DAS BRINGT DAS JAHR 2017

In der autofreien Stadt

+

Das Jahr 2017 bringt beispiellose Aktionen für Mühldorfer Kinder. Und endlich auch ein Platzl.

Januar

Das Jahr 2017 beginnt wie immer mit einem Knaller: Bei der Stadtmeisterschaft der Eisschützen gewinnt die Stadtratsmannschaft.

Beinahe-Katastrophe am Mühldorfer Stadtplatz. In seiner letzten Amtshandlung schafft Stadtbaumeister Richard Faßer den Bauhof-Mitarbeitern an, sämtliche Tore im Stadtgebiet abzubauen. Gerade als die ersten Bagger am Altöttinger Tor ansetzen, wird klar, dass es sich um ein Missverständnis handelt: „Natürlich waren die Tore auf den Bolzplätzen gemeint“, sagt Faßer. „Wir kommen damit allen Anwohner-Beschwerden zuvor und sind endlich einmal unserer Zeit voraus.“

Februar

Nach Protesten von Anwohnern gegen durchfahrende Lastwagen wird die Altmühldorfer Straße in Mößling mit rot-weißen Pfosten gesperrt. „Ein Fortschritt für die Sicherheit unserer Kinder“, jubelt Bürgermeisterin Marianne Zollner.

Beim Kappenabend kommt wieder mal nur Staatskanzleichef Marcel Huber gut weg. Der Stadtrat tritt danach geschlossen zurück: „Wir haben es endlich eingesehen“, sagt der Sprecher der größten Rücktrittsfraktion Oskar Stoiber.

März

Nachdem sich Kinder an die Tore des letzten Bolzplatzes der Stadt in der Lohmühle anketten, rücken die Bauhof-Mitarbeiter mit ihren Kettensägen unverrichteter Dinge wieder ab.

Erotikdarstellerin Natalie Hot zieht von Ampfing nach Mühldorf und eröffnet im Industriegebiet ein kombiniertes Spiel- und Wohnparadies. Die Stadt lässt daraufhin die neuen Ortsschilder erweitern. Dort steht statt: „Mühldorf – Hochschulstadt“ ab sofort: „Mühldorf – Hochschul- und Erotikstadt“.

April

Die Auerstraße in Mößling wird mit rot-weißen Pfosten gesperrt. „Der Verkehr vor der Schule war unseren Kindern nicht mehr zuzumuten“, sagt Bürgermeisterin Zollner.

Nach der Mühldorf AG und ODU will auch SMR die Bäume rund um sein neues Betriebsgelände fällen lassen, damit man das Gebäude besser sehen kann. „Das Bauwerk ist so schön“, jubelt die Geschäftsführung, der Stadtrat lehnt trotzdem ab. Als Grund führt das Gremium an: „Es gibt dort gar keine Bäume.“

Mai

In einer Nacht- und Nebelaktion fallen in der Lohmühle die beiden Tore auf dem letzten Bolzplatz Mühldorfs. Als sich die fußballbegeisterten Kinder am Tag darauf kurzerhand selbst Tore basteln, wird es den Verantwortlichen im Bauamt zu bunt. Sämtliche Wiesen Mühldorfs werden zubetoniert. Bauhof-Mitarbeiter errichten unzählige Ganzjahres-Schachbretter mit Filzgleitern an den Figuren – aus Rücksicht auf die lärmgeplagten Anwohner. Die Ortsschilder werden erneut umgeschrieben: „Mühldorf – bolzplatzfreie Hochschul- und Erotikstadt.“

Juni

Niemand beschwert sich über die Parksituation in der Innenstadt.

Der Innkanalsteg gewinnt einen internationalen Architektenpreis. Großes Lob gibt es für die „luftleichte Geländerkonstruktion“.

Im ehemaligen Auergebäude eröffnet das 100. Mühldorfer Matratzengeschäft. „Es ist das größte in Südostoberbayern“, jubelt Bürgermeisterin Zollner.

