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Mehr Schaden als Nutzen durch Stopp für AstraZeneca? So urteilen Geimpfte aus Mühldorf

Bis Ende nächster Woche sollten im Landkreis Mühldorf 420 Personen mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden. Ihre Termine wurden bereits abgesagt.
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Bis Ende nächster Woche sollten im Landkreis Mühldorf 420 Personen mit dem Impfstoff von AstraZeneca geimpft werden. Ihre Termine wurden bereits abgesagt.
  • Josef Enzinger
    vonJosef Enzinger
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Keine weiteren Impfungen mit Astra Zeneca – das hat die Bundesregierung beschlossen, nachdem unerwünschte Nebenwirkungen, Thrombosen, eingetreten sind. Und viele Menschen, die bereits ihre erste Dosis erhalten haben, stellen sich die Frage: „Kriege ich überhaupt einen zweiten Impftermin?“

Mühldorf – Eine davon ist Denise Weise, Lehrerin an der Erdkinderschule in Eberharting. Sie spricht von einem „Wahnsinn, jetzt den Impfstoff zurückzuhalten!“ Sie hat die erste AstraZeneca-Impfung hinter sich und hatte keine Nebenwirkungen. Weise ist Risikopatientin: „Da fange ich nicht an, viel zu überlegen, was der Impfstoff mit mir macht.“

Post-Covid-Schäden. „Das ist nicht lustig!“

Sie fragt sich dabei: „Wo liegt das größere Übel?“ In Thrombosen, die nun vereinzelt aufgetreten seien, oder in den möglichen Folgen einer Corona-Erkrankung? Sie hätte Corona-Tote im weiteren Familienkreis beklagen müssen, kenne Menschen mit Post-Covid-Schäden. „Das ist nicht lustig!“

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Weise kritisiert die Aussetzung der AstraZeneca-Impfung, weil eine Rückkehr ins normale Leben nun umso länger dauern werde. Sie hat vor allem die Kinder im Blick, die unter den ständigen Lockdowns besonders zu leiden hätten, weil sie nicht in die Schule gehen, keinen Sport treiben oder nur vereinzelt Freunde treffen könnten. „Die Menschen brauchen einen Horizont!“ Eine Impfung biete zumindest eine Perspektive.

63-jährige Kita-Leiterin zeigt sich beunruhigt

Den ersten Pieks hat auch Charlotte Konrad, Stadträtin in Waldkraiburg und Leiterin der Kita Maria Schutz in Waldkraiburg, bereits hinter sich. Die 63-Jährige gibt zu, dass sie die Meldungen über die Aussetzung der Impfung beunruhigt habe. „Man macht das ja nicht aus einer Laune heraus.“

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Der Umgang mit Corona sei für sie ein zweischneidiges Schwert. Zum einen sei sie mit ihren Mitarbeitern in der Kindertagesstätte ständig einer möglichen Infektion ausgesetzt. „Die Tatsache, dass jetzt auch Lehrer und Erzieher in der Priorisierung vorgerückt sind, hat ja auch einen Grund.“ Hier bedarf es schneller Antworten. Sie wünscht sich einen transparenten Umgang mit dem Thema. „Bekomme ich einen anderen Impfstoff? Oder reicht womöglich die erste Gabe schon, um genügend Immunität aufzubauen?

Geimpfte erwarten Transparenz – und zwar zeitnah

Antworten darauf liefert Dr. Timm Büttner, Leitender Arzt im Impfzentrum Mühldorf. Er teilt mit, dass bis Ende nächster Woche 420 Menschen im Landkreis Mühldorf vom Stopp des Impfstoffs betroffen seien. „Personen, die im Impfzentrum einen Termin haben, wurden bereits angerufen und deren Termin storniert.“

Nach erster Impfung schwerer Verlauf „höchst unwahrscheinlich“

Zum Impfschutz sagt Büttner, dass bereits zwei bis drei Wochen nach der ersten Impfung ein schwerer Verlauf einer Corona-Erkrankung „höchst unwahrscheinlich ist“. Auch bei vollständigen Verzicht auf die zweite Impfung sei von einem guten Impfschutz auszugehen. Die zweite Impfung sollte aber durchgeführt werden, sobald dies wieder möglich sei, selbst für den Fall, dass bis dahin mehr als zwölf Wochen verstreichen sollten.

3029 Personen mit AstraZeneca geimpft

3029 Personen wurden nach Angaben Büttners mit AstraZeneca geimpft, insgesamt gibt es bislang 11 470 Geimpfte im Landkreis. Im Impfzentrum selbst hätten nur vereinzelt Menschen Astra Zeneca abgelehnt. „Im Rahmen von telefonischen Terminierungen kam dies deutlich häufiger vor“, sagt Büttner, der dazu aber keine genauen Zahlen hat.

Mehr Todesfälle durch Impfstoffverzicht

Dabei bezeichnet der Leiter des Impfzentrums das Nebenwirkungsprofil des Impfstoffs von AstraZeneca verglichen mit anderen Medikamenten als sehr günstig. Das Risiko thromboembolischer Komplikationen liege zum Beispiel bei der Anti-Baby-Pille“ um einiges höher. „Von 10 000 Frauen, die diese Präparate nehmen, erleiden zwölf eine Thrombose oder Embolie.“

Leiter des Impfzentrums hält das Risiko von Komplikationen für verschwindend gering

Verglichen damit sei das Risiko von Komplikationen nach einer Impfung verschwindend gering. „Eine Nutzen-Risiko-Bewertung fällt klar zugunsten der weiteren Verimpfung der AstrZeneca-Vakzine aus“, betont Büttner, der die Aussetzung der Impfungen mit dem AstraZeneca-Impfstoff als Fehler bezeichnet.

Viel und schnell impfen, heißt die Devise

Denn er findet, dass bei der derzeitigen Infektionslage (Plus-Artikel ovb-online.de) in Deutschland alles getan werden müsse, um so schnell wie möglich so viele Menschen wie möglich zu impfen.

„Der Verzicht auf einen Impfstoff geht mit mehr Infektionen, mehr Klinikaufnahmen und mehr Todesfällen einher.“

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