Abschied von der Gemeinde

Die Lust auf den Disput: Evangelische Gemeinde Mühldorf verabschiedet Pfarrerin Susanne Vogt

Mit Engagement die eigene Meinung verteten: die scheidende Pfarrerin Susanne Vogt bei ihrer letzten Predigt in der Erlöserkirche in Mühldorf.
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Mit Engagement die eigene Meinung verteten: die scheidende Pfarrerin Susanne Vogt bei ihrer letzten Predigt in der Erlöserkirche in Mühldorf.
  • Hans Rath
    vonHans Rath
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Sechs Jahre arbeitete Susanne Vogt als Pfarrerein der Erlösergemeinde in Mühldorf. In dieser Zeit engagierte sie sich für ihre Gemeinde, war aber auch in der Öffentlichkeit präsent, um für christliche Werte zu streiten. Jetzt geht sie in den Ruhestand. Eine Nachfolgerin steht fest, sie kommt im Sommer.

Mühldorf – Das Gemeindefest zur Amtseinführung der evangelischen Pfarrerin Susanne Vogt war groß und fröhlich, die Verabschiedung eher leise, aber kaum weniger herzlich. Sechs Jahre liegen zwischen den beiden Ereignissen, tausende Stunden Arbeit und natürlich eine Corona-Pandemie, die die Verabschiedung in einen deutlich kleineren Rahmen verwies.

Zum Gottesdienst war die Erlöserkirche so gut besucht, wie eben möglich. Wer keinen Platz fand, konnte die Übertragung im Gemeindesaal verfolgen. In ihrer letzten Predigt stellte sie die Frage ins Zentrum: „Was ist wahr?“ Bezug nehmend auf den Holocaust-Gedenktag vom 27. Januar betonte sie, dass es Menschen gebe, die den millionenfachen Judenmord leugneten und behaupteten, der Holocaust sei von den Alliierten erfunden worden, um die Deutschen zu demütigen.

40 Jahre gradlinig für das Wort Gottes

Auch die Corona-Pandemie werde von Menschen geleugnet, obwohl die Belegschaften der Krankenhäuser am Limit agierten, viele Tote zu beklagen seien. „Es braucht Bereitschaft von einem selbst, um etwas als wahr zu akzeptieren. Jesus zufolge ist Gott die Wahrheit und die Liebe. Dies umzusetzen – das ist für mich Glaube. Das habe ich versucht, in meinen 40 Jahren als Pfarrerin weiterzugeben, gradlinig und authentisch.“

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Dekan Peter Bertram aus Traunstein versicherte Vogt, sie habe ihrer Gemeinde viel Gutes getan, sei immer greifbar gewesen und habe nicht nur einen Job gemacht. Sie sei sich treu geblieben und habe mit einer gewissen Lust ihre eigene Meinung vertreten. „Das merkte man, als nach der Predigt spontan Applaus einsetzte, das war nicht abgesprochen.“ Der Dekan gab bekannt, dass die Stelle im Sommer mit Pfarrerin Anita Leonhardt besetzt wird, die derzeit in Waldkraiburg arbeitet.

Hilfebereit und ökumenisch

Waldkraiburgs Pfarrer Lars Schmidt bescheinigte Vogt stete Hilfsbereitschaft. Sie sei immer eingesprungen, wenn es notwendig war. Die Gemeinde habe an erster Stelle gestanden, sie habe sich stets für sie eingesetzt. Er vermutete, dass sie auch im Ruhestand weiter an der Kirche bauen werde.

Für die Ökumene: nahm Pastoralreferentin Claudia Stadler am Abschied teil.

Die katholische Kollegin Claudia Stadler revanchierte sich für das Geschenk Vogts zur Altarweihe von St. Laurentius in Altmühldorf, zu der sie eine Ruhebank geschenkt hatte. Zusammen mit Pfarrgemeinderat

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Rudi Salfer überreichte sie im Namen der Stadtkirche ein ‚ökumenisches Bankerl‘, eine kleine Holzbank mit verschieden Pflanzen darauf. Bürgermeister Michael Hetzl erinnerte an Susanne Vogts erste Predigt in Mühldorf: „Glaube braucht Gemeinschaft und Übung“, habe sie damals gesagt. Dies sei ihr gelungen, ebenso wie die Jugendarbeit, die ihr immer sehr wichtig gewesen sei.

Mühldorfs Landrat Max Heimerl sprachüber Vogts Tatkraft.

Landrat Max Heimerl betonte, dass die scheidende Pfarrerin konsequent gegen Menschenverachtendes angegangen sei. Beim Holocaust-Gedenktag vor einem Jahr habe sie exemplarisch auf dem Mühldorfer KZ-Friedhof einen Mandelbaum gepflanzt.

Als Geschenk des Himmels gewürdigt

Beate Waldinger-Keindl Leiterin der Grundschule Mößling, bezeichnete Susanne Vogt als „Geschenk des Himmels“, ihr sei das Wohl der Schulkinder immer ein besonderes Anliegen gewesen. Norbert Janssens vom Gairo–Kreis, Magdalena Hübner vom Kirchenchor und Sebastian Schaf vom Jugendausschuss fanden ebenso lobende Worte wie Burkhard Schröder, langjähriger Vertrauensmann des Kirchenvorstands. Er habe sie in sechs intensiven Jahren als Vertrauensmann begleitet, Vieles habe sie erreicht, er nannte die Renovierung der Erlöserkirche und den Kauf der neuen Orgel. Er erinnerte an viele gemeinsame Stunden im Arbeitszimmer der Pfarrerin oder unter dem Apfelbaum vor dem Gemeindehaus.

Das letzte Wort hatte die sichtlich gerührte Pfarrerin, die sich bei allen bedankte – für die Worte, für die Unterstützung, für die kritische Begleitung: „Ich bin gespannt, was auf mich zukommt. Langweilig wird mir bestimmt nicht, das Wort kenne ich nicht.“

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