Anna-Hospizverein Mühldorf

Zur Beerdigung in Quarantäne: Über die Schwierigkeit von Trauerarbeit in Corona-Zeiten

Ein Bild als Symbol für die Trauerarbeit des Anna-Hospizverein: In Corona-Zeiten gilt es auch in dieser schwierigen Phase körperlich Distanz zu wahren. Antonia Stehr (links) und Carola Kammhuber wollen trotzden helfen.
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Ein Bild als Symbol für die Trauerarbeit des Anna-Hospizverein: In Corona-Zeiten gilt es auch in dieser schwierigen Phase körperlich Distanz zu wahren. Antonia Stehr (links) und Carola Kammhuber wollen trotzden helfen.
  • vonSonja Hoffmann
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Die Begleitung von Trauernden ist eine wichtige Aufgabe des Anna-Hospiz-Vereins im Landkreis Mühldorf. Was das in Zeiten von Corona bedeutet, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt und was dennoch möglich ist, darüber sprechen Ehrenamtskoordinatorin und Trauerberaterin Carola Kammhuber und Trauerbegleiterin Antonia Stehr.

Mühldorf - Die Begleitung von Trauernden ist eine wichtige Aufgabe des Anna-Hospiz-Vereins im Landkreis Mühldorf. Was das in Zeiten von Corona bedeutet, welche Schwierigkeiten es mit sich bringt und was dennoch möglich ist, darüber sprechen Ehrenamtskoordinatorin und Trauerberaterin Carola Kammhuber und Trauerbegleiterin Antonia Stehr.

Wie sieht Trauerbegleitung im Anna-Hospiz-Verein derzeit aus?

Antonia Stehr: Wir haben mehrere Trauergruppen. Eine hier in Mühldorf, die leite ich zusammen mit einer Kollegin, eine in Waldkraiburg und es gibt eine Gruppe für verwaiste Eltern.

CArola Kammhuber: Wir machen natürlich auch Einzelbegleitungen, zu Hause, hier oder auch draußen bei einem Spaziergang, wo die Trauernden wollen. Die Kindertrauergruppe findet momentan nicht statt, weil wir kaum Interessenten haben. Dabei wäre das Thema so wichtig, denn Kinder wollen den verbliebenen Elternteil beschützen und nicht mit ihrer Trauer belasten.

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Wie muss man sich das vorstellen, wenn man zu so einer Gruppe stößt?

Stehr: Wir setzen uns zusammen, bei Kaffee und Kuchen, jeder stellt sich vor, wir als Begleiterinnen stellen uns vor. Manchmal machen wir vorher Musik, die Rituale ändern sich, je nachdem, was die Trauernden wollen. Manchmal sind es drei, manchmal auch bis zu acht Teilnehmer. Einige sind schon seit anderthalb, zwei Jahren dabei, andere kommen nur einmal. Und dann darf jeder über seine Trauer sprechen, aber keiner muss. Manche weinen nur.

Wie laufen die Gruppen mit den Corona-Auflagen ab?

Stehr: Man muss Abstand halten, es ist nicht möglich, jemanden in den Arm zu nehmen. Wir mussten Hygienekonzepte entwickeln, mit dem Essen zum Beispiel. Und Masken sind natürlich auch immer mit dabei. Die Trauergruppen finden seit Dezember aber gar nicht mehr statt.

Kammhuber: Oft sagen Familie und Freunde schon nach kurzer Zeit: Komm, Mama, der Papa ist tot, jetzt muss aber auch mal gut sein. Dabei dauert Trauer viel länger als ein paar Wochen. Auch nach zwei Jahren ist Trauer noch da, hat sich vielleicht schon verändert, aber ist noch da. Da ist es auch gut, wenn manche lange in die Gruppen kommen. Die bringen viel Verständnis auf für Menschen, die frisch trauern. Die können sagen: mir ging es damals genauso, aber es wird besser.

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Wir wirken sich die Pandemie-Maßnahmen auf die Trauernden aus?

Stehr: Da gibt es ganz unterschiedliche Erfahrungen. Eine große Herausforderung ist sicher die Einsamkeit. Manchen macht sie sehr zu schaffen, andere kommen gut damit klar. Ich bin auch allein, ich kann das sehr gut. Aber andere nicht.

Eine Frau, die ich kürzlich nur am Telefon gesprochen habe, ist aktuell in Quarantäne, weil ihr Vater an Corona gestorben ist und sie selbst auch positiv getestet wurde. Jetzt befindet sie sich immer noch in der Wohnung ihres verstorbenen Vaters und kann dort auch nicht weg, weil sie in Quaratäne ist. Sie hat am Telefon nur geweint, An der Beerdigung konnte sie nicht teilnehmen. Das ist alles sehr schwer für sie.

Kammhuber:Eine Frau hat mir erzählt - das war im ersten Lockdown, da war es anderthalb Jahre her, dass ihr Mann gestorben ist – da ist ihr erst klar geworden, dass er wirklich weg ist. Dadurch setzte die Akzeptanz ein. Da werden Menschen mit sich selbst konfrontiert. Aber es ist natürlich sehr schmerzhaft, wenn man den Weg alleine gehen muss.

Inwiefern spielt Religion bei den Begleitungen eine Rolle?

Stehr: Bei den Gruppen verzichten wir komplett auf religiöse Rituale, aber bei den Einzelbegleitungen lese ich natürlich auch aus der Bibel oder bete mit ihnen, wenn das den Trauernden hilft. Wenn es ans Sterben geht, beschäftigt man sich viel mehr mit Gott, wenn auch vorher nicht.

Kammhuber: Wir haben hier auch zwei muslimische Begleiterinnen. Das ist ein großer Schatz.

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