Sportvereine und Fitnessstudios verzweifelt

Coronavirus: Neuer Lockdown bedroht EHC Waldkraiburg in Existenz

Alles eingehalten, trotzdem zu: Claudia Maier trainiert im Mühldorf La Vita. Sie fürchtet, dass die Schließung Konsequenzen für ihre Gesundheit haben wird.
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Alles eingehalten, trotzdem zu: Claudia Maier trainiert im Mühldorf La Vita. Sie fürchtet, dass die Schließung Konsequenzen für ihre Gesundheit haben wird.
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Am Montag gehen in Fitness-Studios und Turnhallen die Lichter aus. Wer sich weiterhin bewegen will, darf das nur noch alleine, mit Partner und draußen tun. Neben Gesundheitsfolgen trifft die Entscheidung viele aus wirtschaftlich. Studiomitarbeiter fürchten um ihre Jobs und der EHC Waldkraiburg um seine Existenz.

Mühldorf – Gastronomie und Einzelhandel, Kultur und der Sport gehören zu den Opfern der Corona-Zwangsschließung ab Montag. Während Profisportler weiter trainieren und spielen dürfen, muss jeder Hobbysportler für sich selbst sorgen.

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Claudia Maier trägt sich am Tresen des Fitness-Studios La Vita in Mühldorf in eine Kursliste ein. Seit einer Operation an der Halswirbelsäule achtet die 47-jährige Bankkauffrau akribisch darauf, Rücken und Nacken zu trainieren. „Ohne den Reha-Sport hier wird es für mich schwieriger“, sagt sie und schüttelt den Kopf. Denn sie fühlt sich im Studio auch in Coronazeiten absolut sicher. „Die haben so viel investiert, sogar automatische Spender für Desinfektionsmittel angeschafft. Es ist keine Corona-Infektion bekannt, die aus einem Studio kommt“, sagt sie.

Hohe Kosten für Hygienemaßnahmen

Die neuerliche Zwangsschließung ab Montag ist Thema in vielen Gesprächen an diesem Abend. Vor allem altere Mitglieder klagen darüber, dass das Studio in den letzten Monaten für sie ein wichtiger Treffpunkt gewesen sei, Jüngere vermissen das Auspowern am Abend, Daniela, die an der Theke und als Trainerin arbeitet, sagt: „Wir fürchten um unseren Job.“

Das Studio hatte wie viele andere auf die Corona-Krise reagiert und mehr als ein halbes Dutzend Desinfektionsspender samt Tüchern bereit gestellt, in den Duschen Trennwände eingezogen, Mitglieder reinigten die Geräte, Mitarbeiter Türklinken und Tische.

Geschäftsführerin Daniela Kopf, die drei Studios in der Region betreibt, weist auf die hohen Ausgaben für diese Sicherheit hin: „Innerhalb von drei Monaten sind alleine am Standort Mühldorf Mehrkosten von 7000 Euro entstanden“, berichtet sie.

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Mindestens für vier Wochen geht in Studios und Vereinen nichts. Auch nicht beim TSV Ampfing, dessen Vorsitzender Stefan Gillhuber die Einstellung des Amateursports gelassen sieht: „Es ist nun mal so, wie es ist. Wir müssen das hinnehmen.“ Die Fußballer gingen in zwei Wochen ohnehin in die Winterpause, härter wäre es für die mit 650 Turnern stärkste Abteilung, die nun keine Trainingsmöglichkeiten mehr hat. Einziges Hoffnungszeichen: „Immerhin ist noch Individualsport möglich“, weist Gillhuber auf den Bewegungsparcours auf dem Sportgelände hin. Denn draußen, allein oder mit dem Partner, darf jeder trotz Einschränkungen weiter trainieren.

Nicht nur der Sport fehlt, auch die Geselligkeit

Nach drinnen in ihre Halle dürfen auch die 600 Mitglieder des SV Niederbergkirchen nicht, klagt Franz Huber, Vorsitzender des größten Vereins im Dorf. Die prestigeträchtige Tischtennisabteilung trifft es am härtesten, weil der Ligenbetrieb ruht.

Es ist aber nicht nur der Sport, der ausfällt. Huber beklagt das Fehlen sozialer Kontakte. „Nächste Woche hätten wir mit den AH-Fußballern wieder gekickt. Danach ist immer Stammtisch angesagt.“ Christbaumversteigerung, Weihnachtsfeier, all das ist bereits abgesagt.

Geht der EHC an Corona kaputt?

