Sie bekommt einfach nicht genug – Brigitte Dahlberg arbeitet seit 55 Jahren im Amtsgericht Mühldorf

Auch der Chef versteht es nicht:Brigitte Dahlberg erläutert Jürgen Branz die deutsche Schrift in einem Grundbuchauszug. Weil sie eine der wenigen ist, die diese Schrift noch lesen kann, kommt sie auf mittlerweile 55 Berufsjahre im Amtsgericht. Die versieht sie auch an dem Tag geflissentlich, an dem der Chef Blumen mitgebracht hat. Honervogt

Sie ist 73 Jahre alt und arbeitet seit 55 Jahren: die Neumarkt-St. Veiterin Brigitte Dahlberg. Sie ist eine der wenigen, die eine alte Schreibschrift, die sogenannte „Deutsche Schrift“, lesen können. Deshalb ist sie im Amtsgericht Mühldorf unersetzlich.

Von Markus Honervogt

Mühldorf/Neumarkt-St. Veit – Der bayerische Brauch zu Maria Lichtmess geht eigentlich genau anders rum. An diesem Tag erhielten nämlich früher die Mägde und Knechte, also die Mitarbeiter auf einem Hof, ihren Lohn, den Dank für die Arbeit eines Jahres. Wenn Brigitte Dahlberg am Lichtmesstag in ihr Büro im Grundbuchamt des Amtsgerichts Mühldorf kommt, bringt sie Kuchen mit. Vier Torten waren es heuer, alle selbst gebacken von ihr und einer Freundin.

Der Lichtmesstag am 2. Februar ist für die Neumarkt-St. Veiterin nämlich ein besonderer Tag: An ihm begann nach zwei Monaten im Ruhestand ihr zweites Arbeitsleben. Das war 2012 und zu diesem Zeitpunkt hatte sie bereits 47 Berufsjahre in den Amtsgerichten Neumarkt-St. Veit und Mühldorf auf dem Buckel und – wie gesagt – zwei Monate Ruhestand.

Das Nichtstun schnell beendet

Warum die 73-Jährige das verdiente Nichtstun so schnell beendete, liegt an den DIN-A-4-Blättern, die auf ihrem Schreibtisch gestapelt sind. Sie sind fein säuberlich in unfassbar akkurater Handschrift beschrieben – und leider unlesbar. Schon das Wort Flossing ist nur mit viel Fantasie zu erraten, vom Rest ganz zu schweigen. Deutsche Schrift, niedergeschrieben weit vor dem Krieg auf einem Grundbucheintrag, der heute noch Gültigkeit hat. Aber von fast niemandem mehr gelesen werden kann.

Brigitte Dahlberg hat diese Schrift während ihrer Schulzeit gelernt, schreiben kann sie die alten Buchstaben zwar nicht mehr – aber lesen. Und so sitzt sie seit über acht Jahren zweimal wöchentlich im Amtsgericht und überträgt Besitzverhältnisse, Grunddienstbarkeiten oder Verkäufe aus den alten Akten ins EDV-Programm, das neue Grundbuch.

Warum? Auf diese Frage antwortet Dahlberg mit vier Worten, die sie im Gespräch ein gutes dutzend Mal wiederholt: „Weil es Spaß macht.“ Wer die kleine Frau in ihrem roten Blazer am Schreibtisch sitzen sieht, glaubt das sofort. Sie berichtet mit großem Elan von ihrer Tätigkeit, von den Kolleginnen, mit denen sie sich so gut versteht, von der Arbeit mit Grundbüchern, die sie seit 55 Jahren erfüllt: „Es gab keinen Tag, an dem ich nicht mit Freude in die Arbeit gegangen bin.“

Eine Schrift, die keiner mehr lesen kann

Amtsgerichtsdirektor Jürgen Branz weiß, was er an seiner ältesten Mitarbeiterin hat, bei der er sich jetzt bei einer Feierstunde bedankt hat. „Sie ist sehr sachkundig“, lobt er. „Es ist nicht einfach, so jemanden zu bekommen.“ Damit sei sie mitverantwortlich für den guten Ruf, den das Amtsgericht bei der Übertragung von Akten in Deutscher Schrift beim Oberlandesgericht hat: „Die merken: In Mühldorf rührt sich was, da geht was voran.“

Die gesamte Berufskarriere Dahlbergs ist einzigartig. In 55 Jahren hatte sie nur zwei Arbeitgeber. Den Rechtsanwalt, bei dem sie lernte, und das Amtsgericht, zunächst in Neumarkt-St. Veit, nach dessen Auflösung und Übergang 1970, in Mühldorf. Sie hat mit der Hand in schweinsledernen Grundbuchfolianten Bleistiftlinien gezogen, darauf feinsäuberlich Buchstaben gesetzt und die Bleistiftlinien danach wieder sorgfältig aussradiert. Sie hat die jeweils gültigen Einträge rot unterstrichen und später die Eingabe in ein EDV-Programm gelernt. Und heute digitalisiert sie die alten Notizen, die bis ins Jahr 1906 zurückreichen.

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Ihr Mann beschäftigt sich derweil mit dem Garten des Ehepaares, das eine erwachsene Tochter hat. Die findet gut, was die Mutter macht, erzählt Dahlberg: „Sie war begeistert, weil es mir so viel Spaß macht.“

Die Familie unterstützt die Mutter

In knapp einem Jahr ist wieder Maria Lichtmess, vielleicht verlängert Dahlberg ihren Honorarvertrag noch mal um ein Jahr. Kuchen wird sie dann aber sicherlich wieder mitbringen. Zum Auftakt weiterer Arbeitsstunden oder zum Abschied.

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