Wer braucht noch die Erinnerung?

Mühldorf. – Verliert nach 75 Jahren die Erinnerung an die Opfer im Nationalsozialismus, an das Leiden, an die unvorstellbare und dennoch menschenmögliche Unmenschlichkeit an Bedeutung?

Wir sind uns sicher: das Gegenteil ist der Fall.

In den letzten Jahren sind neue faschistische Strömungen in Deutschland (und in Europa) stark und stärker geworden, die ein Deutschsein mit schwarz-rot-goldenem Make-up feilhalten. Wir aber wollen einen Patriotismus, der sich bemüht und sich tief auseinandersetzt mit unserer Geschichte.

Deshalb ist es unsere wichtigste Aufgabe, an die Opfer zu erinnern und sie in Ehren zu halten und uns konsequent für eine Stärkung unserer Zivilgesellschaft gegenüber nationalen rechtsextremistischen Gruppierungen einzusetzen. Wir wollen keinen Schlussstrich unter die Auseinandersetzungen über unserer NS-Geschichte.

Im Gegenteil: Diese Geschichte wird uns immer wichtiger, weil sie eine zentrale Richtung für unsere demokratische und humanitäre Zukunft vorgibt. In diesem Sinne wird unser Verein „Für das Erinnern“ die Zusammenarbeit mit den Schulen und Jugendverbänden suchen und ausbauen, damit unsere Geschichte als lebendige Erfahrung angenommen wird und möglichst viele Jugendliche zu neuen rassistischen und fremdenfeindlichen Strömungen eindeutig sagen: „Wir wollen das nicht!“.

Es ist uns ein Anliegen, neue und vielleicht auch unkonventionelle Formen der Erinnerung zu wagen. Die Schulen, der Kreisjugendring, die Jugendstellen fordern wir hiermit dazu auf. Wir planen Studienfahrten für Jugendliche, die aus einem Bundesprogramm gefördert werden. Der europäische Zukunftsgedanke soll auch in unserer Erinnerungsarbeit verstärkt eingebracht werden.

Wir werden weiter auf die Realisierung des Gedenkortes Bunkerbogen hinwirken. Für viele Menschen ist er der Inbegriff des KZ-Lagers Mühldorf. Alle Überlebenden, die in den letzten Jahrzehnten in Mühldorf waren, besuchten zuerst den Bunkerbogen, um dort zu trauern. Aber auch die beiden Außenlager des KZ’s Mühldorf, Mittergars und Thalham, werden wir verstärkt in die Aufmerksamkeit unserer Landkreisgesellschaft bringen.

Wir werden unsere Netzwerke stärken und ausbauen und planen die Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen. Wir tun dies Hand in Hand mit dem Geschichtszentrum und Museum Mühldorf.

Im Herbst soll ein Netzwerktag stattfinden, bei welchem sich weitere Verknüpfungen und Kooperationen ergeben werden.

Zurück zu der anfangs gestellten Frage: Gerade unsere Fähigkeit zu lernen und an historischen Verbrechen zu wachsen ist Ausweis von Souveränität und Selbstachtung (Ulf Poschardt). Unter diesem Blickwinkel ist eine Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus in Deutschland, mit der Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit, an die unvorstellbaren Gräuel, geradezu geboten.

Denn es gilt: Nie wieder, denn wir wissen und wir erinnern uns daran, was geschehen ist.

Der Autor ist Vorsitzender des Vereins „Für das Erinnern“.

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