Vergessener Massenmord

Zum Bericht „Japan gedenkt des Atombombenabwurfs auf Hiroshima“ (Politikteil):

Das jährliche – durch den latenten Antiamerikanismus zusätzlich befeuerte – grelle Scheinwerferlicht, mit dem der Atombombenabwürfe im August 1945 gedacht wird, wirft einen langen Schatten, durch den eines der schrecklichsten und grausamsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts verborgen wird: die Abschlachtung von zwischen 260 000 und 350 000 Zivilisten in Nanking, der damaligen chinesischen Hauptstadt, durch die japanische Armee. In den wenigen Wochen zum Jahresende 1937 wurden damit in Nanking mehr Menschen umgebracht, als acht Jahre später durch die beiden Atombombenabwürfe ums Leben kamen, einschließlich der erst später verstorbenen Strahlenopfer.

Aber an Nanking sollte nicht nur wegen der unfassbaren Zahlen, sondern vor allem wegen der unglaublichen Grausamkeit erinnert werden, mit der die Opfer zu Tode gebracht wurden. Außerhalb Asiens blieben die Ereignisse in Nanking weitgehend unbeachtet und unbekannt; die Geschichts literatur aller westlichen Länder geht darüber meist hinweg.

Einzig eine junge amerikanische Journalistin hat das Grauen dieser Wochen in einer umfassenden Arbeit für die Nachwelt festgehalten (Iris Chang: The Rape of Nanking. Penguin Books 1997). Nanking zu verschweigen macht das, wovor der Nobelpreisträger Eli Wiesel vor langer Zeit warnte: Einen Massenmord zu vergessen, heißt, die Opfer noch einmal umzubringen.

Martin Theurer

Schleching

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