Eine Schmackhafte Katastrophe: Signalkrebs jetzt auch im Flossinger Weiher gesichtet

Er sieht harmlos aus, aber bedeutet für die heimischen Krebsarten eine Katastrophe: Der amerikanische Signalkrebs ist ein sogenannter Neozoen, verdrängt etablierte Artgenossen. Das treibt den Naturschützern die Sorgenfalten auf die Stirn.
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Er sieht harmlos aus, aber bedeutet für die heimischen Krebsarten eine Katastrophe: Der amerikanische Signalkrebs ist ein sogenannter Neozoen, verdrängt etablierte Artgenossen. Das treibt den Naturschützern die Sorgenfalten auf die Stirn.

Das Problem mit sogenannten Neozoenen: Warum die hiesigen Biologen überhaupt nicht begeistert sind, wenn sich fremde Arten wie der amerikanische Signalkrebs immer mehr in unserer Region ausbreiten. Tausende leben im Flossinger Weiher.

Von Josef Enzinger

Polling/Flossing – Der Schädling verharrt im Verborgenen, wartet bis die Dunkelheit kommt, erst dann wagt sich der amerikanische Signalkrebs aus seinem Versteck, um auf die Jagd zu gehen. Dass der Neozoen in der Isen mittlerweile zur Plage geworden ist, ist keine Neuigkeit. Jetzt wurde die vermutlich aus Nordamerika eingeschleppte Art auch im Flossinger Badeweiher gesichtet. Der Fischereiverein Mühldorf Altötting ist informiert – und in Sorge.

Eingeschleppt aus Nordamerika

Ruhig liegt er da im seichten Wasser, Fotograf Werner Klöpper drückt ab und postet das Bild dieses an sich formschönen Krebses auf Facebook, verbunden mit der Frage, um welche Art es sich dabei handeln möge. Experten brauchen nicht lange zu überlegen. „Ein Signalkrebs, ein Schädling, der aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt wurde und hier verheerende Schäden anrichtet“, erklärt Rudi Neumaier, selbst Fischer und bestens mit der invasiven Krebsart vertraut, der vor allem in der Isen wütet.

Verbreiter der „Krebspest“

Wüten deswegen, weil er nicht nur die einheimischen Krebsarten verdrängt. Er wächst schneller, wird schneller geschlechtsreif und legt auch mehr Eier als die heimischen Arten. Er verbreitet aber auch eine für heimische Arten tödliche Seuche, die „Krebspest“, die von einer Pilzart ausgelöst wird. „Selbst hat der Signalkrebs keine Schwierigkeiten damit, er ist immun. Fatal wirkt sich dieser Erreger aber bei den heimischen Stein- und Edelkrebsen aus, wenn sich noch vorkommen sollten. Dann war‘s das!“, erklärt Dr. Manfred Holzner vom Bezirksfischereiverein Mühldorf und Altötting. Den amerikanischen Signalkrebs kennt er schon lange. „Schon vor 20 Jahren wurden Einzeltiere gesichtet. Aber was wir gerade erleben, ist eine Explosion“, sorgt sich der promovierte Biologe mit Schwerpunkt Gewässerökologie und Fischbiologie. Das sehr anpassungsfähige Tier sei bisher vor allem am Unterlauf der Isen bei Winhöringzu beobachten gewesen. „Die ist warm und träge“, so Holzner. Im Inn habe man den Neozoen – so nennt man eingewanderte invasive Tierarten – ebenfalls bereits gesichtet. „Mitglieder des Fischereivereins berichteten, dass Köderfische verstümmelt an die Oberfläche gekommen seien, „nachdem sich offenbar der Signalkrebs gütlich daran getan hatte“.

