Bomben auf Flossing: Kriegsgefangene retten vermutlich vielen Flossingern das Leben

Der Blindgängererinnert noch heute an den Angriff vor 75 Jahren. Wagner/Archiv
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Der Blindgängererinnert noch heute an den Angriff vor 75 Jahren. Wagner/Archiv

Blindgänger am Haus der Firma Landtechnik Wimmer erinnert an den Angriff, bei dem drei Menschen sterben. Der Flossinger Pfarrer Franz Wittschek hat die Ereignisse von damals im Heimatbuch niedergeschrieben.

Polling/Flossing – Am heutigen Tag sind es genau 75 Jahre, dass alliierte Bomber ihre tödliche Fracht über Flossing abgeworfen haben. Drei Menschen kamen dabei ums Leben, einige Gebäude wurden komplett oder zum Teil zerstört. Eine dieser Bomben war ein Blindgänger, der heute noch als Mahnung und Erinnerung am Gebäude der Firma Wimmer Landtechnik hängt.

Fernmeldeamt in Flossing ist das Ziel

Es ist ein Zeitzeuge der letzten Phase des Zweiten Weltkrieges, der Millionen von Menschen das Leben gekostet hatte. Die Verbündeten gegen Hitler-Deutschland rücken näher. Mühldorf gerät ins Visier der alliierten Streitmächte. Der Bahnhof wird zum Ziel, erstmals fliegen die amerikanischen Flugstreitkräfte am 19. März 1945 einen Großangriff auf Mühldorf, ein weiterer folgt am 20. April.

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An jenem Tag wurde auch das kleine Dorf Flossing vor den Toren der Stadt bombardiert. Grund dürfte die Verlegung des Fernmeldeamtes aus Mühldorf nach Flossing gewesen sein, wie Überlieferungen belegen, die Amerikaner wollten den Nachrichtendienst stilllegen. Dabei werden nicht nur Gebäude zerstört, sondern mit der 74-jährigen Maria Krempl, dem zwölfjährigen Rudolf Oswald und einem unbekannten Soldaten auch drei Menschen getötet, wie der ehemalige Flossinger Pfarrer Franz Wittschek (†) im Heimatbuch der Gemeinde Polling schreibt: „Am 20. April 1945, mittags um 12 Uhr, erfolgte ein Terrorangriff auf das Pfarrdorf Flossing. Ein Haus wurde vollständig vernichtet, beim angrenzenden Soidereranwesen Stall, Stadel und Scheune, bei Bruckmaier ein Teil des Kuhstalles und fast die Hälfte des Wohnhauses. Beim Bäcker Bauer fiel eine schwere Bombe in den Garten, bei Langlinderer eine in den Hof und zerstörte dort die Ställe.“ Das Wohnhaus bleibt noch stehen, schreibt Wittschek, Dächer und Fenster werden zerschlagen, gefährliche Risse entstehen in den Wohnungen.

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Und es gibt Tote. Drei Todesopfer sind bei diesem Bombenangriff zu beklagen: Maria Krempl, 74 Jahre alt, wird auf der Stiege von nachstürzenden Trümmern eingeklemmt und erdrückt. Rudolf Oswald, zwölf Jahre alt, wird mit Trümmern des Hauses in den Garten hinausgeschleudert. Ein Soldat, der in der Nähe des Hauses war, erleidet schwere Verwundungen. Er stirbt in Mühldorf.

Kirchenfenster bersten, ein Haus brennt

Auch das nahegelegene Annabrunn, das schon im November 1944 von einem Bombenangriff mit etwa 100 Stück 250-Kilogramm-Bomben betroffen war, erleidet erneut Schaden: Ein Haus brennt fast vollständig aus, ein anderes wird schwer demoliert, die Kirchenfenster bersten und weitere Schäden entstehen an Gebäuden, Feldern und Fluren, wie der Pfarrer weiterhin schreibt.

Dass bei diesem Angriff nicht mehr Opfer zu beklagen waren, ist wohl den Kriegsgefangenen zu verdanken, die auf den Höfen, unter anderem beim Kronberger in Klugham, arbeiten. Es sind Polen, Slowaken und Franzosen, die dort von 1940 bis 1945 eingesetzt sind, um die Bauern zu unterstützen.

Kriegsgefangene warnen vor Angriff

Wie der Bürgermeister der Gemeinde Polling, Lorenz Kronberger, berichtet, hat sein Onkel Friedrich Kronberger früher erzählt, dass die Polen damals ein Radio in einem geheimen Versteck hatten, mit dem sie internationale Nachrichten und Funksprüche empfingen. So kommt es, dass sie schon früh von dem geplanten Angriff erfahren und am Morgen des 20. April die Warnung aussprachen: „Kinder heute nix Schule gehen, heute Flieger kommen“.

Wer weiß, ob ohne diese Warnung nicht viele weitere Menschen, vor allem Kinder, an diesem Tag ihr Leben gelassen hätten.

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