„Wir schalten jetzt in den Kampfmodus“

Coronavirus: Mühldorfs Musiker blasen Ministerpräsident Söder den Marsch

Ob Ministerpräsident Markus Söder bewusst ist, was der den Blaskapellen zumutet?
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Ob Ministerpräsident Markus Söder bewusst ist, was der den Blaskapellen zumutet?
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Blaskapellen hängen wegen der Corona-Pandemie in der Warteschleife und haben auch schon Konzerte für 2021 abgesagt. Musikverbände schalten jetzt in den Kampfmodus und verweisen auf Österreich. Dort gibt es Polka und Walzer – und andere Hygienerichtlinien.

Mühldorf – „Jetzt werden die Turnhallen wieder für den Schulsport genutzt. Gut für die Schüler, schlecht für uns. Wir wissen nicht, wo wir proben sollen!“ Sepp Bernhard, Vorsitzender der Blaskapelle Altmühldorf,ist ratlos. Der Musikbund von Ober- und Niederbayern (MON) will es dabei nicht belassen: „Wir schalten jetzt in den Kampfmodus“, kündigt er in sozialen Netzwerken an. In Gesprächen mit der Regierung will der MON Lockerungen erwirken.

Man habe erkannt, dass vielen Blasmusikern in Bayern wegen der Corona-Krise die Perspektive fehle, teilt der MON mit. Keine Auftritte, schwierige Rahmenbedingungen für die Proben. Zwar gebe es viele Vereine, die sich mit der Situation arrangiert hätten, doch vielerorts sorge man sich auch um die Existenz.

Huber: Nicht Blick auf Kulturschaffende verlieren

Ein Zustand, den auch der CSU-Landtagsabgeordnete Dr. Marcel Huber nicht mehr hinnehmen will. Huber ist Präsident des Musikbundes Ober- und Niederbayern. „Die Regeln sind für viele Kapellen nicht mehr zu tolerieren“, kritisiert Huber, der selbst passionierter Tubist ist. „Wenn jetzt Sport in den Turnhallen wieder erlaubt ist, dann gibt es keinen Grund, den Kapellen ihr Hobby zu verwehren.“ Huber sagt: „Ich verstehe, dass der Corona-Druck mit dem Herbst, wenn viele zu schniefen beginnen, zunimmt.“ Dennoch sollte man nicht den Blick auf die Kulturschaffenden verlieren, die von den Einschränkungen durch Corona besonders betroffen seien.

Die Blaskapelle Altmühldorf

Bisheriger Probenraum ist zu klein

Die Altmühldorfer Musiker hängen in der Warteschleife fest, weil ihr Probenraum zu klein ist. Besonders sorgt sich Sepp Bernhart um die Jugendkapelle. „Die sollen ja proben. Wenn das nicht mehr möglich ist, besteht die Gefahr, dass uns der Nachwuchs die Lust verliert und aufhört.“

Keine Feier für Swingstreet-Bigband

Es sind aber nicht nur die Blaskapellen, die von den strengen Hygienerichtlinien betroffen sind. „Das schränkt auch Big Bands ein“, sagt Rainer Schratt, Pianist und Gründungsmitglied der Swingstreet-Bigband in Mühldorf. „Wir hatten uns so auf 2020 gefreut. In diesem Jahr wollten wir unser 20-Jähriges feiern. Doch seit den Proben- und Auftrittsverboten Mitte März musizieren sie nicht mehr. „Das ist ziemlich frustrierend“, sagt Schratt. Schon der „Tanz in den Mai“ war wegen Corona ins Wasser gefallen. Die Planung eines Jubiläumskonzert sei gar nicht weiter konkretisiert worden.

Abstände von 1,5 Metern ausreichend

Schratt stellt klar: Man dürfe das Thema Corona nicht kleinreden, Aerosole bergen ein hohes Ansteckungsrisiko. Aber mit ausreichend Abstand müsste ein gemeinsames Spiel möglich sein. „Es ist ja nicht so, dass die Musiker den Kopf in den Trichter der Bläserkollegen stecken und die Luft inhalieren.“ Abstände von eineinhalb Metern sollten ausreichend sein, meint Schratt und verweist auf die Fußballer, die bei der inzwischen wieder erlaubten Ausübung ihres Sports im Zweikampf sogar Körperkontakt hätten.

