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Das Dorfleben in Polling leidet unter Corona: Bürgermeister Kronberger hofft auf baldige Normalität

Bürgermeister Lorenz Kronberger in den Räumen der neuen Kinderkrippe, die im kommenden September ihren Betrieb aufnehmen soll.
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Bürgermeister Lorenz Kronberger in den Räumen der neuen Kinderkrippe, die im kommenden September ihren Betrieb aufnehmen soll.
  • Robert Wagner
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Er engagiert sich seit 1996 in der Kommunalpolitik. In einem Interview erzählt Lorenz Kronberger, wie er das Jahr 2020 erlebt hat, was die Gemeinde besonders gefordert hat und was er sich für die Zukunft wünscht.

Polling – Er engagiert sich seit 1996 in der Kommunalpolitik und wurde 2014 erstmals zum ehrenamtlichen Bürgermeister als Kandidat der CSU gewählt. 2020 erhielt Lorenz Kronberger als Kandidat der UWG – die CSU hatte sich für die Nominierung von Stefan Mooshuber entschieden – in der Stichwahl erneut das Vertrauen der Bürger und ist seither hauptamtlicher Bürgermeister. In einem Interview erzählt Lorenz Kronberger, wie er das Jahr 2020 erlebt hat, was die Gemeinde besonders gefordert hat und was er sich für die Zukunft wünscht.

Wie beziehungsweise wo hat sich die Pandemie ihrer Ansicht auf die Arbeit in der Gemeinde Polling ausgewirkt?

Lorenz Kronberger: „Besonders anstrengend waren die sich ständig ändernden Vorgaben in Kindergarten, Schule und Verwaltung. Hier war und ist von allen Seiten hohe Flexibilität gefragt. Ein Sprichwort sagt: „Eine Katastrophe ist, ähnlich wie eine Ruhmestat, imstande, enorme Energie freizusetzen“. Obwohl es für uns in der Verwaltung teilweise viel Unerklärliches gab, wurden aber auch viele vernünftige Dinge auf den Weg gebracht.

Als Beispiel stellte uns die Anordnung, nur noch zwei zugelassene Haushalte bei standesamtlichen Trauungen mit Braut, Bräutigam und Standesbeamten manchmal vor schier unlösbare Aufgaben. Gleichzeitig haben aber während dieser Zeit auch positive Neuerungen Einzug gehalten. Mittlerweile haben sich moderne Kommunikationswege, wie zum Beispiel Videokonferenzen, etabliert.

Was würden Sie als größtes Projekt im abgelaufenen Jahr bezeichnen?

Kronberger: „Das war ganz klar die Fertigstellung unseres Kanalnetzes, dessen Konzeption schon aus den 90er Jahren stammte. Nach der Fertigstellung der letzten Bauarbeiten können jetzt alle Anwesen der Gemeinde Polling an die Kläranlage angeschlossen werden. Allen anderen Bürgern wurde bereits in den 90er-Jahren mitgeteilt, dass sie eine eigene Nachkläreinrichtung erstellen müssen. Damit ist viel Gutes für den Umwelt- und Naturschutz geschehen.

In mehr als sechsjähriger Bauzeit wurden die Ortsteile Annabrunn, Unterflossing, Ehring und Weiding an das Kanalnetz angeschlossen. Es war nicht immer leicht, in den bestehenden Siedlungen unterhalb von Gärten und Straßen die Abwasserleitungen zu verlegen. Vielfach wurden in diesem Zuge Trinkwasserleitungen erneuert und bis ins Haus verlegt. Oft wurde auch der komplette Neubau der Straße erforderlich, da die Asphaltfläche während der Baumaßnahmen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Es zeugt von aktivem Umweltschutz, wenn ab sofort die Abwässer der geordneten Reinigung in einer Kläranlage zugeführt werden. Dabei gibt es eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt Mühldorf. Während die Abwässer der Ortsteile Starkheim und Hammer der Stadt Mühldorf in das Pollinger Netz eingeleitet werden, werden die Abwässer aus Ehring und Weiding zur Kläranlage nach Mühldorf weitergeleitet.“

Wie weit ist in der Gemeinde Polling der Ausbau für schnelles Internet vorangekommen?

Kronberger: „Nach sehr langen Verzögerungen konnten im vergangenen Jahr die letzten Teile der ersten Ausbaustufe freigeschaltet werden. Gleichzeitig wurde bereits in den zweiten Ausbaugebieten mit den Bauarbeiten begonnen, die nun unmittelbar vor der Fertigstellung stehen.

