Wann ist ein Mensch wirklich tot?

Allerheiligen und die Parallelen zu Corona: Es geht um das Leben

An Allerheiligen werden die Grenzen zwischen Leben und Tod durchlässig. Anders als in Corona-Zeiten, in denen die alltägliche Nähe des Todes spürbar wird, spüren viele in der Nähe zu den Verstorbenen Hoffnung.
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An Allerheiligen werden die Grenzen zwischen Leben und Tod durchlässig. Anders als in Corona-Zeiten, in denen die alltägliche Nähe des Todes spürbar wird, spüren viele in der Nähe zu den Verstorbenen Hoffnung.
  • Markus Honervogt
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Kolumne – Autor Markus Honervogt findet in seiner Kolumne zu Allerheiligen Parallelen zu Corona und dem Namen eines lang verstorbenen Kollegen in seinem Handy-Telefonbuch.

Natürlich wirkt die Speicherkapazität des Smartphones unbegrenzt, was machen bei all den Gigabyte ein paar überflüssige Namen, die unter den Kontakten abgelegt sind. Und doch packt einen manchmal der Wunsch, Ordnung zu schaffen. Was soll man an einem Corona-Abend auf dem Sofa auch sonst tun?

Immer wieder tauchen Namen auf, mit denen kein Gesicht zu verbinden ist. Wer war das noch gleich? Der Daumen wischt den Eintrag auf dem Display nach rechts, am linken Ende erscheint das rote Feld: löschen. Ein kurzer Tipper, der Eintrag ist Geschichte.

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Dann der Name eines Kollegen. Ein prima Kerl, lang schon tot, gewiss zehn Jahre. Es war eine große, anrührende Beerdigung auf dem Dorf, so alt war er nicht gewesen. Viele kannten ihn als Zeitungsschreiber. Lang vorbei, der Kontakt ist überflüssig geworden. So wischt der Finger den Eintrag nach rechts, am linken Rand erscheint das rote Feld. Auf dem Weg dorthin stoppt der Daumen, bleibt knapp über dem roten Knopf stehen. Löschen? Vergessen? Für immer?

Wann ist ein Mensch wirklich tot?

Ein Zeichen der Hoffnung in Corona-Zeiten

Am 1. November ist Allerheiligen. Der Tag, der wie durchlässig zwischen Diesseits und Jenseits steht. Als wäre die Grenze zwischen der anderen Welt und uns für einen kurzen Moment transparenter geworden; als kämen uns die Toten ein wenig näher. Das spüren viele, sie suchen körperlich die Nähe zu ihren Verstorbenen, besuchen sie auf den Friedhöfen.

Auch im Zeichen des Coronavirus, das uns auf ganz neue Weise die tägliche Nähe des Todes zeigt. Das auf hässliche Art die Grenze durchlässig gemacht hat.

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Da gibt es das Foto der alten Frau am Fenster des Mühldorfer Krankenhauses. Sie war eine der ersten Corona-Patienten im Frühjahr. Sie winkt zu ihrer Tochter herunter und bleibt doch allein. Zwei Stockwerke, das Isolationsgebot, unüberwindliche Grenzen. Die alte Frau hat es wenige Wochen danach geschafft, sie ist zurückgekehrt ins Leben: ein Hoffnungszeichen, besonders an Allerheiligen in Coronazeiten.

Auf dem Mobiltelefon wischt der Daumen den Namenseintrag des verstorbenen Kollegen zurück nach links. Er bleibt, wird nicht gelöscht. Als Erinnerung an einen Toten inmitten all der Namen von Lebenden.

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