Beim Jugendfischen erstmals ntdeckt

Und auch, dass der Eindringling im Flossinger Badeweiher ein zu Hause gefunden hat, war dem Fischereiverein bekannt. „Beim Jugendfischen, das am Flossinger Badeweiher stattfindet, wurde so ein Krebs schon mal gefangen“ erzählt Holzner, der der Sache auf den Grund gegangen ist und festgestellt hat, dass sich der ungebetene Gast „vor allem an der Ostseite des Gewässers, im Nahbereich des Ablaufs, wo es etwas steiler ist, besonders wohlfühlt!“

Die Krebsart verdränge nicht nur die einheimischen Arten, sagt Dr. Holzner. „Wenn der richtig Gas gibt, dann reduziert er die Fischbestände, weil er es auf den abgelegten Laich abgesehen hat. Wir haben ein geringes Aufkommen von Jungfischen an den Stellen, wo sich auch der Krebs ausbreitet.“

Bis zu 5000 Krebse 2019 rausgefischt

Und das tut er nach wie vor. 4500 bis 5000 dieser Signalkrebse seien den Fischern im vergangenen Jahr ins Netz gegangen. „Wir können und wollen ihn nicht vertreiben. Aber wir versuchen, ihn zu reduzieren, seine Ausbreitung zu kontrollieren und sein Vorkommen zu dokumentieren.“ Die Mitglieder des Fischereivereines tragen dazu ihren Teil bei, wenn sie mit sogenannten Krebstellern auf die Jagd nach dem Krebs gehen. „Tagesfänge von mehr als 100 Tieren mit zwei Krebstellern hat es schon gegeben“, weiß Holzner. Denn auch wenn die Krebspest für einheimische Krebsarten den Tod bedeutet, „für den Menschen ist diese Krankheit nicht gefährlich!“ Holzner sagt sogar: „Der Krebs schmeckt ganz gut, wie ein heimischer Edelkrebs!“

Schneller Tod im kochendem Wasser

Fangen dürfen ihn allerdings nur Menschen, Fischer, die einen Berechtigungsschein haben – alles andere, eine unkontrollierte Entnahme des Leckerbissens aus den Gewässern, wäre Wilderei, warnt Holzner. „Schließlich geht es auch darum, das Tier waidgerecht zu töten.“ Waidgrecht heißt: Das Tier in „wallend, kochendes Wasser werfen. Am besten einzeln und mit dem Kopf voraus. Dann ist es eine Sache von Sekunden, bis das Tier tot ist“, erklärt Holzner. Dann wartet man eine halbe Minute, bis der nächste Krebs in den Topf kommt. Was man nicht macht: Einen viel zu kleinen Topf nehmen und alle Tiere gleichzeitig reinwerfen. Das würde die Temperatur urplötzlich herabsenken. Die Tiere würden unnötig leiden. Und das muss nun wirklich nicht sein.

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Vom Ochsenfrosch über den Marienkäfer bis zum Laubholzbockkäfer

Laut Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUNd) sind bisher einige tausend neue Tier- und Pflanzenarten durch menschliches Zutun „eingewandert“. Alle Pflanzen, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 nach Mitteleuropa gelangt sind, werden als Neophyten bezeichnet. Der BUND gibt dazu die Zahl 12 000 an. Davon haben sich aber nur etwa 100 Pflanzen so „eingebürgert“, dass sie als Teil der heimischen Flora angesehen werden.

Ungefähr 1000 fremde Tierarten, so genannte Neozoen, sind bis jetzt in Deutschland festgestellt worden. 250 sind heimisch geworden. Im Folgenden sind einige Vertreter aufgelistet:

Ochsenfrosch

Der Ochsenfrosch breitet sich nach Angaben des BUND rasant aus und ist insofern problematisch, dass er mit allen hier einheimischen Amphibien in Nahrungskonkurrenz steht. Es kommt auch vor, dass heimische Lurche von ihm gefressen werden. Aufgrund seiner enormen Größe verspeist er auch Fische, Regenwürmer, Schnecken und sogar die eigenen Artgenossen. In Amerika hat er Fressfeinde wie Bussarde, Graureiher, Marder und Wasserschlangen. Ein Weibchen legt circa 20 000 Eier und kann sich dadurch explosionsartig ausbreiten. In Europa wurde der nordamerikanische Ochsenfrosch hauptsächlich als Delikatesse für die Gastronomie eingeführt. Hobbygärtner setzen ihn zudem in Gartenteichen aus, da war der Weg zum nächsten Tümpel nicht weit.

