Ein Jahr Corona im Landkreis Mühldorf

Über Spätfolgen ist nicht viel bekannt, sagt der Mühldorfer Mediziner Christian Wiesner

Dr. Christian Wiesner.
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Dr. Christian Wiesner.
  • Markus Honervogt
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Mühldorf - Die Krankheit ist schrecklich und noch sehr jung. Deshalb kann auch Lungenspezialist Dr. Christian Wiesner vom Inn-Klinikum Altötting-Mühldorf noch nicht viel über Spätfolgen sagen.

Was kann man über die Spätfolgen von Corona sagen?

Dr. Christian Wiesner: Über Allgemeinsymptome wie Müdigkeit, Erschöpfung, reduzierte Belastbarkeit, Kopf und Gliederschmerzen klagen viele Betroffene in den ersten Wochen nach der Infektion. Dieses postvirale Erschöpfungssyndrom klingt bei den meisten im Laufe von 4-6 Wochen ab. Nach derzeitigem Kenntnisstand leiden etwa 10 % der Erkrankten über länger andauernde Beschwerden. Dies kennen wir auch von anderen Virusinfekten wie Influenza oder Pfeifferschem Drüsenfieber. Über eine Langzeitprognose kann man derzeit nur Spekulationen anstellen. Bleibende Lungenschäden können vorkommen, sind jedoch eher selten gesehen, genauso wie Nervenerkrankungen oder Herzerkrankungen.

Obwohl Menschen über 80 Jahren nicht einmal zehn Prozent der Infizierten ausmachen, liegt ihr Anteil an den Toten bei weit 70 Prozent.

Gibt es Unterschiede bei Jungen und Alten, Frauen und Männern, Vorerkrankten und Gesunden?

Wiesner: Ja, es gibt Unterschiede. Ältere Menschen, Männer und Vorerkrankte haben eine höhere Sterblichkeit an Covid 19, vermutlich aufgrund eines etwas weniger leistungsfähigen Immunsystems. Am postviralen Erschöpfungssyndrom hingegen leiden mehr Frauen als Männer, hier wird auch das aktivere Immunsystem als Ursache vermutet. Dieses insgesamt tiefere Immunsystem führt bei Frauen im jüngeren und mittleren Lebensalter auch zum häufigeren Auftreten von Autoimmunerkrankungen. Trotz gewisser Ähnlichkeiten kann das postvirale Erschöpfungssyndrom jedoch nicht als Autoimmunerkrankung angesehen werden.

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Sind Corona-Spätfolgen in irgendeiner Weise mit den Folgen einer Grippe zu vergleichen?

Wiesner: Das postvirale Erschöpfungssyndrom ist in Art und Ausprägung durchaus mit den Folgen einer Influenza zu vergleichen. Weitere Aussagen können zum gegenwärtigen Zeitpunkt darüber aber nicht getroffen werden

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Kann man Spätfolgen vermeiden?

Wiesner: Wir wissen derzeit nicht, welche Mechanismen zu den geschilderten Störungen führen. Deshalb gibt es bislang weder gesicherte Therapiemöglichkeiten noch Empfehlungen zur Vermeidung von Spätfolgen. Allgemein lässt sich sagen, dass die Betroffenen nicht gegen ihre Beschwerden „ankämpfen“ sollten, ausreichend Zeit für Erholung einplanen und Überlastung vermeiden. Sportliches Training ist vermutlich eher kontraproduktiv. Zusätzlich sollte eine symptomorientierte Therapie (Entspannungstechniken, Behandlung von Schmerzen und Schlafstörungen) erfolgen.

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