Man kann an Einsamkeit sterben: Betreiber der Mühldorfer Altenheime warnen vor 2. Lockdown

Wenn Mitarbeiter die körperliche Nähe zu Angehörigen ersetzen müssen, weil die nicht mehr kommen dürfen: Gerlinde Tresp mit Josef Penker.
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Wenn Mitarbeiter die körperliche Nähe zu Angehörigen ersetzen müssen, weil die nicht mehr kommen dürfen: Gerlinde Tresp mit Josef Penker.
  • Nicole Petzi
    vonNicole Petzi
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Endlich dürfen wieder Besucher in die Altenheime kommen, sehen alte Menschen ihre Angehörigen wieder. Die Wochen der Isolation haben zum Teil tiefe Spuren hinterlassen und Leben gerettet. Und gefährdet, sagen die Altenheimbetreiber im Landkreis Mühldorf.

Mühldorf – Für die Altenheime war es „bitter nötig“, dass die strengen Corona-Beschränkungen gelockert wurden. Das sagt nicht nur Ilona Brunner, die das Caritas Heilig-Geist-Spital in Mühldorf leitet. Für Karin Wimmer, Chefin des Altenheims St.��Veit in Neumarkt-St. Veit, zeigen die erleichterten Reaktionen der Besucher, wie nötig die Lockerungen waren. Die Freude sei groß gewesen – auch bei den Mitarbeitern, denen Corona Mehrarbeit gebracht habe: „Die sozialen Aktivitäten und Gruppenveranstaltungen haben wir mit einem Hochfahren der Einzelkontakte zu kompensieren versucht.“

Mitarbeiter wurden zum Familienersatz

Damit das Leben in Quaratäne lebenswert bleibt: Die mobile Eisdiele von Illona Brunnerr, Elena Ricksen Elena und Melek Coscunpinar (von links) im Heilig-Geist Spital.

Der Kontakt zu Angehörigen über Video oder soziale Medien habe nur eingeschränkt funktioniert und das Besucherfenster aus Plexiglas zwischen den Bewohnern und deren Liebsten keine Nähe ersetzt. Mitarbeiter wurden zum Familienersatz. „Jeder hat mitgeholfen und war sich seiner Verantwortung bewusst“, sagt Wimmer und lobt die Gemeinschaft in ihrem Haus.

Caritas-Heimleiterin Ilona Brunner betont, dass sie zu Beginn der Coronakrise froh über den Schutz der Menschen in den Altenheimen war: „Das hat uns erst einmal Zeit gegeben, Luft zu holen und nachzudenken.“ Das ungute Gefühl sei gekommen, als ein baldiges Ende immer unwahrscheinlicher geworden sei. Zahlreiche Bewohner verstanden die plötzlichen Veränderungen nicht. „Im Heilig-Geist-Spital gilt eigentlich die Philosophie, dass der Bewohner das Sagen hat. Nun kamen die Ansagen von außen.“

Gratwanderung zwischen Freiheit und Schutz

Für Brunner und ihr Team im Heilig Geist-Altenheim in Mühldorf begann eine Gratwanderung zwischen Freiheit und Schutz. Die Menschen, die im selben Stockwerk wohnten, wurden gemeinsam unter Quarantäne gestellt, um der Vereinsamung zu begegnen. Die Angst, eine Infektion ins Haus zu tragen, war ständiger Begleiter. Drei Mitarbeiterinnen hätten sich infiziert, die Bewohner seien verschont geblieben.

Die neuen Regeln sind in den Heimen mit leichten Abweichungen gleich: Bis zu zwei Besucher dürfen in ein Zimmer kommen, immer mit Maske und Abstand, oder eben draußen in den Garten.

Kein einziger Corona-Fall

Trotz aller Erleichterung hat Hubert Forster sein Adalbert-Stifter-Seniorenwohnen in Waldkraiburg auf eine erneute Verschärfung der Krise vorbereitet. „Wir haben einen Krisenstab im Haus gebildet. Alle Fachkräfte wissen genau, was zu tun ist.“ Der Erfolg gibt ihm für die letzten Monate recht: Im Wohnheim gab es keinen einzigen Covid-19-Fall.

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Immer schön auf Distanz bleiben: Adalbert-Stifter-Chef Hubert Forster mit Besucherin Anita Saffnauer und Bewohnerin Helene Krinner. Petzi

Dennoch seien die Folgen für Mitarbeiter und Bewohner unübersehbar. Der Stressfaktor steige, weil den alten Menschen Bezugspersonen fehlten, die sie auf der Gefühlsebene ansprächen. Bei manch einem Bewohner habe sich der Gesundheitszustand verschlechtert. „Es war ergreifend zu sehen, mit welcher Freude die Bewohner unsere Mitteilung aufgenommen haben.“

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Nach der Regelung gehe es in seinem Heim gesittet zu. Davor mussten Forster und sein Team hin und wieder mit ‚wildem Besuch‘ durch Angehöriger umgehen, die Schlüssel für die betreuten Wohneinheiten haben.

Heimleiterin hätte mehr erwartet

Im Seniorenpflegeheim Maria Schnee in Heldenstein wird klar, dass sich Angehörige, Bewohner und Mitarbeiter mehr gewünscht hätten. Laut Leiterin Gerlinde Tresp seien die Erleichterungen relativ gering ausgefallen. Statt einem Besucher dürften jetzt zwei in die Einzelzimmer. Ansonsten stünden Terrasse, Park und Pavillon zur Verfügung. Maske und Abstand bleiben.

Dabei sei der Körperkontakt für die alten Menschen wichtig. Tresp wird deutlich: Obwohl es keine Corona-Fälle unter den Bewohnern gegeben habe, seien doch einige an den Folgen von Corona gestorben. „60 Bewohner waren es noch beim Lockdown, 48 am Ende.“ Man könne auch an Einsamkeit sterben, wenn der Lebenswille verschwunden sei.

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