Ein Jahr nach der Eröffnung

Ein Jahr voller Freude und Leid: Ende September 2019 wurde die A94 eröffnet – Streit geht weiter

  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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In einem ist sich die A94 auch in den 365 Tagen seit der Eröffnung treu geblieben: Sie sorgt für Streit. Die Begeisterung der einen trifft auf die Ablehnung der anderen, die Meinungen zur durchgehenden Straße zwischen Burghausen und München sind unversöhnlich.

Mühldorf – Das bescherte der A94 nicht zuletzt erneut den Gang vor ein Verwaltungsgericht. Kaum acht Jahre nach dem 12. Dezember 2012, als das Bundesverwaltungsgericht die Planungen für rechtmäßig erklärte, entschied das Bayerische Verwaltungsgericht vorläufig über das Tempolimit zwischen Heldenstein und Pastetten. Mit dem hatte die Staatsregierung auf Lärmbeschwerden der Anwohner reagiert, das Gericht erklärte es für unzulässig.

Meinungen sind unvereinbar

Auch nach einem Jahr stehen auf der einen Seite diejenigen, die die Verkürzung der Fahrzeit genießen, wie Wolfgang Hobmeier. Der Handwerker aus Neumarkt-St. Veit hat fast täglich in München zu tun, für ihn ist die Autobahn goldwert. „Für uns ist das eine wahnsinnige Entlastung“, sagt er. Zum einen, weil die Straße nicht so gefährlich ist, zum anderen weil es einfach schneller geht, eine halbe bis dreiviertel Stunde in jede Richtung.

Moderne Erschließung und sicherer Verkehr gegen Ruhe und Natur: Das Foto der Autobahn bei Frauenornau zeigt eindrucksvoll die Kontraste, die die A94 auch ein Jahr nach ihrer Eröffnung prägen.

Positiv hat sich die Autobahn auf die Zahlen der Unfallstatistik ausgewirkt, die nach Angaben der Mühldorfer Polizei im vergangenen Jahr (siehe Bericht auf Seite 11). Für den Vorsitzenden des Vereins „Ja zur A 94“ gibt es nur Grund zum Jubeln: „Ein Traum wird befahrbar.“

Anwohner sprechen vom Verlust der Heimat

Anwohner Martin Numberg mit (von links) Landrat Martin Bayerstofer, Landtagsabgeordneter Ulrike Scharf und Ministerpräsident Markus Söder.

Vom Albtraum, vom Verlust der Heimat sprechen Anwohner. Josef Platschka aus Pfaffenkirchen wohnt 600 Meter nördlich der Ornautalbrücke. „Die Ruhe, die wir gehabt haben, ist ein für alle Mal weg. Es gibt Tage, da ist man froh, nicht zu Hause zu sein“, sagte er nach wenigen Wochen. „Unsere Heimat, so wie sie war, gibt es nicht mehr.“

Sichere Straße und kürzere Fahrzeiten

Eine sicherere Straße, kürzere Fahrzeiten einerseits, Lärm und die Zerstörung der Natur andererseits, zwischen diesen Polen pendelt die Autobahn, seit Ende der 1970er-Jahre die ersten Pläne zum Bau auf dem Tisch lagen. Es folgten Jahrzehnte der Diskussion über den Verlauf der Trasse, besonders hart wurden sie im Isental rund um Dorfen geführt. Trotz aller politischen Lippenbekenntnisse verzögerten sich Planungen und der Bau immer wieder.

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Mal waren sich die Politiker uneins über die Wirtschaftlichkeit, dann war plötzlich kein Geld mehr da, dann hing der Fortgang vor Gericht fest. Erst 2012 wurde die sogenannte Umfahrung Mühldorfs fertig, von Osten kommend ging es zwischen Burghausen und Heldenstein vierspurig voran. Bis das 33 Kilometer lange Loch für 440 Millionen Euro gestopft war, gingen weitere sieben Jahre ins Land.

Alle möglichen Auswirkungen sind dabei heute noch gar nicht absehbar. So befürchtete die Bahn, dass Pendler von der Schiene auf die Straße umsteigen würden. Dazu, das sagt ein Bahnsprecher, könne derzeit noch keine Aussage getroffen werden. Der Grund: Corona. „Die Fahrgastzahlen bei der Südostbayernbahn unterlagen in diesem Jahr aufgrund der Corona-Pandemie sehr starken Schwankungen“, sagte der Sprecher. In der Hochphase der Ausgangsbeschränkungen sei die Zahl der Fahrgäste um 90 Prozent zurückgegangen. „Ein sinnvoller Vergleich der Fahrgastzahlen vor und nach Eröffnung der A 94 ist deshalb nicht möglich.“

Verändert haben sich auf jeden Fall die Immobilienpreise: sie haben stark angezogen. Günther Ohneis, der als Makler für die Sparkasse arbeitet, nennt zwei Gründe. Die Knappheit des Angebots vor allem bei Baugrundstücken und den Bau der Autobahn. Dabei gibt es heute kaum mehr einen Quadratmeter Baugrund unter 500 Euro, für gute Grundstücke zahlen Interessenten auch 720 Euro. Zum Vergleich: Vor sieben oder acht Jahren reichten noch 180 Euro.

Wohnraum wird deutlich teurer

Für die meisten Menschen in der Region ein großer Freudentag: Musiker aus verschiedenen Blaskapellen bei der Eröffnung der A94 am 30. September 2019.

Das gleiche gilt für den Kauf von bereits stehenden Häusern und Wohnungen. Auf zehn bis 15 Prozent Steigerung seit Fertigstellung der Autobahn beziffert Makler Walter Spielmann die Steigerung.

Corona hat den Wunsch nach dem eigenen Haus verstärkt

Nicht ganz einig sind die Makler bei Zeitpunkt und Auslöser der Steigerung. Während Günther Ohneis eine Erhöhung des Drucks schon fünf Jahre vor der Fertigstellung der A 94 ausgemacht hat, glaubt Spielmann, dass es erst mit der Fertigstellung so richtig losging. Einig sind sich aber beide in der Einschätzung, dass das Ende der Steigerung noch nicht gekommen sein dürfte. Spielmann sagt, dass es weiter sehr viele Interessenten vor allem aus München gebe, die bereit seien, hohe Preise zu bezahlen. Corona habe diese Entwicklung mit dem Wunsch nach dem eigenen Haus verstärkt.

Richtung Osten fehlen noch 57 Kilometer

Mit der Eröffnung vor einem Jahr geht die Baugeschichte der A 94 noch nicht zu Ende. Richtung Osten fehlen 57 Kilometer. Bis die fertig sind, wird es noch viele Planungen, Genehmigungen und Streiterein geben.

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