Der Ableser - Urban Priols Kabarett-Wut verliert sich im Mühldorfer Stadtsaal hinter einem Stehtisch

Trotz wirrem Haar und großer Gestik:Urban Priol lebte sich auf der Bühne im Mühldorfer zu selten aus. Weil er sein Programm nicht auswendig konnte, klebte er viel zu lang am Manuskript. Honervogt

In seinem neuen Programm „im Fluss“ nimmt sich Urban Priol in Mühldorf allen politischen Themen an und bleibt trotzdem hinter den Erwartungen zurück.

Mühldorf – Urban Priol polarisiert. Sein Kabarett eines nach allen Seiten austeilenden, zornigen Mitbürgers, der an keinem von denen da oben ein gutes Haar lässt, an keiner politischen Entscheidung, an keinem Vorgehen, Plan oder Ergebnis, dieses Kabarett hat viele Anhänger – und viele Gegner. Kabarett, das den Stammtisch nicht nur als Nummer mitzieht, sondern zum Maßstab erhebt, setzt sich schnell des Vorwurfs intellektueller Schmalheit aus. Den hat Priol in der Vergangenheit durch gnadenlose Überspitzung, Witze an der Grenze des Zumutbaren und überschäumendes Auftreten wett gemacht. Der Wutbürger als Kunstform.

Eine Textmappe, die ratlos macht

Im ausverkauften Mühldörfer Stadtsaal präsentiert sich Priol wie eh und je, wirrharig, mit seltsamem Fische-Hemd, Jeans und Turnschuhen. Und mit Stehtisch, auf dem er – irritierenderweise – zu Beginn eine Textmappe ablegt. Und einen Anfang bietet, der ratlos macht. Ein Selfie mit dem Publikum, die Erwähnung seiner Agentur, die mehr Netzpräsenz fordert: Soll das der Rahmen des Programmes „Im Fluss“ werden? Nicht neu, nicht originell, man muss es so sagen: abgedroschen. Es bleibt zum Glück nur eine Kleinigkeit, die zwar wiederkommt, aber nicht dominiert.

Das tut stattdessen der Stehtisch, hinter dem Priol die längste Zeit des Auftritts verbringt und abliest.

Meister des abgebrochenen Satzes

Dass ist nicht nur deshalb bedauerlich, weil man von einem Kabarettisten seines Kalibers erwartet, dass er auswendig vorträgt. Nein, der Stehtisch, das Ablesen nimmt Priol den Drive, der ihn und seine Auftritte ausmacht. Er klebt am aufgeschrieben Text, löst sich nur selten vom Papier, verharrt hinter dem Stehtisch. Er blättert um. Nur hin und wieder treibt es ihn über die Bühne, kaum länger als für einen Satz, dann muss er zurück ans Manuskript.

Was unverändert ist: Priol ist und bleibt der Meister des unterbrochenen Satzes, des Halbgedankens, des Abwartenkönnens. Viel zu selten nutzt er das enthüllende Potenzial des Kabaretts. Das gelingt nur, wenn er die Repräsentativität des Bundestags ermittelt, in den alten Parteiprogrammen von SPD und CDU blättert, Folter in brasilianischen VW-Werken als Betriebsprinzip geißelt, oder endlich ein wirkliches Tabu-Thema anfasst: „Wir müssen uns wandeln“, unsere Autos, Reisegepflogenheiten und Essgewohnheiten, „wir haben von allem zu viel, alles ist zu groß“.

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Davon bietet Priol leider viel zu wenig, zu oft bleiben seine Pointen vorhersehbar. Manchmal sogar milde. Ist er tatsächlich weniger zornig, jetzt, wo er langsam auf die 60 zugeht? Treiben ihn die Aufreger nicht mehr voran? Oder liegt es schlicht an mangelnder Vorbereitung und eingeschränktem Vortrag?

„Warum kuschen wir vor allem?“, fragt er einmal. Bleibt zu hoffen, dass Priols Proteststimme wieder lauter wird: ohne Stehtisch und Manuskript.

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