Neujahrskonzert wird 2021 nicht stattfinden

Die Altmühldorfer Blaskapelle hat aufgrund der fehlenden Probenmöglichkeit eine erste Konsequenz gezogen. Ihr traditionelles Neujahrskonzert wird 2021 nicht stattfinden. Als Alternative überlegt sich Bernhart ein Frühjahrskonzert, das im Freien stattfinden könnte. Eine Überlegung, die die Heldensteiner Blaskapelle in der vergangenen Woche in die Tat umgesetzt hat, indem sie als Alternative zur Corona-bedingten Absage der im März geplanten Jubiläumsfeierlichkeiten ein Konzert am Kirchlein zu Kirchbrunn gegeben hat. „Ein wunderschönes Konzert“, wie auch Landtagsabgeordneter Dr. Marcel Huber feststellt, der unter den Zuhörern war.

Erlaubnis für Standkonzert erteilt, dann zurückgezogen

Um sich öffentlich zu präsentieren, hatte die Blaskapelle Altmühldorf eine ähnliche Idee aufgegriffen: Trotz Absage des Volksfestes wollte sie am eigentlichen Eröffnungstag ein Standkonzert vor dem Rathaus geben. Zunächst hatte die Stadt Mühldorf die Erlaubnis dazu erteilt, diese dann aber zurückgezogen. Man habe im Vorfeld festgestellt, „dass die erforderlichen Auflagen und Einschränkungen eine vertretbare Durchführung der Veranstaltung unmöglich gemacht hätten“, heißt es auf Anfrage im Rathaus. 

Konzert vor dem Rathaus nur für 15 Minuten

Wie die Pressestelle im Rathaus erläutert, wäre eine maximale Dauer von nur 15 Minuten möglich gewesen, Mindestabstände zwischen Musikern und Zuschauern, die Einhaltung der Höchstteilnehmerzahl der Zuschauer – dies seien Faktoren gewesen, die man hätte beachten müssen. „Zudem hätten die Blaskapellen alleine die Verantwortung für die Einhaltung der Vorgaben tragen müssen. Letztlich wurde daher im Konsens entschieden, auf die Durchführung zu verzichten.“

Warum nicht österreichischem Bild folgen?

Was die Raumsituation für die örtlichen Blaskapellen betrifft, bietet die Stadt jedoch Unterstützung an. „Um Unterbringungsmöglichkeiten zu eruieren, benötigt die Stadtverwaltung genaue Angaben über Platzbedarf beziehungsweise Anzahl der übenden Musiker.“ Sollten die Vereine eine konkrete Anfrage stellen, will die Kreisstadt weiterzuhelfen.

Zwei Meter Abstand bedeutet Lockdown

Marcel Huber vom MON hat mit Vertretern anderer Blasmusikverbände aus den Bezirken und dem Bayerische Blasmusikverbandes (BBMV) diskutiert. Übereinstimmend beruft man sich auf Erfahrungswerte, wonach es in Österreich trotz Abstandsregelungen von nur einem Meter keine Corona-Infektionen bei den Musikvereinen gegeben habe. Auch im Sport, wo ohne Abstandsregelungen trainiert werde, gebe es keine nennenswerten Ausbrüche. „Wenn Sport und Kultur im Gleichklang laufen sollen, müssen unsere Musikvereine mit geringeren Abständen musizieren dürfen“, sagt der Geschäftsführer des BBMV, Andreas Horber.

Mit dem Herbst enden auch die Open-Air-Proben

Mit einer Reduzierung der Abstandsregelungen wäre allen Musikvereinen geholfen. Denn mit dem Herbstbeginn ende die Möglichkeit für Open-Air-Proben. Zwei Meter Abstand zwischen den Musikern bedeute für viele Musikvereine ein Spielverbot.

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