Das Ende des Zweiten Weltkrieges

Brauner Terror in Mühldorf und Altötting: Vor 75 Jahren fünf Widerstandskämpfer ermordet

Die Erinnerungstafel an die Widerstandskämpfer in Altötting, die am 28. April von der SS ermordet wurden, wenige Tage vor dem Einmarsch amerikanischer Truppen in der Stadt. re

Der fünffache Mord an freiheitsliebenden Männern in Altötting am 28. April 1945 unterstreicht auch nach 75 Jahren die Brutalität der damals noch herrschenden Nazigrößen. Die Vorfälle der letzten Kriegstag in Altötting zeigen auf, dass die Landkreise Mühldorf und Altötting vom Naziterror und den sinnlosen Durchhalteparolen betroffen waren.

Altötting/Mühldorf – In der Nacht von 27. auf 28. April hatte in München der Rechtsanwalt Dr. Gerngroß mit einer Hand voll beherzter Männer den Bayerischen Rundfunk besetzt und seit zwei Uhr früh die Meldung ausgestrahlt, dass die Braune Diktatur beendet sei. Gleichzeitig forderte die „Freiheitsaktion Bayern“, wie sich die Münchener Widerstandsgruppe nannte, die örtlichen Stellen des Landes auf, Nazigrößen zu verhaften, um weiteres Blutvergießen, zu verhindern. Diese pausenlosen Aufrufe des Rundfunks fielen in Altötting auf fruchtbaren Boden.

Widerstandskämpfer wollten Städte retten

Verstärkt wurden die Befürchtungen durch die Pläne des damaligen NS-Kreisleiters Fritz Schwaegerl, ein Mann mit beinahe uneingeschränkten Vollmachten in beiden Landkreisen, den Widerstand gegen die vorrückenden Amerikaner auf die Städte Alt- und Neuötting zu konzentrieren.

Beide Städte waren damals Lazarettstädte. Die Klöster und Krankenhäuser des Wallfahrtsortes wurden während des Krieges fast ausnahmslos in Lazarette umgewandelt, dort dürfen beinahe fünftausend Verwundete gelegen haben. Kreisleiter Schwaegerl ließ die Hinweis-Tafeln vor den Städten entfernen, die auf die Lazarettstädte anzeigten.

Lesen Sie auch:

Ein Flugzeugabsturz kurz vor Kriegsende bei Piesenkofen gibt bis heute Rätsel auf

Im Bombenhagel über Kraiburg starben vor 75 Jahren 43 Menschen in einem Rüstungswerk

75 Jahre in Frieden und Freiheit: Die Zeit nach der Nazi-Herrschaft

Kopf des Widerstands gegen Schwaegerl und das Militär war der Altöttinger Landrat Josef Kehrer. Er rief in den frühen Stunden des 28. Aprils den Gendamariekommandanten Hölzl auf, die Nazifunktionäre in der Stadt zu verhaften. Zusammen mit dem Feuerwehrkreisführer Adam Wehnert sperrten sie die Nazi-Größen in einen Raum, der in dem Gendarmariegebäude im Südwesten des Landratshofs lag.

Unglücklicherweise hatte dieser Raum ein Fenster zum Hof. Dieses Fenster sollte den Widerständlern zum Verhängnis werden, denn die inhaftierten Nazi-Funktionäre konnten sehen, wer sich dort aufhielt.

Ein Flugblatt von Kreislieter Schwegerl hatte die Aktion von Landrat Kehrer ausgelöst. Schwaegerl ließ mit dem Flugblatt Strafen für eine die kampflose Übergabe der Stadt ankündigen.

Der Verhaftung durch die Männer um Kehrer entzog sich der damalige Bürgermeister von Altötting, Lex, durch Selbsttötung. Einer der wichtigsten Männer der Nazi-Hierarchie in Altötting war der Kreisobmann der Deutschen Arbeitsfront Schmied. Er entging der Verhaftung, schlug sich zur SS nach Stammham durch und informierte sie über die Inhaftierung.

