6 Wochen positiv, noch nicht gesund: Fills aus Taufkirchen erleben, was Covid-19 bedeuten kann

Marianne, Maria und Hans Fill aus Taufkirchen auf ihrer Terrasse. Sie warnen davor, die Virusinfektion auf die leichte Schulter zu nehmen.
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Wieder genesen: Marianne, Maria und Hans Fill aus Taufkirchen auf ihrer Terrasse. Sie warnen davor, die Virusinfektion auf die leichte Schulter zu nehmen.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Es war kurz bevor am 16. März die Corona-Ausgangsbeschränkungen kamen: Marianne und Hans Fill fühlen sich nicht wohl. Eine Grippe. Kurz danach muss Hans Fill mit dem Notarzt ins Krankenhaus. Die Diagnose: Er ist an Covid-19 erkrankt. 14 Tage bleibt er von seiner Familie isoliert, die sich auch angesteckt hat.

Taufkirchen/Unterreit – „Corona ist eine sehr schwere Erkrankung – und deshalb mit einer normalen Grippe nicht zu vergleichen���, sagt Marianne Fill.Die Taufkirchenerin weiß, wovon sie spricht: Sie, ihr Mann und die Tochter haben die Virusinfektion erlebt – auf ganz unterschiedliche Weise. Die Fills warnen deshalb davor, die Pandemie auf die leichte Schulter zu nehmen.

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Am Montag, 16. März, kurz vor dem Lockdown, bemerken Marianne Fill und Ehemann Hans zum ersten Mal, dass sie sich nicht wohlfühlen. Doch anfangs schieben die Mitarbeiterin des Mühldorfer Anzeigers, der Waldkraiburger Nachrichten und der Wasserburger Zeitung und ihr Mann die Sorgen weg. „Kann doch nicht sein“, denken sie, „warum soll es ausgerechnet uns erwischen?“

Wochen in totaler Gleichgültigkeit

Ein Test im Krankenhaus Mühldorf bringt die Schreckensnachricht: Das Ehepaar Fill (beide 69) und die im Haus lebende Tochter Maria (29) haben sich angesteckt. Während Maria Fill keinerlei Symptome entwickelt, erwischt es die Eltern schwer. Das Ehepaar schleppt sich durch den Tag – erschöpft, antriebslos. Hans Fill fällt zunehmend das Atmen schwer. Die Tochter ruft schließlich den Notarzt, mit dem Spezial-Sanka geht es ins Mühldorfer Krankenhaus. 14 Tage liegt Hans Fill hier komplett isoliert – er muss jedoch nicht beatmet werden, bekommt lediglich Sauerstoff. Per Telefon ist er mit der Familie verbunden, doch oft fehlt ihm sogar für Gespräche die Kraft.

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Seiner Frau daheim geht es genauso. Sie liegt auf dem Sofa oder im Bett – dämmert meistens vor sich hin, fühlt sich elend – obwohl bei ihr nicht die oft typischen Grippesymptome wie Gliederschmerzen und Fieber auftreten, nur etwas Husten und Schnupfen. „Mir war alles egal, mich hat nichts mehr interessiert. Es waren zwei Wochen in totaler Gleichgültigkeit“, erinnert sich die eigentlich sehr agile 69-Jährige. „Nicht einmal habe ich meinen Laptop aufgeklappt, so etwas ist mir noch nie passiert.“ Medikamente gibt es nicht, die Ärzte und Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, die regelmäßig die Familie anrufen, können nichts für sie tun, außer tröstende Worte zu spenden.

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„Egal, ob ich eine Essiggurke gegessen habe oder einen Riegel Schokolade: Alles hat gleich geschmeckt – nach nichts“, erinnert sich Marianne Fill an ein Phänomen. Der wiederkehrende Geschmacks- und Geruchssinn ist nach fast genau zwei Wochen das Zeichen, dass es wieder bergauf geht: „Plötzlich hatte ich eines Morgens Lust auf ein Spiegelei“, berichtet Marianne Fill schmunzelnd – „und es hat mir wieder geschmeckt“.

Lunge erholt sichmanchmal langsam

Sie hat sich mittlerweile gut erholt, doch Ehemann Hans kämpft nach wie vor mit den Folgen der Coronavirusinfektion. „Die Kraft ist einfach noch nicht wieder da. Der Hans ermüdet schnell, tut sich nach wie vor etwas schwer mit dem Schnaufen, wenn er bei uns über den Hof geht“, sagt die Ehefrau besorgt. „Mein Mann ist noch nicht wieder der, der er vor Corona war.“ Doch die Ärzte im medizinischen Versorgungszentrum Mühldorf (MVZ), das die Nachsorge übernommen hat, seien zuversichtlich. „Die Lunge ist ein träges Organ, haben uns die Ärzte gesagt, es kann bis zu einem halben Jahr dauern, bis sie sich wieder ganz erholt hat.“

Es gibt also Hoffnung – und trotzdem wirkt Corona bei den Fills auch emotional nach. Das gilt vor allem für Tochter Maria, die sich nicht einmal richtig krank fühlte, jedoch sechs Wochen lang immer wieder positiv getestet worden war. Eigentlich fit, und trotzdem arbeitsunfähig, das war für die Altenpflegerin, die so dringend an ihrem Arbeitsplatz, einem Seniorenheim, gebraucht wurde, eine schwere Last.

Sechs Wochen war mit ihr die ganze Familie im Haus in Taufkirchen in Quarantäne. Hier gibt es zwar einen großen Garten und die Möglichkeit, in den Feldern spazieren zu gehen, doch vor allem Maria Fill, zur Untätigkeit verdammt, litt nach Angaben der Mutter unter einem Lagerkoller. Als der Corona-Test endlich negativ war, meldete sie sich noch am gleichen Tag zur Arbeit zurück, froh, endlich helfen zu können.


Betroffene berichten: starke Müdigkeit, Haarausfall, Kopfweh

Die Fills aus Taufkirchen haben mittlerweile einen Antikörper-Test gemacht. Je schwer die Coronavirus-Erkrankung ausgefallen war, desto intensiver fiel bei ihnen die Bildung von Antikörpern aus, berichten sie.

Marianne Fill hat Kontakt zu anderen ehemaligen Corona-Erkrankten gesucht: Zum ersten Treffen kamen auf ihre Einladung acht Betroffene. „Jeder hat die Krankheit anders erlebt“, berichtet sie, „Corona hat schrecklich viele Gesichter“.

Doch es gibt Symptome, von denen nach ihren Angaben viele erzählt haben: die Antriebslosigkeit und starke Müdigkeit, Haarausfall, der besonders Frauen zu schaffen macht, der fehlende Geruchs- und Geschmackssinn, fürchterliche Kopfschmerzen, manchmal auch Probleme mit dem Gedächtnis – und ein oft langer Genesungsprozess, der auch dann nicht zu Ende ist, wenn der Test wieder negativ ausfällt.

Die Betroffenen vereine außerdem das Unverständnis gegenüber Menschen, die die Pandemie und ihre gesundheitlichen Folgen verharmlosen oder negieren würden. „Wer Corona erlebt und durchlitten hat, schüttelt angesichts der Demonstrationen gegen die Schutzmaßnahmen nur den Kopf. Diese Krankheit ist schlimm, denn sie ist unberechenbar“, sagt Marianne Fill. duc

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