Ein Abenteuer für alle Kinder - Stadt baut inklusiven Spielplatz

Nur einzelne Geräte aus dem Katalog bestellen genügt nicht: Landschaftsarchitekt Köppel plädiert für komplett inklusive Spielplätze.
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Nur einzelne Geräte aus dem Katalog bestellen genügt nicht: Landschaftsarchitekt Köppel plädiert für komplett inklusive Spielplätze.

Die Stadt Mühldorf will einen inklusiven Spielplatz bauen. Er wäre der erste seiner Art in der Stadt und soll Angebote machen, die behinderte und nicht behinderte Kinder gleichermaßen nutzen können. Er soll aber noch eine weitere Aufgabe erfüllen

Von Markus Honervogt und Nicole Petzi

Mühldorf – Damit ein Spielplatz mit inklusiven Elementen an der Königsseestraße in Mühldorf Süd entstehen kann, soll in den nächsten Wochen der Auftrag an ein Planungsbüro vergeben werden.

Nach Ansicht von Mühldorfer Politikern ist es Zeit für einen inklusiven Spielplatz. Auch wenn Inklusion seit Jahrzehnten im Behindertengleichstellungsgesetz verankert ist – an Spielplätze hätten bisher die wenigstens gedacht. Das sagt CSU-Stadträtin Claudia Hausberger, die die Behindertenbeauftragte des Landkreises ist. „Dieses Thema ist in Deutschland noch nicht so im Blick.“ So gehe es auch in München erst zwei inklusive Spielplätze. Hausberger betont deshalb: „Wir sollten mindestens einen inklusiven Spielplatz im Stadtgebiet haben.“ Dabei sei nicht nur ein Neubau möglich, auch bei Nachrüstungen oder Ersatzbeschaffungen könne der Inklusions-Gedanke beachtet werden.

Spielgeräte sollen Abenteuer bieten

Diese Ansicht teilt Mühldorfs Bürgermeister Michael Hetzl. „Wir wollen, dass möglichst viele Kinder auch an Spielplätzen teilhaben können“, sagt er. Dieses Ziel ist nach seiner Einschätzung übers Jahr zu erreichen. Die Lieferzeiten für Spielgeräte beziffert er auf etwa 20 Wochen, dazu komme die Planungszeit. Was der Spielplatz kosten werde, sei derzeit noch offen.

Einer, der sich seit Jahren bundesweit mit inklusiven Spielplätzen befasst, ist der Mühldorfer Landschaftsarchitekt Lothar Köppel. Der Sachverständige gehört zum Normenausschuss für Spielplätze. Er sagt: „Die Gestaltung soll alle Kinder erfreuen, egal ob alt oder jung, mit oder ohne Handicap, mit oder ohne Migrationshintergrund.“

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Am Beispiel eines blinden Kindes erklärt er, dass es darum gehe, alle Sinne anzusprechen. Wer nicht sehen könne, reagiere stärker auf andere Sinneseindrücke, auf Geräusche, Vibrationen oder Gerüche. Die Kunst des Planers und Architekten liege darin, einen Spielplatz zu konzipieren, der derartige Fähigkeiten einbeziehe. Alle Sinne sollten bedient werden. „Spinnen erlaubt! Den Ideen seien da keine Grenzen gesetzt“, sagt Köppel.

Spielgeräte speziell für Behinderte

Der Landschaftarchitekt blättert in Katalogen, zeigt Fotos von Inklusions-Spielplätzen in ganz Deutschland. „Barrierefreie Zugänge und ein Leitsystem im Spielplatz sind ganz wesentliche Punkte.“ Kräftige Farben auf den Wegen, Klangschwellen an Gabelungen oder Vorhänge vor Gefahrenzonen sollen Kinder lotsen.

Dass dabei die Spielmöglichkeiten dabei nicht zu kurz kommen , ist für Köppel selbstverständlich. Er spricht sogar von Abenteuern auf dem Spielplatz. Karussells, Wippen oder Schaukeln, die mit Rollis befahren werden und mit den Armen in Bewegung gesetzt werden können, Trampoline, sogar Klettergerüste gehören für Köppel zu einem inklusiven Spielplatz. Dabei müssten Geschwindigkeit oder Höhe der Spielgeräte berücksichtigt werden.

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So stehe es im Normenwerk. „Auch wenn manche ‚Helikopter-Eltern‘ das nicht so sehen – ein ‚Vollkasko‘-Spielplatz hat doch keinen Spielwert. Es geht darum, ein überschaubares Risiko beim Spiel zu belassen!“ Das gilt laut Köppel auf für Kinder, die körperlich oder geistig eingeschränkt sind.

Das ist für ihn der pädagogische Sinn inklusiver Spielplätze: Jedes Kind müsse lernen, mit Gefahren auf spielerische Art und Weise umzugehen. Er nennt weiche Böden im Fallbereich als Beispiel. Er schütze zwar, sei aber natürlich keine Garantie dafür, dass sich dabei ein Kind niemals das Knie aufschlage.

Menschen ins Gespräch bringen

Gartenbauarchitekt Köppel weitet den Inklusionsgedanken sogar aus und nimmt Migranten in den Blick. „Integration‘ geht Hand in Hand mit Inklusion – und diese ohne Zweifel mit ‚Kommunikation“, sagt er. Spielplätze sollten deshalb so gestaltet sein, das Menschen miteinander ins Gespräch kommen: Sitzbänke, die zueinander und zu den Spielgeräten positioniert sind; Schaukeln, die aufeinander zu schaukeln; Hängematten oder Karussells durch deren Anordnung die Besucher ins Gespräch kommen. Darum sollte es für Kinder, deren Eltern oder Großeltern gehen. Ein Gedanke, den auch Behindertenbeauftragte Hausberger verfolgt: Inklusive Spielplätze sollen nach ihrer Meinung Mehrgenerationenspielplätze sein.

Knapp ein Prozent behinderte Kinder

30 Kinder unter 15 Jahren in Mühldorf haben eine Behinderung. Das ist knapp ein Prozent aller Kinder in diesem Alter. Die Behindertenbeauftragte Hausberger weist aber darauf hin, dass nicht alle Kinder einen Behindertenausweis haben und inklusive Spielplätze auch für andere Kinder interessant sind.

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