Anklage gegen „Bombenleger“

Der Brandanschlag auf einen türkischen Gemüseladen am 27. April forderte die Ermittler der Polizei und versetzte die türkische Gemeinde und die ganze Stadt in Schrecken. Weil 26 Hausbewohner bei dem nächtlichen Anschlag umsLeben hätten kommen können, klagt die Bundesanwaltschaft den mutmaßlichen Täter des vielfachen versuchten Mordes an.  Fib/Ess/re
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Der Brandanschlag auf einen türkischen Gemüseladen am 27. April forderte die Ermittler der Polizei und versetzte die türkische Gemeinde und die ganze Stadt in Schrecken. Weil 26 Hausbewohner bei dem nächtlichen Anschlag umsLeben hätten kommen können, klagt die Bundesanwaltschaft den mutmaßlichen Täter des vielfachen versuchten Mordes an. Fib/Ess/re

Karlsruhe/Waldkraiburg – Zwei Wochen lang hat eine Anschlagsserie im Frühjahr die türkische Gemeinde und die ganze Stadt in Atem gehalten.

Jetzt hat die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe gegen den mutmaßlichen Täter, den damals 25-jährigen Muharrem D., beim Oberlandesgericht in München Anklage wegen der Anschläge in Waldkraiburg und weiterer Anschlagsvorhaben erhoben.

D., der im Mai verhaftet wurde und sich in ersten Vernehmungen als „Bombenleger von Waldkraiburg“ bezeichnet haben soll, ist nach Einschätzung der Behörde des 31-fachen versuchten Mordes, der gefährlichen Körperverletzung gegen vier Personen sowie der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat hinreichend verdächtig.

Keine Hinweiseauf Komplizen

In der Anklage der Bundesanwaltschaft findet sich kein Hinweis auf Komplizen. Das deutet auf eine Einzeltäterschaft hin. Die Bundesanwaltschaft macht dazu aber keine Angaben.

Die höchste Strafverfolgungsbehörde des Bundes hatte den Fall am 19. Mai an sich gezogen, weil die Ermittlungen einer 50-köpfigen Sonderkommission der Polizei und der Bayerischen Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus gegen den deutschen Staatsangehörigen einen staatsgefährdenden, islamistischen Hintergrund der Taten nahelegten.

ReligiöseRadikalisierung

Dieser Verdacht hat sich bei weiteren Untersuchungen aus Sicht der Bundesanwaltschaft offensichtlich erhärtet. Muharrem D. habe seit 2017 einen Prozess der religiösen Radikalisierung durchlaufen. „Er wurde Anhänger eines islamistisch jihadistischen Weltbildes sowie der terroristischen Vereinigung ‚Islamischer Staat‘“, heißt es in der Pressemitteilung der Behörde.

Nach dem Scheitern einer im Jahr 2018 nach islamischem Ritus geschlossenen Ehe habe D. versucht, über Moscheen in München Kontakt zu Mitgliedern des „Islamischen Staates“ aufzunehmen, um nach Syrien auszureisen und sich dort der terroristischen Vereinigung anzuschließen. Dieser Versuch blieb erfolglos. Deshalb habe der Angeklagte die Vorbereitungen für seine Anschlagspläne in Deutschland weiter vorangetrieben.

Hass auf Türken undden türkischen Staat

Aufgrund des Agierens des türkischen Staates im Syrienkonflikt sowie dessen Umgang mit bestimmten Predigern in der Türkei habe Muharrem D. einen Hass auf den türkischen Staat und Menschen türkischer Abstammung entwickelt. „Daher fasste er den Entschluss, Anschläge auf Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft zu verüben und damit eine Spirale von Gewalt und Gegengewalt herbeizuführen.“

Arsenal anSprengstoff angelegt

Zu diesem Zweck habe sich D. eine halbautomatische Pistole und zehn Patronen gekauft und über das Internet Wissen über Herstellung und Handhabung von Sprengstoffen, Spreng- sowie Brandvorrichtungen angeeignet. Ab dem Sommer 2017 sammelte Muharrem D. demnach – vorwiegend über den Versandhandel – rund 100 Kilogramm Chemikalien an. Weitere 40 Kilogramm entwendete er laut Bundesanwaltschaft zwischen Oktober 2016 und August 2018 bei seinem Arbeitgeber. Es handelt sich um ein Unternehmen in Aschau. 23 nahezu gebrauchsfertige Rohrbomben sowie über 45 Kilogramm Sprengstoff habe er in einem seiner Kraftfahrzeuge deponiert und dort belassen.

Zum Einsatz kamen die Rohrbomben, für die ihm die Zünder fehlten, und der Sprengstoff zunächst noch nicht. Die Serie der Angriffe auf türkische Einrichtungen begann mit einem Brandanschlag auf die Sultan-Ahmet-Moschee in Waldkraiburg am 2. April dieses Jahres. Weil er die Tür zum Gebetsraum nicht gewaltsam öffnen konnte, habe er versucht, das benachbarte Wohnhaus in Brand zu setzen. Dort hielt sich der Imam mit seiner Frau und drei Kindern zwischen vier und neun Jahren auf, „deren Tod er billigend in Kauf nahm“. Der vorbereitete Brandsatz, den er entzündete und in eine im Hauseingang abgestellte Altpapiertonne legte, erlosch mangels Sauerstoffzufuhr, ohne weiteren Schaden anzurichten.

Zwei Wochen später folgten Anschläge auf einen Friseursalon und eine Pizzeria türkischstämmiger Mitbürger. Dort wurden die Fensterscheiben eingeschlagen und übel riechende Flüssigkeiten verschüttet.

Weil der Beschuldigte die Sachbeschädigungen als „unbefriedigend und unzureichend“ angesehen habe, habe er einen Brandsatz mit einem Grillanzünder, Spiritus und zwei Gaskartuschen hergestellt, mit dem er am 27. April gegen 3 Uhr morgens einen Anschlag auf einen türkischen Obst- und Gemüseladen am Sartrouville-Platz in Waldkraiburg verübt habe. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er damit den Tod von 26 Menschen, die sich im Wohngebäude über der Ladenzeile befanden, billigend in Kauf genommen habe. Nur weil der Brand bemerkt wurde, sei es zu keinen Todesopfern gekommen.

Anschlag versetztGemeinde in Angst

Der Anschlag versetzte die türkische Gemeinde damals in große Angst. Die ganze Stadt hielt den Atem an. Nie war die Polizeipräsenz größer in Waldkraiburg, vor allem nachdem am 6. Mai gegen 2.45 Uhr erneut eine türkische Gaststätte beschädigt und verschmutzt wurde. Zwei Tage später machte der mutmaßliche Täter einen Fehler. Er wurde ohne Ticket bei einer Zugfahrt von Garching nach Mühldorf erwischt – mit zehn Rohrbomben und 23 Kilogramm Sprengmaterial. Weitere Rohrbomben und Sprengmittel wurden in seinem Fahrzeug und in Wohnräumen in Garching und Waldkraiburg sichergestellt. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass er damit Mitte Mai Anschläge auf mehrere Moscheen des Dachverbandes DITIB im näheren Umkreis der Stadt sowie auf das türkische Generalkonsulat in München und die DITIB-Zentralmoschee in Köln geplant habe. Die Imame der Moscheen habe er erschießen wollen.

Suchte Kontakt zum IS. Weil er 2018 nicht nach Syrien kam, soll Muharrem D. Anschläge gegen türkische Einrichtungen in Waldkraiburg verübt haben.

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