Behinderungen im Lieferverkehr

Blockade am Netto-Logistikzentrum in Erharting: 90 Bauern fordern endlich faire Milchpreise

Laster gegen Traktor: Es kam stellenweise zu Behinderungen.
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Laster gegen Traktor: Es kam stellenweise zu Behinderungen.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Landwirte aus der Region versammelten sich am Freitag (4. Dezember) mit 60 Traktoren am Lager des Discounters Netto, um gegen den Preisverfall von landwirtschaftlichen Produkten zu demonstrieren. „Die Auflagen werden mehr, die Produktion teurer und das Finanzloch immer größer!“, schimpft der Taufkirchener Tobias Grundner.

Mühldorf – Die Forderung nach fairen Erzeugerpreisen hat am vergangenen Freitag einen neuen Höhepunkt erreicht: Knapp 90 Landwirte aus der Region hatten sich gegen 22.20 Uhr mit 60 Traktoren am Nettologistikzentrum bei Erharting versammelt, um gegen die niedrigen Milchpreise zu protestieren. Teilweise kam es dabei zu Behinderungen des Lkw-Verkehrs.

Mehr Auflagen, aber niedriger Milchpreis

„Wir sind noch da!“, Hört uns bitte zu!“ Oder: „Wir beißen nicht!“ Eindringliche Appelle waren auf Transparenten zu lesen, die auf den Traktoren angebracht waren. Dazu ein beleuchtetes Kreuz, sinnbildlich für das Bauernsterben, das vielen Landwirten durch den Preisverfall ihrer Produkte droht. Einer von ihnen ist der Taufkirchener Tobias Grundner. 38 Jahre ist der Landwirtschaftsmeister jung, ein Idealist, der seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt.

Taufkirchener hat knapp eine Million in neuen Laufstall investiert

Mit seiner Frau hat er 2014 knapp eine Million in einen neuen Laufstall für 100 Milchkühe investiert und muss nun darum kämpfen, dass er den gerechten Lohn für seine bis zu 80-Wochen-Stunden bekommt. „Die Auflagen werden immer mehr, die Produktion teurer, und das Finanzloch immer größer!“, schimpft der Taufkirchener auf Preisverfall und überbordende Bürokratie.

Hört uns bitte zu!

Transparent auf der Demonstration

Viel Arbeitsaufwand für Zuschläge

Schon lange würden die Erzeugungskosten nicht mehr berücksichtigt, „die Entgelte reichen nicht aus, um kostendeckend zu wirtschaften“, sagt der Landwirt und er rechnet vor: „In meinem Betrieb habe ich bei der Milcherzeugung circa 42 Cent pro Kilogramm Vollkosten. Der aktuelle Preis liegt aber bei 34 Cent pro Kilogramm, inklusive aller Zuschläge! Zuschläge, die wir uns erarbeiten müssen, wobei der Aufwand den Erlös meist auffrisst.“ Eine Veränderung des Milchpreises um nur einen Cent pro Kilogramm, „das macht bei mir 10.000 Euro pro Jahr aus.“

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Verkauf von Schlachtvieh hat Einiges kompensiert – bis jetzt

Wie viele andere Betriebe auch lebe er aktuell von der Substanz. Der Verkauf von Schlachtvieh habe die Mindereinnahmen bislang kompensiert. Doch beklagt er auch einen Preisverfall. „In allen Bereichen sind die Auszahlungspreise zurückgegangen – die Verkaufspreise im Laden allerdings gestiegen!“ Grundner fragt sich mit Blick auf die großen Handelsketten mit Netto, Lidl oder Rewe: „Wer verdient hier?“

90 Landwirte und 60 Traktoren: Am Netto-Logistikzentrum bei Erharting haben die Bauern für faire Preise demonstriert. Insgesamt blieb es laut Polizei friedlich.