Asiatischer Marienkäfer

Die ursprünglich aus Japan und China stammende Art des Asiatischen Marienkäferswurde gegen Ende des 20. Jahrhunderts nach Amerika und Europa eingeschleppt. Sie sollte der biologischen Schädlingsbekämpfung dienen. In Deutschland ist diese Marienkäfer-Art 2002 das erste Mal gesichtet worden und breitet sich seither massiv aus. Er schafft ein bis zwei Vermehrungszyklen pro Jahr mehr als unsere einheimischen Marienkäfer und verputzt ungefähr das Fünffache an Blattläusen. Er trägt 19 Punkte auf seinem Rücken, also deutlich mehr als die meisten der einheimischen Arten. Mittlerweile tritt er in solchen Massen auf, dass er nach Einschätzung des BUND schlimmstenfalls die einheimischen Arten zurück- oder gar ganz verdrängen wird.

Amerikanischer Nerz

DerAmerikanische Nerz oder Mink ist ein wichtiger Räuber des Bisam, verdrängt jedoch den Europäischen Nerz, mit dem er eng verwandt ist. Der Mink gelangte nach Angaben des BUND in den 1920er und 30er Jahren als Pelztier nach Deutschland. In den 1950er Jahren konnte sich nach gewollten Freilassungen oder Ausbrüchen eine dauerhafte Population aufbauen und sein Areal dann sehr stark ausbauen. Er ernährt sich von Kleinsäugern, Bodenbrütern, Amphibien und Bisamratten.

Nordamerikanischer Waschbär

Ein besonders bekanntes Beispiel für invasive Tierarten ist der nordamerikanische Waschbär. Er wurde bereits 1927 als Pelztier nach Deutschland eingeführt und hat sich in Europa nicht nur etabliert, sondern weitet sein Areal seither deutlich aus. Aufgrund seiner hervorragenden Kletterkünste macht sich der Allesfresser auch an Vögel heran, die in Bäumen nisten. In naturbelassenen Lebensräumen, die ausreichend Deckung bieten, scheint der Waschbär den Bestand von Auer-, Birk-, und Haselhuhn nicht ernsthaft zu gefährden.

Bisam

Ein anderes Beispiel ist der Bisam, der laut Bayerischem Landesamt für Umwelt im Jahre 1905 von Nordamerika in die Tschechoslowakei gebracht wurde. Innerhalb weniger Jahrzehnte verbreitete sich das kleine Säugetier in ganz Mitteleuropa, was auch durch willentliche Ansiedelungen – zum Zweck der Pelzerzeugung – verstärkt wurde. Der Bisam gefährdet beispielsweise Muschelpopulationen in ihrem Bestand, kann zu Destabilisierung von Ufern und zu lokalen Auslöschungen einiger Pflanzenarten führen. Auch der Mink oder Amerikanische Nerz wurde für die Pelzgewinnung eingeführt. Seit den 1950er Jahren haben sich aus Nerzfarmen entlaufene oder freigelassene Tiere auch in Europa ausgebreitet und den heimischen Europäischen Nerz weitgehend verdrängt.

Asiatischer Laubholzbockkäfer

Der Asiatische Laubholzbockkäfer ist ein aus Asien eingeschleppter Baumschädling. Von den heimischen Bäumen sind bei uns fast alle Laubholzarten gefährdet, wie die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft mitteilt. Der Käfer befällt gesunde Bäume und kann diese bei starkem Befall zum Absterben bringen. Es gilt die weitere Verbreitung des Schädlings auf Grundlage eines EU-Durchführungsbeschlusses von 2015 zu verhindern. Der Fund eines Asiatischen Laubholzbockkäfers ist meldepflichtig. In Bayern wird derzeit an fünf Orten gegen den ALB vorgegangen: Feldkirchen (Landkreis München), Kelheim (Landkreis Kelheim), Miesbach (Landkreis Miesbach), Murnau a. Staffelsee (Landkreis Garmisch-Partenkirchen), und Ziemetshausen, Ortsteil Schönebach (Landkreis Günzburg). In Neubiberg (Landkreis München) ist es Ende 2019 und in Neukirchen (Landkreis Passau) Ende 2015 gelungen, den ALB auszurotten und die Quarantänezone aufzuheben.

Von wegen Glückbringer: Der Asiatische Marienkäfer verdrängt die einheimsiche Art Ein hungriger Ochsenfrosch schreckt beim Mahl auch vor seinen Artgenossen nicht zurück. Der Asiatische Laubholzbockkäfer befällt gesunde Bäume und kann diese zum Absterben bringen.

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