Aufregung um „Kundenservice“: Gemeinde Ampfing wegen Passbildautomaten im Rathaus in der Kritik

Da warnoch alles im grünen Bereich: Bürgermeister Josef Grundner mit Azubi Stefanie Starkl und Gerda Wagner beim Anfertigen der ersten Passbilder am Bildautomaten im Rathaus. Danach brach eine kontroverse Diskussion über den Kundenservice am Bürger los. Stettner

Eigentlich wollte die Gemeinde Ampfing ihren Bürgern nur einen besonderen „Kundenservice“ bieten, als sie einen Passbildautomaten in ihrem Rathaus aufstellen ließ. Doch dafür muss die Kommune jetzt Kritik einstecken.

Ampfing –In Kooperation mit einem auswärtigen Unternehmen wurde der moderne Passbildautomat im Eingangsbereich des Bürgerbüros installiert. Dadurch ist es nun möglich, direkt im Rathaus Passbilder und auch die neuen biometrischen Bilder für Reisepässe anzufertigen und sofort mit zu nehmen.

Bedienung ist kinderleicht

Die Aufnahmen können ebenso für alle anderen amtlichen Dokumente, Personalausweise, Führerscheine, Behindertenausweise, Anglerkarten und so weiter verwendet werden. Die Bedienung ist kinderleicht: In der Fotokabine erklärt eine freundliche Stimme den kompletten Vorgang, der zusätzlich auf einem Bildschirm sichtbar ist.

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Eine spezielle Software prüft automatisch, ob das Bild den Anforderungen für Ausweisbilder entspricht. Sollte die Aufnahme nicht gelungen sein, kann man sie ohne zusätzliche Kosten wiederholen. Passt die Aufnahme, können die Passbilder aus dem Automaten sofort entnommen werden. Zugänglich ist der Automat nur zu den Öffnungszeiten des Rathauses.

Kritische Kommentare auf Facebook

So weit so schlecht. Denn der neue Service findet nicht nur Befürworter, wie etwa einen Facebook-Kommentator aus der Nachbarstadt: „Gute Idee, wär auch was für Waldkraiburg.“ Der Passbildautomat hat vor allem Kritiker auf den Plan gerufen. „Das wird die Fotografen vor Ort aber freuen“, bemerkt ein Kommentator auf der Facebook-Seite der Gemeinde. „In Kooperation mit einem Fotostudio? – Schließt die Neutralitätspflicht der öffentlichen Hand nicht so eine Kooperation aus?“, fragt ein anderer.

Ortsansässige Fotostudios sind auch Gewerbesteuerzahler

Und Helmuth Fromberger, Inhaber eines Fotostudios in Mühldorf, kritisiert, dass damit den ansässigen Fotografen ein wichtiger Teil des Umsatzes wegbreche. „Das ist ein sicheres Einkommen für viele Fotografen“, sagt er auf Anfrage unserer Zeitung. „Hat sich eigentlich jemand Gedanken darüber gemacht, dass wir Fotografen auch Gewerbesteuer vor Ort zahlen?“ Im Gegensatz zu dem Kooperationspartner der Kommune, der nicht aus der Region kommt.

Fromberger räumt zwar ein, dass es in Ampfing selbst kein Fotostudio mehr gibt. Trotzdem leuchtet ihm die Initiative der Gemeinde nicht ein. „Wo kämen wir denn hin, wenn die Gemeinde eine Autowerkstatt einrichtet, nur weil es keine Autowerkstatt mehr am Ort gibt.“

Bürgermeister: Service für ältere Bürger

Ampfings Bürgermeister Josef Grundner hätte auch lieber wieder ein Fotostudio am Ort als einen Passbildautomaten im Rathaus. Doch seit das Geschäft am Ort zu ist, habe es keinerlei Signale gegeben, dass sich daran etwas ändern wird. Auf der anderen Seite sei die Gemeinde – gerade von älteren Bürgern – immer wieder darauf angesprochen worden. „Wir wollten unseren älteren Bürgern, die nicht mehr so mobil sind, eine Alternative anbieten.“ Sie wegen eines veralteten Passfotos nach Mühldorf oder Waldkraiburg zu schicken, wollte man den Senioren nicht länger zumuten. Zunächst für die nächsten drei Jahre steht der Passbildautomat im Rathaus.

Die Gemeinde setzt auf die Zusammenarbeit mit heimischem Gewerbe und habe daher auch zunächst das Gespräch gesucht mit Fotograf Josef Sahlstorfer aus Waldkraiburg, der seine Filiale in Ampfing vor gut drei Jahren dicht gemacht hatte. „Ich bin also gewissermaßen der Grund, warum der Automat im Rathaus steht“, sagt Sahlstorfer, der sich ernsthaft mit dem Aufstellen eines Bildautomaten beschäftigt hat. „Ich kann den Wunsch der Gemeinde nachvollziehen, ihren Bürgern diesen Service anzubieten.“

Debatte um neues Passgesetz beunruhigt Fotografen

Doch eine Investition in der Größenordnung zwischen 15 000 und 20 000 Euro will gut überlegt sein. Sahlstorfer entschied sich dagegen, als Ende 2019 die Debatte um die Novellierung des Passgesetzes losging. Das wirtschaftliche Risiko war ihm schlicht zu groß.

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Passfotos nur noch unter Aufsicht

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Bundesinnenminister Horst Seehofer kündigte damals an, aus Sicherheitsgründen nur noch Fotos für Pässe und andere Dokumente zu akzeptieren, die unter Aufsicht an Terminals in den Behörden gemacht werden. Nach massiven Protesten aus der betroffenen Branche ist nun wieder offen, ob und wie das Gesetz geändert wird.

Für die traditionellen Fotostudios, „die die ganze Woche über den Basisdienst für die Kunden sicherstellen“, hängt das Gesetzesvorhaben weiter wie ein Damoklesschwert von der Decke. Sahlstorfer zitiert aus einer Umfrage des Brancheninformationsdienstes vom Herbst vergangenen Jahres, wonach „80 Prozent der Betriebe das Passbildergeschäft für existenziell wichtig halten“.

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