Auflagen und Verordnungen verteuern die Produktion

Gleichzeitig kämen ständig neue Auflagen und Verordnungen hinzu, welche die Produktion verteuern, ohne zusätzliche Vergütung. Sozial- und Umweltstandards, die laut Grundner in anderen EU-Ländern und in Drittländern nicht gefordert werden. Die Politik, aber auch alle Marktpartner seien gefordert, diese Ungerechtigkeit auszumerzen und eine Kennzeichnungspflicht für alle Nahrungsmittel einzuführen. „Damit der Kunde mit einem Blick erkennen kann, ob Regionalität und Standards, die er wünscht, erfüllt sind.“

Tobias Grundner kämpft für faire Milchpreise.

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Söders Bauern-Milliarde ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein

Wie viele seiner Mitstreiter fordert der Taufkirchener einen Systemwechsel hin zu voll kostendeckenden Preisen. „Die von der Firma Lidl ausgerufenen 50 Millionen Euro sehe ich als Schweigegeld. Wie vor etwa einem dreiviertel Jahr Markus Söders Bauern-Milliarde, die wir auch abgelehnt haben.“ Das sei alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein, eine reine Imagekampagne, „wenn man sieht, wie die festen und variablen Kosten gestiegen sind! Und das bei fast gleichen Erzeugerpreisen seit 40 Jahren!“ Der Landwirt: Berücksichtige man alleine die Inflation, müsse die Milch ab Hof heute circa 80 Cent kosten.

Die Alternative? Minderwertige Lebensmittel aus dem Ausland

„Uns reicht es! Das bringen wir aktuell zum Ausdruck und wir werden weiter kämpfen, damit auch unsere Kinder noch den eigentlich schönsten Beruf der Welt erlernen können!“ Sein Schreckenszenario ist ein Deutschland, in dem es nur noch minderwertige Lebensmittel aus dem Ausland gibt, weil die heimische Landwirtschaft kaputt gemacht wurde. „Eigentlich schlimm genug, wenn man für das, was man liebt, ständig kämpfen muss!“

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Von Blockade in Cloppenburg inspiriert

Drei Stunden lang, bis nach Mitternacht, harrten die Bauern in der Kälte aus. Inspiriert wurden die knapp 90 Landwirte durch Branchenkollegen, die vor einer Woche bereits mit ihren Traktoren tagelang Lidl-Lager bei Cloppenburg blockiert hatten, um auf diese Weise für faire Preise zu demonstrieren. In Erharting forderten sie den Dialog mit dem Leiter des Lagers, der allerdings nicht vor Ort war. Am Sonntag war kein verantwortlicher Sprecher des Logistikzentrums zu erreichen und auch in der Pressestelle von Netto in Regensburg Ponholz ging niemand ans Telefon.

Alarmierende Entwicklung beim Schweinepreis

„Die Jungen lassen sich nicht mehr verarschen von der Politik!“ Ulrich Niederschweiberer, Kreisobmann des Bayerischen Bayernverbandes kann den Protest der Landwirte nachvollziehen. Preisfall und bürokratische Hürden machen es den Landwirten immer schwerer, langfristig zu investieren. Der Verfall des Schweinepreises zum Beispiel sei alarmierend. „Selbst eine Reduzierung des Angebotes hat nichts zur Preissteigerung beigetragen!“

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Niederschweiberer sorgt sich um den Bauernstand

Seine Befürchtung: Immer mehr Züchter und Mastbetriebe sperren ihre Ställe zu. Qualitativ hochwertige Produkte blieben auf der Strecke und die bäuerliche Landwirtschaft verliere immer mehr Betriebe, „auch weil vor allem bei jungen Landwirte irgendwann der Idealismus auf der Strecke bleibt. Man möchte schließlich mit der Arbeit, die man tagtäglich vollbringt, auch Geld verdienen.“ Stattdessen müssten die Bauern immerzu um faire Preise kämpfen, auf Dauer gesehen, zermürbe das. „Und das ist nicht gut für unsere Zukunft!“

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