Das 1001. Wort

  • Hans Grundner
    vonHans Grundner
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Boah! Was haben wir nicht alles gelernt.

Wir können wirklich stolz auf uns sein. Corona wirkt wie eine Turbo-Volkshochschule. Tausend neue Wörter, Begriffe, Redewendungen, Abkürzungen hat die Pandemie seit März 2020 in den öffentlichen Diskurs geschwemmt. So kommt es uns jedenfalls vor.

Was vor einem Jahr noch ins Buch mit sieben Siegeln gehört hätte, geht Otto Normaldenker heute locker leicht von den Lippen: Risikogebiet, Aerosole, Ct-Wert, FFP2 und FFP3, AHA-Formel, Covid-19, Sars-CoV-2, Reproduktionszahl R, Shutdown, Mutation, RKI, Priorisierungsgruppe... Fast jedes Krippenkind weiß mittlerweile, was Quarantäne bedeutet. Leider. Und auch wenn das Homeschooling keinen überragenden Ruf genießt, ist davon auszugehen, dass durchschnittlich begabte Drittklässler den Unterschied zwischen Antigen-Test und Antikörper-Test problemlos erläutern können. Selbstverständlich gehört es längst zum Allgemeinwissen, dass Kontaktermittlung nichts mit Eheanbahnung zu tun hat.

Notorisch lausige Mathematikschüler, die auch nach bestandenem Abitur noch immer keine Ahnung hatten, was exponentielles Wachstum bedeutet, und heute zum Beispiel in Redaktionsbüros des Oberbayerischen Volksblattes sitzen, haben endlich begriffen, was es damit auf sich hat. Dank Corona.

Und so hört sich manches Gespräch am Sonntagmorgen an, als säßen die Teilnehmer grade nicht am Frühstückstisch, sondern in einem epidemiologischen Proseminar. Beim Abendessen könnte man sich glatt wie am Virologen-Stammtisch vorkommen. Wäre der wegen der Sieben-Tage-Inzidenz jenseits der 200er-Marke nicht ohnehin dem aktuellen Lockdown zum Opfer gefallen.

Ach, wären’s doch nur die Wörter, wir würden es schon verkraften. Doch das Virus treibt Menschen mit Alu-Hüten auf Straßen. Bei diesen Temperaturen. Und ruft Querdenker auf den Plan. Sogar auf dem Waldkraiburger Volksfestplatz wurden sie schon mehrfach gesehen, als wäre das ein Ersatz für die ausgefallene Wiesn. Da würde ein 15 Kilometer-Sperr-Radius rund um die Stadt Sinn machen.

Ja, so viele neue Wörter und Wendungen haben wir gelernt – und sind doch sprachlos. Kraiburgs Bürgermeisterin Petra Jackl hat‘s neulich auf den Punkt gebracht. Ihr fehlt der Austausch mit den Bürgern. Das persönliche Gespräch, das keine Mail, keinen Post, in welchem Nachrichtenportal auch immer, ersetzen könnte. Was für die Kommunalpolitik gilt, gilt für alle Lebensbereiche. So wichtig die Fortschritte bei der Digitalisierung der Kommunikation, der Professionalisierung von Homeschooling und Homeworking, auch sein mögen, die Klasse fehlt, die Kollegen vis a vis. Weil der Mensch kein digitales Wesen ist, sondern aus Fleisch und Blut. Auch das haben wir mit Corona gelernt.

Im Fernsehen kann man sie jeden Abend beobachten, die Szenen, in denen Leute in großen Runden ohne Abstand und Mund-Nasen-Schutz zusammensitzen, einfach so miteinander feiern, fröhlich sind, ja, sich sogar Hände schütteln. Ich weiß nicht, ob es anderen genauso geht? Mir kommen solche Szenen gelegentlich eigenartig fremd vor. Irgendwie irritierend. So weit sind wir schon.

Muss man sich da wundern, dass an dieser Stelle starke Emotionen ins Spiel kommen? Bei Individuen ebenso wie bei Landkreisen und ganzen Ländern ungestilltes Verlangen nach Vakzinen hochkommt und nicht mehr weggeht. Muss man sich wundern darüber? Soll man sich schämen für Impfneid? Herrje, schon wieder eine Neuschöpfung. Das 1001. Wort. Steht sicher bald im Duden.

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