Corona tötet auch ohne Infektion - Altenheimleiter warnen vor einem erneuten Besuchsverbot

Wenn sich der Kontakt auf die Pflegerinnen beschränkt: Franziska Patizina mit Michaela Krick (links) und Stephanie Burkl. Für die Mitarbeiterinnen eine zusätzliche Belastung, für viele Bewohner unverständlich und für manche sogar tötlich.
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Wenn sich der Kontakt auf die Pflegerinnen beschränkt: Franziska Patizina mit Michaela Krick (links) und Stephanie Burkl. Für die Mitarbeiterinnen eine zusätzliche Belastung, für viele Bewohner unverständlich und für manche sogar tötlich.

Sie wählen starke Worte und sprechen von emotionalem Verhungern, vom Sterben durch Corona, ohne infiziert zu sein, von Einsamkeit: Das Kontaktverbot in Seniorenheimen vom Frühjahr darf sich nach Ansicht von Altenheimleitern und Seniorenseelsorgern nicht wiederholen.

Mühldorf – Wenn Ilona Brunner über die bevorstehende Zeit im Caritas-Altenheim in Mühldorf spricht, fällt ihr ein 88-jähriger Bewohner ein, der zwar nicht an Corona, aber durch Corona starb. Der Mann war depressiv, vor den Besuchsbeschränkungen kamen täglich Frau und Sohn, begleiteten ihn auch außerhalb des Zimmers. Zum Beispiel zu Festen im Haus, die er sonst wohl gemieden hätte. „Nach dem Besuchsverbot ist er nicht mehr aufgestanden, binnen einer Woche war er tot“, sagt Brunner. „Er wollte nicht mehr.“

Spagat zwischen Schutz und Offenheit

Sicherlich, sagt sie, hat das Besuchsverbot verhindert, das Corona ins Haus eingezogen ist. Vielleicht hat es aber trotzdem Leben gekostet. Während der ersten Welle im Frühjahr hatten sich drei Pflegerinnen infiziert, von den Besuchern erkrankte niemand am Virus. Brunner glaubt, dass auch eine zweite Bewohnerin, 93 Jahre alt, ihren Lebenswillen in dieser Zeit verlor. Sie starb.

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Im Eingangsbereich des Caritasheims versperrt ein rot-weißes Plastikband den Weg. Große Schilder verbieten den Zutritt ohne Desinfektion der Hände, ohne Ausfüllen eines Formulars, ohne Anmeldung im Sekretariat. Eine Bewohnerin fährt im Rollstuhl vorbei, sie kommt aus der Kapelle, sie trägt Mundschutz. Sie sagt, dass sie auf ihre Tochter wartet. Die darf an diesem Tag kommen, als einzige, mehr als ein Besucher pro Bewohner ist nicht erlaubt. Die zweite Coronawelle schränkt schon wieder ein.

Alte Menschen leiden unter Kontaktlosigkeit

Michael Tress, Seniorenseelsorger der katholischen Kirche, spricht vom Spagat zwischen Schutzbedürfnis und Offenheit. „Senioren leiden sehr unter Kontaktlosigkeit und Einsamkeit“, sagt er. „Diese Einsamkeit habe ich stärker gespürt, überall, nicht nur in den Heimen.

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„Das Bedürfnis nach Kontakt ist sehr groß.https://www.ovb-online.de/muehldorf/muehldorfer-psychologin-raet-eltern-mit-kindern-offen-ueber-corona-zu-sprechen-90032387.html

Der Blick aus seinem Büro fällt direkt auf das benachbarte Caritasheim, hinter dessen Fenstern sind Gruppenräume zu erkennen, in denen alte Menschen zusammensitzen. Das Zusammentreffen in Gruppen, gemeinsames Essen, all das gehört zum Lebenskonzept im Haus, sagt Leiterin Brunner.

Treffen gegen die Einsamkeit

Damit ihre Bewohner nicht ganz vereinsamten, ließen die Mitarbeiter diese Treffen zu. „Wir haben auch niemanden eingesperrt. Wer spazieren gehen wollte, durfte gehen.“ Die jetzige Verringerung auf einen Besucher am Tag sei in Ordnung, sagt Brunner. „Ganz reduzieren kann man es aber nicht.“

Hubert Forster leitet das Adalbert-Stifter-Heim in Waldkraiburg, er teilt die Meinung seiner Kollegin: „Zusperren wie im Frühjahr wollen wir auf keinen Fall. Die Leute verhungern emotional, wenn sie keine Zuwendung und keine Kontakte mit Angehörigen haben“, sagt er. „Vor allem für ältere Menschen ist das existenziell.“ Brunner sagt: „Der Lebenswille hängt am Kontakt.“

Mehr Sicherheit bedeutet weniger Nähe

Fahrlässig gehen die Heime mit der Bedrohung nicht um. Die einfachste Lösung des Wegsperrens lehnen sie aber kategorisch ab. Im Adalbert Stifter sieht das dann neben den Beschränkungen auf einen Besucher so aus: Hochhaus und Mittelflügel wurden getrennt, sodass Senioren aus dem Betreuten Wohnen und dem Pflegeheim nicht mehr zusammen kommen.

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Das wirkt sich laut Forster vor allem bei den vier Mahlzeiten aus. Positiv, durch mehr Sicherheit, negativ durch weniger Miteinander. Das, sagt Forster, müssten nun die Betreuungskräfte auffangen. Auch für sie eine hohe, zusätzliche Belastung.

Besuchsverbot kann Leben kosten

Es geht also in den kommenden Wochen um den Spagat, von dem Altenseelsorger Tress spricht: Möglichst viel Schutz, möglichst wenig Einsamkeit. Die Heimleiter fordern vom Gesetzgeber Maßnahmen mit Augenmaß. Ilona Brunner weiß, dass ihre Aussage hart klingen mag. Wer sie beobachtet, spürt aber, dass sie von großem Ernst und großer Sorge um die Menschen in ihrem Haus getragen wird: „Unsere Bewohner haben keine lange Zukunft. Wer weiß, ob sie es überhaupt noch leben, wenn die Corona-Krise vorbei ist.“ Das, betont sie, müsse jeder bedenken, der Besuchseinschränkungen verhängt und damit das Leben der meisten alten Menschen massiv belastet oder sogar verkürzt.

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