Waldkraiburgs Präsident Wolfgang Klose

„Wir hängen total in der Luft“, meint ein völlig entnervter Wolfgang Klose, Präsident des EHC Waldkraiburg. Auch am Donnerstag früh hatte der Bayernligist noch keine Nachrichten vom Eishockeyverband, wie es weitergeht. Am Freitagabend wäre Heimspiel. So oder so. Der Eishockeyverein fährt Trainings- und Spielbetrieb runter. „Unsere beiden Ausländer und den Nachwuchstrainer schicken wir in Kurzarbeit und hoffen, dass es im Dezember weitergeht.“ Vor allem um die 60 bis 70 Kinder tut es Klose Leid. „Die haben geheult, als wir ihnen am Mittwoch gesagt haben: Das war das letzte Training.“

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In der Waldkraiburger Schwimmhalle endet der Betrieb mit dem öffentlichen Schwimmen am Samstag, im Eisstadion ist der letzte Publikumslauf am Sonntag um 20 Uhr. Auch die VfL-Eiskunstläufer hören auf.

„Wir hätten gerne weitergemacht“, sagt Robert Kratzenberg, bei den Waldkraiburger Stadtwerken für die Sportanlagen zuständig. Der große Unsicherheitsfaktor: Wenn die Schließung bis ins neue Jahr gehe, stelle sich wegen der hohen Fixkosten für die Energie in der Eissporthalle die Frage, ob die Anlage nicht ganz runter gefahren wird.

Depression macht anfällig für Viren

Beim EHC schrillen die Alarmglocken. Sollte die Halle auch im Dezember zu bleiben, „dann machen wir den Verein dicht und es wird keinen EHC mehr geben.“ Denn die Jugendspieler würden dann zu anderen Vereinen abwandern, die dann noch Eis haben.

Die Entscheidung über die Schließung der Halle sei noch nicht gefallen, betont Kratzenberg. Im Zweifel werde sie für den Sport ausgehen, glaubt er. Sport sei nämlich „ein Beitrag, um die Menschen glücklich zu machen. Wenn wir uns ganz der Depression hingeben, werden wir anfälliger für Viren.“

Volleyballspiele live und kostenlos im Internet

Ganz ausfallen werden die Spiele der Mühldorfer Volleyballer zwar nicht, da sie dem Profisport zugerechnet werden. Die Zweitliga-Spieler werden in den nächsten Wochen aber ohne Zuschauer aufschlagen. „Wenn die Einschränkungen so bestehen bleiben, fehlen uns am Ende der Saison mindestens 15 000 Euro!“, rechnet Abteilungsleiter Stefan Bartsch vor für die erste Zweitligasaison vor, in die die Mühldorfer so überraschend gut gestartet sind.

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Aussschließen wollen die TSV’ler ihre Fans aber nicht: „Wir haben sämtliche Szenarien durchgespielt und uns Alternativlösungen überlegt“, berichtet Bartsch. Und diese Lösung heißt nun Livestream. Um die Fans bei der Stange zu halten wird die Volleyball-Abteilung die Spiele der ersten Herrenmannschaft über sporttotal.tv streamen, „das Ganze wird professionell kommentiert“, sagt Bartsch. Gegen den TSV Grafing hätten über 600 Zuschauer die Übertragung verfolgt. „Das kostet uns einen Haufen Geld!“ Der Zugang sei kostenlos, Zuschauer könnten den Verein aber mit einem freiwilligen Eintrittsgeld via Paypal unterstützen. „Wenn wir das auf diese Weise einigermaßen kostendeckend hinbekommen, wäre ich schon dankbar.“ Denn pro Spieltag gehen dem Verein 1000 Euro flöten.

Volleyball fürchten massive Verluste

Bartsch hofft auf Unterstützung aus einem Fördertopf für Vereine im Profitopf. 200 Millionen Euro sollen hier bundesweit für Sportarten jenseits der 1. und 2. Fußball-Bundesliga zur Verfügung stehen. „Aktuell arbeitet unser Steuerberater an der Antragstellung.“ Froh ist Bartsch darüber, dass die Liga komplett aus eigenen Spielern bestritten wird. „Wenn wir jetzt auch noch einen Profi bezahlen müssten, wäre das fatal. Das wären Fixkosten, die nur schwer zu kompensieren wären.“ So aber vertraut der Abteilungsleiter auf das ehrenamtliche Engagement vieler, „ob Stadionsprecher oder Kommentator: Das alles machen die kostenlos!

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Die Absicht hinter den Schließungsmaßnahmen erklärt Mühldorfs Bürgermeister Michael Hetzl. „Es geht darum, Weihnachten möglich zu machen. Wenn die Zahlen so weiter steigen, wie bisher, kann sich jeder ausrechnen, dass wir zu Weihnachten einen besonders harten Schnitt haben werden.“ Dann, davon ist Hetzl überzeugt, würden sogar Familienfeiern ausfallen, Gastronomie und Einzelzhandel noch stärker getroffen als jetzt.

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