Danach wollen wir eine Gesamtaufnahme machen, wo es noch unterversorgte Gebiete oder Einzelanwesen gibt. Leider geht hier die Schere zwischen Theorie und Praxis oft sehr weit auseinander. Denn die Planungen der Telefonanbieter, die theoretisch eine gute Anbindung darstellen, entsprechen in der Praxis leider oft nicht den Tatsachen.“

Wie sehen Sie das gesellschaftliche Leben in dieser Zeit, was liegt Ihnen hier besonders am Herzen?

Kronberger: „In den Medien wird sehr oft über die Auswirkungen der Pandemie auf Schule und Kindergarten berichtet. Als Bürgermeister erlebe ich aber auch, wie sehr die älteren Mitbürger unter der Isolation leiden. Ich erlebe, wie manche Senioren daran regelrecht zerbrechen. Manche verstehen nicht, wieso sie die Enkelkinder nicht mehr besuchen dürfen. Obwohl es ihrer eigenen Sicherheit dient, halten viele ältere Menschen die Maskenpflicht für unerträglich. Hoffentlich können die Kontaktbeschränkungen in den nächsten Monaten erleichtert werden.

Ein wesentlicher Faktor im Dorfleben sind unsere Vereine. Sie haben besonders unter der Pandemie zu leiden. Während die Feuerwehren noch unter Einschränkungen bis in den Herbst üben konnten, waren Sport- und Schützenvereine, Landjugend und Pfadfinder besonders von den Kontaktbeschränkungen betroffen. Auch hier habe ich die Hoffnung, dass sich möglichst bald wieder Normalität einstellt. Vereine sind die Lebensader einer Gemeinde.

Und nicht zuletzt leidet auch die Pflege unserer Beziehung zur österreichischen Partnergemeinde Hohenzell. Hier beschränkt sich der Kontakt auf Telefonanrufe und Kurznachrichten. Die Aufrechterhaltung dieser intensiven Partnerschaft gestaltet sich im Moment schwierig bis unmöglich. Hoffentlich bleiben diese von Bürgern, Gemeinde und Vereinen gepflegten Kontakte über die Dauer der Pandemie hinaus bestehen.“

Wie stellt sich die finanzielle Situation der Gemeinde dar, welche Investitionen stehen an, beziehungsweise können umgesetzt werden?

Kronberger: „Die Gemeinde verfügt auf der Einnahmenseite noch über keine Zahlen, wie sich die Pandemie auf unsere Steuereinnahmen auswirken wird. Negative finanzielle Auswirkungen sind im Jahr 2020 noch nicht aufgetreten. Sicher werden aufgrund der Ausgaben die Umlagen von Bezirk und Landkreis ansteigen. Die Erhöhung der Kreisumlage wurde uns bereits vom Landratsamt Mühldorf mitgeteilt.

Ich bin froh, dass sich der Gemeinderat in den letzten Jahren auf sehr große Investitionen im Bereich Infrastruktur eingelassen hat. Der neue Haushalt wird vom Spagat zwischen vorsichtiger Ausgabenführung und Zukunftsinvestitionen geprägt sein. Wir werden die begonnenen Investitionen in den Schulen weiterführen. Im letzten Jahr wurde dabei vor allem in die digitale Ausstattung investiert. Die Trinkwasserverbundleitung wird sicher gebaut. Die vorgesehene Erschließung der Baugrundstücke wird hoffentlich möglich sein. Auch die Fertigstellung der Kinderkrippe wird bis September 2021 erfolgen. Hier freut es mich besonders, dass wir bereits jetzt von einer Vollbelegung ausgehen können, ebenso wie im Kindergarten.“

Welche Nachricht würde Sie besonders gerne lesen?

Kronberger: „Mich würde es freuen zu lesen, dass die neuen Impfstoffe eine Immunität in ausreichender Wirksamkeit und Beständigkeit erzielen. Dadurch bestünde die Möglichkeit, bis Mitte des Jahres wieder annähernd normale Verhältnisse zu erreichen.“

Verraten Sie uns zum Schluss doch noch Ihren Leitsatz und wie es Ihrer Ansicht weitergehen wird?

Kronberger: „Es schadet nicht, lange und ausgiebig zu planen. Aber dann sollte es auch eine zielgerichtete Umsetzung geben. Ich halte nichts von unerreichbaren Träumereien. Nach meiner Überzeugung wird die Corona-Pandemie auch positive Neuerungen mit sich bringen, aber auch die Notwendigkeit von Flexibilität aufzeigen. Wir werden Regionalität, Selbstversorgung im eigenen Land, die internationale Zusammenarbeit, aber eben auch die damit verbundene Abhängigkeit neu bewerten müssen.“

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