Beginn der Inflation vor 100 Jahren – So erging es den Mühldorfern

Viele Millionäreund nur wenig damit zu kaufen. Bauer

Protestversammlungen auch in Mühldorf. Stadt druckte Notgeld.

Mühldorf – Die deutsche Inflation ab 1920 war eine der radikalsten Geldentwertungen in großen Industrienationen. Die Vorgeschichte dieser Hyperinflation findet sich in der Finanzierung des Ersten Weltkrieges. Mit dem Ende des Krieges 1918 hatte die Mark bereits offiziell mehr als die Hälfte ihres Wertes verloren, genauer: ihrer Kaufkraft im Innen- und Außenverhältnis. Auf dem Schwarzmarkt lag der Inflationsindex noch wesentlich höher.

Eigentliche Ursache der schon ab 1919 beginnenden Hyperinflation war die massive Ausweitung der Geldmenge durch den Staat in den Anfangsjahren der Weimarer Republik, um die Staatsschulden zu beseitigen. Was aber nicht funktionieren konnte. Ab 1920 begann die Regierung, immer mehr Geld zu drucken.

Wirtschaftliche Lage verschlechtert sich

Die Inflation, so Wolfgang Pfeiffer, im Buch des Heimatbundes „Stadt Mühldorf am Inn“, begann ab 1920 zu galoppieren, und die wirtschaftliche Lage wurde immer noch schlechter. Der Wechselkurs des Dollars möge das verdeutlichen: Betrug sein Vorkriegskurs (1. Juli 1914) 4.20 Mark, so war er am 2. Januar 1920 bereits aufs Zehnfache (41,96 Mark) geklettert. Doch das Karussell begann sich erst zu drehen: August 1921: 75 Mark; Dezember 1921: 184 Mark; Januar 1922: 200 Mark; August 1922: 7 000 Mark; Dezember 1922: 10 000 Mark. Es sollte aber noch viel schlimmer kommen.

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Anfang Januar 1923, als der Dollar bereits auf 18 000 Mark steht, stellte die alliierte Reparationskommission in Paris eine vorsätzliche Vernachlässigung der deutschen Lieferungen von Telegrafenstangen und Kohle fest. Deshalb besetzten ab 11. Januar 1923 französische und belgische Truppen das Ruhrgebiet. Darauf antwortet die Reichsregierung mit dem Aufruf zum passiven Widerstand. Es kam zur völligen Einstellung der Sachleistungen, zu Streiks. Arbeitsniederlegungen. Entlassungen. Ausweisungen, Verhaftungen, blutigen Zusammenstößen. Sabotageanschlägen und sogar zu Erschießungen.

Proteste und Kundgebungen

In Mühldorf finden zu dieser Zeit — wie allerorts - Protestversammlungen und Kundgebungen statt. Bürgermeister Heß halt Mitte Januar vor dem Kriegerdenkmal auf dem weiß-blau mit Trauerflor beflaggten Stadtplatz ..eine tief empfundene Ansprache, in der ehrliche Entrüstung und beleidigte deutsche Ehre loderte“, wie der Redakteur des Mühldorfer Anzeigers zu formulieren weiß. Solidarische Hilfsaktionen werden in der Folgezeit ins Leben gerufen: Es wird von Geldsammlungen und Sachspenden zugunsten der Bevölkerung des Ruhrgebiets. berichtet.

Die Hilfsbereitschaft scheint so groß gewesen zu sein, dass sie sogar Schwindler als Ruhrflüchtlinge durch Sammlungen von Haus zu Haus für sich zu nutzen versuchten. Was schlimmer ist: Es fehlt an Kohle und Strom. Auch in Mühldorf muss der Zugverkehr reduziert werden, die Zeitungen werden dünner und erscheinen in zeitlichen Abständen, die Stadt liegt in nächtlichem Dunkel.

Wundersame Brotvermehrung

Zu dieser Zeit im Frühjahr 1920, findet in Mühldorf die „wundersame Brotvermehrung“ statt, die die Leute nicht satter, sondern nur empörter macht. Auf Grund eines Versprechens des bayerischen Landwirtschaftsministers Wutzlhofer vor den Wahlen setzet der Kommunalverband Mühldorf die Brotration von 200 Gramm pro Kopf auf 400 Gramm pro Kopf hinauf und lässt die entsprechenden Brotkarten drucken. Als das vom Ernährungsamt unterbunden wird, rumort es in der Stadt und auf einer flammenden Protestversammlung im Himmelbräusaal, auf der sich der Unmut vor allem gegen das Bezirksamt und Oberregierungsrat Speth richtet.

Der Währungszusammenbruch aber beschleunigte siInch durch den passiven Widerstand. Im Mai 1923 war der Dollar 160000 Mark wert, im August eine Million Mark, am 9. Oktober 1920 1,2 Milliarden Mark, am 22. Oktober1920 40 Milliarden und am 1. November 130 Milliarden Mark. Mitte November 1923 erreichte er die Rekordmarke: 4,2 Billionen Mark.

Das Wirtschaftsleben war durch die Inflation so zerrüttet, dass im August 1923 dem neuen Reichskanzler Stresemann keine andere Möglichkeit blieb, als den passiven Widerstand einzustellen. Das um so mehr, als in Sachsen und Thüringen linksradikale Regierungen sich gegen das Reich stellten und im Westen Separatisten, durch die französische Besatzungsmacht offen unterstütz, versuchten das Rheinland und die Pfalz vom Reich zu lösen. Zugleich verhängte er den Ausnahmezustand und unterwarf damit die Landesregierungen den Weisungen der Reichsregierung. Die Rentenmark stoppte die Hyperinflation offiziell am 15. November 1923 und löste die Papiermark im Verhältnis 1:1 Billion ab.

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