Juli

Die Hauptstraße in Mößling wird mit rot-weißen Pfosten für den Durchgangsverkehr gesperrt. In einer dürren Pressemitteilung der Stadt heißt es: „Zur Sicherheit unserer Kinder.“

Eltern von Mittelschülern beklagen, dass die Kinder vor lauter Hochhäusern ihre Schule nicht mehr finden.

Die Stadt ist auf der Suche nach neuen Einnahmequellen. Auf Ebay versteigert sie das öffentliche WC im Rathaus. Allerdings findet sich bei einem Startgebot von 177 000 Euro kein einziger Bieter.

August

Das Volksfest wird wie immer ein Riesenerfolg. Wie immer erhält Wolfgang Unertl für sein einzigartiges Holzständer-Bauweise-Zelt die allerallerallerletzte Ausnahme-Genehmigung. Wie immer kommen noch mehr Besucher. Wie immer sagt das Riesenrad in letzter Minute ab. Einzige Neuerung: Weil Stadt und Schausteller nicht wissen, wohin mit all den Einnahmen, gibt es heuer jeden Abend ein musikalisches Brillant-Feuerwerk.

September

Bürgermeisterin Zollner bestreitet, dass Mößling nach Sperrung der Lochheimer und Frixinger Straße mit rot-weißen Pfosten nicht mehr erreichbar sei. Das endlich vorliegende Verkehrsgutachten bestätigt die Bürgermeisterin: „Für das Fahrrad ist Mühldorfs nördlichster Stadtteil ideal erschlossen.“

Alfons Schuhbeck übernimmt alle Lokale am Stadtplatz. Einzige Bedingung: Die Stadt benennt den Platz um in „Platzl“. Protest kommt von der Bürgerinitiative Denkmalstadt, Stadträte und Stadtverwaltung sind dagegen begeistert und hoffen auf Essenseinladungen.

Oktober

Die Stadt sperrt Friedhofsstraße, Krankenhausberg, Stadtberg, Münchner Straße und Innere Neumarkter Straße mit rot-weißen Pfosten. „Das steht so im Verkehrsgutachten“, sagt Bürgermeisterin Zollner. Nach ihren Angaben sind inzwischen 85 Prozent aller Mühldorfer aufs Fahrrad umgestiegen.

Mit drei neuen Parkhäusern gelingt es der Stadt, die Parknot endgültig zu überwinden: Auf der Hangkante vor dem Krankenhaus, im Stadtplatz 58 und auf dem Friedhofskreisel entstehen insgesamt 2500 neue Parkplätze. Weil alle Zufahrtsstraßen aber mit rot-weißen Sperrpfosten blockiert sind, stehen dort nur Fahrräder.

November

Der Parkplatz auf dem Volksfestplatz ist mit täglich 5895 Autos sehr gut belegt. Die minütlich in alle Stadtteile fahrenden kostenlosen Shuttlebusse transportieren mehrere Tausend Fahrgäste im Stadtgebiet.

Fastschonministerpräsident Markus Söder nutzt die Fahrradfreudigkeit der Mühldorfer und installiert 17 weitere Satelliten-Messpunkte. Er wird zitiert mit dem Satz: „Damit sich alle an mir orientieren können.“ Später korrigiert sein Ministerium: „Aus dem Zusammenhang gerissen! Gemeint war: an den Messpunkten orientieren.“

Dezember

Franz Maier bleibt städtischer Nikolaus auf dem Christkindlmarkt. „Wir haben einen Monat lang das ganze Internet durchsucht und keinen einzigen Eintrag von ihm gefunden“, erklärt Stadtsprecherin Monika Fesl. „Das hätt’ ich der Stadt auch vorher sagen können“, erwidert Maier. „Ich hab‘ ja noch nicht einmal einen Computer.“

Feierlich enthüllt Bürgermeisterin Marianne Zollner den neuen Weihnachts-Schriftzug am Rathaus. „Nach den Protesten im vergangenen Jahr kehren wir wieder zur Tradition zurück.“ Kleiner Schönheitsfehler: Weil die Bauteile bereits eingelagert und nicht mehr nummeriert waren, steht am Rathaus „GESEGNETE NACHTWEIH“. sa/ti/re

Kommentare