Menschliche Nähe im Schutzanzug

Mühldorf: So hart ist die Arbeit in der zweiten Corona-Welle im Krankenhaus

Menschliche Nähe im Schutzanzug: Pflegerinnen und Ärzte müssen in der Corona-Isolation nicht nur für das körperliche Wohlergehen sorgen. Sie trösten, ermuntern, geben Hoffnung, halten die Hand – mit Gummihandschuhen.
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Menschliche Nähe im Schutzanzug: Pflegerinnen und Ärzte müssen in der Corona-Isolation nicht nur für das körperliche Wohlergehen sorgen. Sie trösten, ermuntern, geben Hoffnung, halten die Hand – mit Gummihandschuhen.
  • Markus Honervogt
    vonMarkus Honervogt
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Die Krankenhäuser stehen schon jetzt unter Druck, die kommenden Wochen werden noch mehr schwerkranke Corona-Patienten bringen. Dabei stehen Pflegerinnen und Ärzte im Mühldorfer Krankenhaus schon jetzt unter hoher Belastung. Zur harten Arbeit kommt die Sorge um die Patienten, die gegen den Tod kämpfen.

Mühldorf – Es kann so schnell gehen. Dr. Daniel Heidenkummer, Pandemiebeauftragter der Inn-Klinikums in Mühldorf, steht auf der Intensivstation im Mühldorfer Krankenhaus und schüttelt den Kopf. Als er Freitagabend vor einer Woche nach Hause ging, waren die Beatmungsbetten leer. Als er zum Sonntagsdienst zurückkam, lagen dort sechs Menschen, die schwer an Corona erkrankt waren.

So wie Anna T. (Namen aller Patienten geändert). Die 78-Jährige sitzt auf ihrem Bett in einer der acht Beatmungszimmer auf der Intensivstation, bekleidet nur mit dem dünnen Krankenhaushemdchen, das am Rücken offen steht. Im Mund hat sie den Schlauch der Maschine, die sie am Leben hält. 24 Stunden am Tag, mehrere Tage lang, oft eine ganze Woche. „Unter sieben Tagen schafft es kaum jemand wieder von Intensiv runter zu kommen“, sagt Ärztin Dr. Soo-Ji Park.

Plötlich wird Atemnot zum Erstickungsanfall

Für Anna T. und die anderen schwerkranken Menschen bedeutet das: Alleinsein mit einem halben Dutzend Maschinen, die unablässig Werte prüfen, Daten anzeigen, das Weiterleben ermöglichen, wenn das Corona-Virus zugeschlagen hat. Anna T. hatte Husten, war kurzatmig, fühlte sich schlapp. Sie kommt ins Krankenhaus, Isolierstation, tagelang passiert wenig. Dann geht es plötzlich sehr schnell: Intensivstation, Beatmungsbett.

Krankenschwestern müssen Angehörige erwsetzen

Wenn Lisa-Maria Weichselgartner zu ihr geht, muss sie in einen Ganzkörperanzug schlüpfen. Haube, Plexiglasbrille, FFP-2-Mundschutz. Angst, sagt die Intensivpflegerin, Angst hat sie vor dem Betreten der Kabine nicht. Sie spricht von professionellem Schutz, den die Ausrüstung ihr bietet. Die 25-Jährige treibt etwas ganz anderes um: „Man hat natürlich immer im Hinterkopf, was man leisten muss.“

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Die Belastung des Gesundheitssystems durch Corona hat viele Facetten, Weichselgartner hat im Frühjahr erlebt, unter welchem Druck Pflegerinnen und Pfleger stehen, Ärzte, Putzfrauen. Druck, der sich nicht nur hochverdichteten Arbeitsstunden zeigt. „Wir haben große Sorgen um die Menschen, die in einem so schlechten Zustand sind“, sagt sie. „Man fragt sich ständig: Was passiert denen gerade?“ Krankenschwestern und Pfleger werden in der Isolierung zur einzigen Bezugsperson, müssen Angehörigen ersetzen. Mut zusprechen, Hoffnung geben. „Keiner sieht, was wir jeden Tag sehen“, sagt Weichselgartner leise: „Wie schlecht es den Menschen geht.“

Schutzausrüstung genug, Personal nicht

Josef Wimmer hat das noch nie so intensiv erlebt, wie während der ersten Welle. Der 47-Jährige ist Bereichsleiter der Intensivstation. „Es spielen sich dramatische Schicksale ab. Und es ist so tragisch, dass wir so wenige Möglichkeiten haben zu helfen.“ Hand halten könne man schon, sagt Kollegin Weichselgartner, „aber wir sind halt total verkleidete Menschen“. Die Hand steckt in einem Gummihandschuh. Im Gegensatz zur ersten Welle gibt es genügend Schutzaussrüstung.

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Kurze Ausszeit auf dem Dachbalkon der Klinik: Lisa-Maria Weichselgartner, Josef Wimmer und Armin Tietze (von links).

Und dann kommt das große Aber: „An der Personalsituation hat sich nichts geändert.“ Das sagt Armin Tietze (44) zuständig für dire Isolierstation. Der Markt ist leer, vor allem für die Intensivpflege. Der Personalschlüssel stimme, sagt er, wenn tatsächlich alle Stellen besetzt wären. „Diese Schwachstelle zeigt sich in der Pandemie besonders. Es spitzt sich zu.“

Neues Konzept: Mühldorf wird nicht mehr Corona-Krankenhaus

Das hat das Inn-Klinikum veranlasst das Konzept der ersten Welle aufzugeben, als Mühldorf als reines Corona-Krankenhaus für den gesamten Verbund stand. Jetzt, da die Verantwortlichen damit rechnen, dass die Zahlen höher ausfallen als im Frühjahr, gibt es auch in Altötting und Burghausen Beatmungsbetten. Ihre Zahl liegt weiter bei 16 Betten, von denen acht in Mühldorf stehen, sieben in Altötting und eins in Burghausen.

Der Lungenautomat pumpt unablässig

Hinter einer der Glastüren auf der Intensivstation liegt Peter H. Der 82-Jährige befindet sich im künstlichen Koma, weil der den Beatmungsschlauch bei Bewusstsein nicht erträgt. Der Automat pumpt unablässig Sauerstoff in seine schwer kranken Lungen.

Lebenskampf im Anblick des Watzmanns

Hinter ihm öffnet sich der Blick auf den sonnenbeschienen Watzmann. Es ist nur eine Fotowand, die im Lichthof der Intensivstation steht. Tiefblauer Himmel, sattgrüne Wiesen, das markante Bergmassiv. Eine surreale Szene in einer surrealen Zeit. Vielleicht hilft Peter H. das Leiden im Beatmungsbett, und er kann den Watzmann wiedersehen.

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