Corona-Krise: Schneiderin aus Tüßling wünscht sich Aufträge statt Subventionen

Schneidermeisterin Gabriele Schüllner bei der Arbeit. Sie würde sich statt Soforthilfen oder Subventionen lieber Aufträge der öffentlichen Hand wünschen. Damit könne man das gesamte Gewerbe stützen. re
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Schneidermeisterin Gabriele Schüllner bei der Arbeit. Sie würde sich statt Soforthilfen oder Subventionen lieber Aufträge der öffentlichen Hand wünschen. Damit könne man das gesamte Gewerbe stützen. re

Die Corona-Krise hat enorme wirtschaftliche Auswirkungen. Viele Betriebe sind in Sorge, wie es weitergehen wird. Wie es dem Handwerk im Kleinen ergeht, wie sie die Coronakrise erlebt und was aus ihrer Sicht möglich wäre, schildert Gabriele Schüllner, Schneidermeisterin aus Tüßling.

Tüßling – „Ich dachte an nichts Schlimmes, als es hieß „Lockdown“. Ich durfte als selbstständige Schneiderin weiter offen haben. Zudem hatte ich ja auch noch die Brautkleidänderung, wo es „nur“ um die Abnahme ging. Die Brautmoden-Saison hatte gerade angefangen, wo ich neben Brautkleidänderungen, auch Mode für Brautmütter schneiderte. Ich sollte mich irren!

Bereits nach einem halben Tag merkte ich, dass die Kunden ausblieben. Keiner traute sich mehr aus dem Haus. Als mir der Brautmodenladen in Winhörig mitteilte, dass von mir geänderte Brautkleider nicht abgeholt wurden und wir die Anprobetermine verschieben müssen, machte ich mir Sorgen. In unserem Haushalt leben sechs Personen, mein Sohn studiert, sein Bruder ist in einer Ausbildung als Schreiner und meine jüngste Tochter hatte sich vergangenes Jahr als Keramikerin selbstständig gemacht. Und plötzlich fehlen die Aufträge, die existenzielle Grundlage. Was tun? Staatliche Hilfen beantragen, auf Zuwendungen angewiesen sein, eventuell sogar in Hartz IV abgleiten? Vorstellungen, die mir den Schlaf raubten.

Keine staatliche Unterstützung, sondern punkten mit dem Beruf

Es musste eine andere Lösung geben, eine Lösung, bei der ich mit meinem Beruf punkten konnte. Rettung erschien mir in Form einer Anregung unseres Nachbarn, einem Arzt in einer Klinik der Region: sein Krankenhaus brauche Schutzmasken nach „Feuerwehr Essen“-Standard, ob ich die herstellen kann. Er könne mir den Auftrag aber nicht versprechen.

In aller Eile habe ich Stoffe gesucht, da ich wusste, dass ich geeigneten Hemdenstoff auf Lager hatte. Wie aber geht eine Maske nach Standard „Feuerwehr Essen“? Während ich den Stoff suchte, informierten sich meine Kinder über die Masken. Ich fertigte vier Masken an und gab sie dem Arzt als Muster mit. Ohne Erfolg, das Krankenhaus ließ anderswo fertigen.+++ Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion.Jetzt Newsletter ausprobieren!+++

Ich habe Kontakt mit der zuständigen Hauswirtschafterin eines anderen Krankenhauses aufgenommen und ein Treffen vereinbart. Ich erhielt ein Muster und nähte es nach, erstellte ein Angebot und bin wieder zu dem Krankenhaus hin. Hier bekam ich zur Antwort „Wir machen das ehrenamtlich, aber ich gebe ihr Angebot gerne weiter“.

Öffentliche Aufträge für kleine Handwerksbetriebe

Letztendlich entschlossen wir uns, Masken zu produzieren und damit einfach unser Glück zu versuchen. Problematisch stellte sich die Materialbeschaffung dar, wobei wir das Glück hatten, über unsere Kontakte Stoffe zu bekommen. Also hingesetzt und Masken genäht. Erste Erfolge stellten sich ein. Wir hatten uns erkundigt, welche Anforderungen die Seniorenheime an die Masken stellten und haben nach diesen Vorgaben gefertigt. Prompt konnten wir 30 Stück an eine Einrichtung verkaufen.

Ein Lichtblick, denn anderswo hieß es wieder, wir bekommen unsere Masken von ehrenamtlichen Näherinnen. Das ist sehr löblich, wenn sich hier Menschen engagieren, diesen zollen wir höchsten Respekt. Allerdings ist es doch so, dass es immer wieder heißt, es gebe nach wie vor zu wenig.

Aus unserer Sicht wäre es hier einfach angebracht, nicht nur die Großkonzerne hervorzuheben, die auf Maskenproduktion umgestellt haben, sondern auch die vielen Schneiderinnen und Schneider in Deutschland, die bei dieser kostenlosen Werbung leer ausgehen. Hier schlummert Potenzial, das es nur abzurufen gilt. Hier bestünde die Möglichkeit, mit Aufträgen der öffentlichen Hand, das Gewerbe zu unterstützen. Nicht etwa mit Subventionen, Soforthilfen oder Krediten, sondern ganz einfach mit „Leistung und Gegenleistung“. wag

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