Landrat in seinem Büro erschossen

Der Altöttinger Landrat blieb nicht untätig, sondern setzte sich mit dem Wehrmeldeamt in Altötting in Verbindung, dessen Leiter Oberstleutlant Hans Hecht, sofort einen Kradmelder nach Traunstein schickte, um dort Unterstützung für die Freiheitsaktion zu bekommen. Kurz nach 11 Uhr bekam Hecht vom Wehrbezirkskommando Traunstein die Nachricht als Antwort, dass die Freiheitsaktion Bayern „Feindpropaganda“ gewesen sei.

Einige der Widerstandskämpfer flohen darauf hin, Dr. Hans Geisberger, Heinrich Haug und Gabriel Mayer entgingen damit der Verhaftung und dem Tod.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

In Neuötting war das Hotel Stiegler als Offizierslazarett eingerichtet. Die Offiziere riefen, als sie von der Aktion in Altötting hörten, eine Wehrmachtsstreife, die gegen 11 Uhr im Landratsamt eintraf. Ihr Führer war Oberstleutnant Kaehne. Was sich genau im Amtszimmer des Landrats abspielte, ist unklar. Fest steht, dass Landrat Kehrer eine Pistole in seiner Schreibtischschublade hatte und dass zwei Einschläge in den Wänden gefunden worden. Ob Kaehne den Landrat erschossen hat, oder der Landrat im Verlauf eines Schusswechsels einen tödlichen Kopfschuss erhielt, wurde nie aufgeklärt. Der Landrat starb zwei Tage später im Krankenhaus, ohne das Bewusstsein wieder erlangt zu haben.

Zwei Stunden nach dem Eingreifen des Oberstleutnants Kaehne kam die SS aus Stammham. Sie befreite die von Josef Kehrer inhaftierten Männer aus ihrem Gefängnis und bekam dabei eine Liste mit Namen in die Hand gedrückt. Die Namen waren: Gabriel Mayer, Dr. Scheupl, Dr. Geiselberger, Administrator Vogl, Martin Seidl, Adam Wehnert, Hans Riehl, Josef Bruckmayer und Heinrich Haug. Später wurde diese Todesliste noch der Name Dr. Gmachs zugefügt, der die Widerstandskämpfer mit Waffen versorgt hatte.

Die SS schickte SA-Männer und die Altöttinger Polizeibeamten aus, um die Männer zu verhaften, die auf der Liste standen. Anstelle fder Geflohenen wurden deren Frauen mitgenommen. Gegen 15 Uhr trafen alle Geiseln im Landratshof ein. Die SS übernahm die Bewachung. Die Frauen und Hanns Mayer, der Bruder Gabriel Mayers, wurden in die Zellen abgeführt.

Mit Genickschüssen ermordet

Dann traten drei der SS-Führer vor, Werner Hersmann, der später wegen Judenerschießungen zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde, der SS-Führer Schilling, dem ebenfalls der Prozess gemacht wurde, und SD-Untersturmführer Albrecht um Josef Bruckmayer, Hans Riehl, Martin Seidl, Adalbert Vogl und Adamt Wehnert zu verhören. Allen fünf Männern wurde verkündet, dass sie als Landesverräter erschossen würden.

Sieben SS-Männer trieben die fünf Widerstanskämpfer vor sich her in den kleinen Garten südlich des Landratsamts und erschossen sie mit Maschinenpistolen durch Genickschüsse. Danach schleiften sie die Leichen über den Hof des Landratsamtes, traten und warfen sie anschließend auf einen Wagen zum Abtransport.

Die ebenfalls festgenommen Männer wie Oberleutnant Hölzl, Oberwachtmeister Gschwendtner und Leutnant Mayerhofer wurden von der SS mitgenommen und erlangten nach vielen Strapazen zum Teil erst in Tirol, die Freiheit oder konnten fliehen.

Die im Altöttinger Amtgerichtsgefängnis inhaftieren Geiseln wurden am 1. Mai nachmittags freigelassen. Die Amerikaner standen bereits am Inn.

Kommentare