Tag der Beweidung: Ungepflegt ist genau richtig

Die Ziegenin der Kiesgrube vom Bund Naturschutz leisten einen wertvollen Beitrag. Durch die Beweidung und ihren Tritt ist neuer Lebensraum entstanden. Zahn

Helfen Weidetiere gegen das Insektensterben? Mit dieser Frage setzten sich rund 80 Praktiker am „Jahrestag der Beweidung“ auseinander. Eins wurde deutlich: Naturnahe Beweidung schafft Paradiese für Insekten – wenn man es richtig macht.

Ampfing – „Wir mussten vielen Leuten absagen – das Interesse war riesig doch die Plätze im Bus begrenzt“ bedauert Dr. Bettina Burkart-Aicher von der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege (ANL) am „Jahrestag der Beweidung“, der in Ampfing stattfand.

Rund 80 Praktiker aus Naturschutz, Landschaftspflege, Land- und Forstwirtschaft waren gekommen, um sich über die „InsektenVielfalt verschiedener Beweidungssysteme“ zu informieren.

Die Fachvorträge machten deutlich: Naturnahe Beweidung schafft Paradiese für Insekten – wenn man es richtig macht. „Einfach Weidetiere als Rasenmäher auf eine Wiese stellen, ist bei Weitem nicht genug und erst dann, wenn eine Weide für uns ungepflegt aussieht, wird es für Insekten richtig interessant“ erklärte Dr. Andreas Zahn von der Kreisgruppe des BUND Naturschutz, die mehrere naturnahe Weiden im Landkreis Mühldorf betreut.

Stängel als wichtige Nistplätze

Bernhard Hoiß, Wildbienenexperte der ANL, zeigte anschaulich, wie gerade Nistmöglichkeiten und Baumaterial für Wildbienen auf Weideflächen entstehen können. Wichtige Nistplätze seien Stängel von Stauden, die über mehrere Jahre stehen bleiben. „Dies ist der Fall, wenn die Zahl der Weidetiere niedrig ist und man im Herbst darauf verzichtet, die nicht gefressenen Reste auf der Weide abzumähen“, erklärte Hoiß. Auch dort wo offene Bodenstellen und Hangkanten durch den Tritt der Weidetiere entstehen, finden hoch spezialisierte Wildbienen Plätze zur Eiablage.

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Dr. Thomas Frieß vom Ökoteam in Graz berichtete von den Erfahrungen aus Grünlandgebieten in Österreich. Er betonte, dass Weiden nicht automatisch wertvoll für die Natur sind. Faktoren wie Düngeverzicht, Art und Zahl der Weidetiere aber auch das Umland und vor allem die Vielfalt der Strukturen auf der Weide seien entscheidend: Hänge und Kuppen, unterschiedliche Bodenverhältnisse, Gehölzinseln oder Steinhaufen tragen dazu bei, dass sich ein reiches Insektenleben auf Weiden einstellt.

Mehr Insekten auf beweideten Flächen

Professor Dr. Christoph Moning verdeutlichte, dass die Aktivitäten von Fledermäusen über und auf Weideflächen bis zu dreimal höher sind als über unbeweidetem Grünland. Grund dafür ist in erster Linie das erhöhte Aufkommen von Insekten, die als Nahrung dienen. „Dung- und Mistbewohnenden Insekten, also viel Fliegen und Mistkäfer bieten auf Weiden im Gegensatz zu Wiesen für Fledermäuse aber auch viele Vögel ein reiches Nahrungsangebot“ betonte der Ökologe.

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Europäisches Naturerbe

Der Ornithologe Dr. Dieter Haas begeisterte die Zuhörer mit seinem leidenschaftlichen Plädoyer für mehr großflächige Weideflächen. Diese sollten auch in unserer Landschaft wieder selbstverständlicher werden. Dass vor den Toren Ampfings bereits eine artenreiche Weidelandschaft neu entstanden ist, machte die Exkursion in die Kiesgrube des BUND Naturschutz deutlich. In den vergangenen 20 Jahren konnten hier mit einem vergleichsweise niedrigen Budget Lebensräume für viele Insekten wie etwa die Blauflügelige Ödlandschrecke oder die Kleine Pechlibelle geschaffen werden. Natürlich bietet sie auch vielen Amphibien, Vögeln und Wildtieren wie Reh oder Hase eine Heimat.

Strukturvielfalt entscheidend

Entscheidend dabei sind die Strukturvielfalt und das enge Nebeneinander unterschiedlicher Lebensräume. „Durch Maschineneinsatz würden wird das so niemals hinbekommen – Ziegen und Rinder leisten hier einen tollen Job“ betonte Dr. Zahn. Besonders beeindruckt waren die Teilnehmer von einer „Wildbienenwand“, die allein durch den Tritt der Ziegen entstanden war. Die tierischen Insektenschützer waren sich ihrer Bedeutung offensichtlich bewusst. Angelockt von ihrem Besitzer mischten sie sich unter die Besuchergruppe und ließen sich bewundern. re

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