Ausstellung beim Kunstverein Rosenheim: Die Biegsamkeit des Zements

Cement Kimonos: Miriam Rose Gronwald bei ihrer Performance im Kraftwerk an der Kepplerstraße. Weiser

Textil-Objekte, ein Holzgerippe und ein Video: In Eva Gentners Ausstellung „desert“ im Kraftwerk an der Klepperstraße begegnen einander Starre und Bewegung, Schwere und Leichtigkeit.

Dieser Weg ist erkennbar kein leichter. Da ist ein Mensch, der gegen Widerstände kämpft, das Ringen mit den Umständen verdreht den Körper, bis dieser Mensch einem Märtyrer gleicht, sagen wir: dem von Pfeilen durchbohrten heiligen Sebastian. Miriam Rose Gronwald ist dieser Mensch, der sich windend voranarbeitet, in ihrer Performance zu Eva Gentners Ausstellung „desert“. Die Tänzerin ist dabei zunächst in ein graues Kleidungsstück gehüllt, das wie das Relief eines Gebirges anmutet; eine Art grauer Jacke, bestehend aus mit Zement getränkter Jute, ein Kunst-Stück, das die Bewegung geradezu quälend einzuschränken scheint, gleichzeitig aber die Grenzen der ästhetischen Wahrnehmung weitet. Ihre Choreographie lässt Verletzlichkeit und Schwere erkennen und die Mühsal, gegen dieses Gewicht anzugehen; gleichzeitig wirkt sie filigran.

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Es ist dieser seltsame Kontrast, wenn nicht gar Widerspruch, der sich auch durch die Ausstellung im Kraftwerksgebäude an der Klepperstraße selbst zieht: Erdenschwere und luftige Leichtigkeit. Die in Mannheim lebende Künstlerin Eva Gentner experimentiert seit Jahren mit Zementtextilien, die das Fließende, das Umschmeichelnde von Textilien mit der Härte von Beton zu verbinden scheinen. Aus diesem Widerspruch entstehen Risse, Brüche, Falten und Löcher. Man denkt an Haut, die Spuren, die sich eingraben. Am Ende ihrer Performance übrigens entledigt sich Gronwald ihres Kimonos, steht auf und geht durch den Ring der Vernissagengäste ins Off. Man kann das als Metapher für ein Leben und sein Ende sehen.

Niemand stiftet mehr Ordnung

Einige Zement-Jute-Stücke sind in den Räumen des Kunstvereins ausgestellt. Den Titel „desert“ aber hat die Ausstellung von Gentners Videoarbeit. Zwei Frauen sind da zu sehen, inmitten einer eigenartig öden Landschaft, genauer: der Lieberoser Wüste nördlich von Cottbus. Bis 1942 hatte sich dort ein Wald befunden, der brannte dann ab, später, noch bevor sich das Stück Erde erholen konnte, nützten die Sowjets das Ödland als Truppenübungsplatz. In dieser versehrten Landschaft also sehen wir zwei Frauen, die mit tänzerischen Bewegungen zwei zerbrechliche Objekte dirigieren. Die Frauen und die beiden tropfenförmige Holzgerippe sind scheinbar Anhaltspunkte inmitten dieser Wüste. Jedoch: Jeder Versuch der beiden, die Objekte zu beherrschen oder auch nur zum Stillhalten zu zwingen, scheitert. Denn eine steife Brise lässt die Objekte immer wieder davonrollen. Aller Wille zur Ordnung, zur Kontrolle: In dieser Arbeit ist er vom Winde verweht.

Eva Gentner, „desert“, bis 23. Februar.

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