in der Donau

Im Januar 1946 heiratete Stanislaw Duda in Aschau Anna Muschka, die ebenfalls in Taufkirchen Zwangsarbeit geleistet hatte. Die Heiratsurkunde liegt in der Gemeinde Aschau. In dieser Zeit sei Duda auch noch einmal auf den Nemmerhof zurückgekehrt, berichtet Andreas Bialas. Dort habe er Kinderbekleidung für eine Tochter erhalten, die im April zur Welt kam.

Im Oktober 1946 wurde die kleine Familie in ein DP-Lager in Ingolstadt umgesiedelt, das die UNNRA, eine Hilfsorganisation der Vereinten Nationen betrieb. Zu dieser Zeit arbeitete Stanislaw Duda als Fahrer für die amerikanische Army.

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Sein Leben endete tragisch. Er sei ertrunken, hieß es in Taufkirchen immer. Niemand wusste, wann und wo. Bialas hat auch das geklärt. In der Donau bei Ingolstadt ist es passiert, am 30. Juli 1947, die Frau des damals 26-Jährigen war im achten Monat mit der zweiten Tochter schwanger.

Die Mutter, die noch einmal heiratete, ging im Dezember 1950 mit ihrer Familie nach Australien. Tochter Irene, die 2018 verstarb, war später nach Deutschland zurückgekehrt. Ihre Familie lebt heute in Münster.

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