Tiefschlag für die Menschenwürde

Andreas Voßkuhle, Vorsitzender des Zweiten Senats beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, setzt nach der Urteilsverkündung zum Sterbehilfe-Verbot sein Richterbarett auf. Laut dem Urteil ist das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verfassungswidrig. dpa
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Andreas Voßkuhle, Vorsitzender des Zweiten Senats beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe, setzt nach der Urteilsverkündung zum Sterbehilfe-Verbot sein Richterbarett auf. Laut dem Urteil ist das Verbot der geschäftsmäßigen Förderung der Selbsttötung verfassungswidrig. dpa

Zum Bericht „Karlsruhe erlaubt Sterbehilfe“ und zum Kommentar „Entscheidung für die Menschenwürde“ (Politikteil):

Natürlich ist es ein großes Elend, was Schwerstkranke oft erdulden müssen. Und natürlich bringt der medizinische Fortschritt dieses Dilemma mit sich: Dem Sterben seinen Lauf zu lassen, grenzt sehr schnell an unterlassene Hilfeleistung. Trotzdem ist das Karlsruher Urteil eine Katastrophe. Wenn die Unantastbarkeit des Lebens jetzt zurücktritt hinter das autonome Selbstbestimmungsrecht, machen wir uns prinzipiell zu Herren über Leben und Tod. Und was streng reguliert für Extremsituationen gedacht war, zieht auch Kreise und verändert schleichend die allgemeine Mentalität.

Hans Stahuber

Bad Aibling

Einer der schwärzesten Tage der deutschen Rechtsgeschichte ist für mich der Aschermittwoch 2020. An diesem Tag wurde die Autonomie auf assistierte Selbsttötung über das Recht auf Leben und über den Schutz des Lebens gestellt, womit ausgerechnet in Deutschland den professionellen Sterbehelfern Tor und Tür geöffnet wurde. Der Artikel 1 im Grundgesetzbuch lautet: „(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Diese staatliche Pflicht auf Schutz des Lebens wurde jetzt pervertiert in eine „Dignitas“ (lat. Würde; gemeint ist auch eine Schweizer Organisation mit dem Zweck, ihren Mitgliedern ein menschenwürdiges Leben wie auch ein menschenwürdiges Sterben zu sichern), die dem irrenden und zweifelnden, kranken und lebensmüden Menschen den assistierten Tod bringt. Seit 2015 stand professionelle Sterbehilfe per Gesetz (Strafgesetzbuch Paragraf 217) unter Strafe, es drohten bis zu drei Jahre Haft, und nun kippt dieses Verbot zugunsten der persönlichen Autonomie auf ein selbstbestimmtes Sterben. Die Folgen sind – wie aus den Erfahrungen in Belgien und den Niederlanden hervorgeht – ansteigende Suizidraten Sterbewilliger. Auf vielen Alten, Schwachen und Schwerkranken lastet nun der gesellschaftliche Druck, „selbstbestimmt“ aus dem Leben scheiden zu müssen, um der Gesellschaft keine unnötige Last zuzumuten. Dieses Verständnis von Würde und Freiheit kehrt den ursprünglichen Freiheitsbegriff ins Gegenteil um und macht Deutschland zu einem rechtsstaatlich organisierten Land des Grauens.

Christian Kuster

Großkarolinenfeld

Wurden wir gefragt, als wir gezeugt und geboren wurden? Haben unsere Mütter beispielsweise durch Schwangerschaftsbetreuung nicht alles unternommen, damit wir heil das Licht der Welt erblicken? Steht uns ein „Recht auf selbstbestimmtes Sterben“ zu? Und wenn der Mensch krank wird, sich also außerhalb des gesundheitlichen Normalzustandes befindet, wird die „Warum-Frage“ gestellt. Warum? Weil er wohl den Sinn dieses Zustandes nicht versteht oder begreift. Dabei folgt immer eine Wirkung auf eine Ursache. Heutzutage muss kein Schwer- oder Schwestkranker dank der Palliativmedizin Schmerzen hinnehmen oder – wie leider oft dargestellt wird – sogar qualvoll sterben. Palliative Versorgung kann, wenn das vom Patienten gewünscht wird, rund um die Uhr durch Ärzte, Pflegekräfte, psychosoziale Fachkräfte und Seelsorger in einem Krankenhaus, Pflegeheim oder auch im ambulanten Bereich (SAPV) zu Hause erfolgen. Für unsere Region Stadt und Landkreis Rosenheim möchte ich auf den Jakobus-Hospizverein hinweisen, der diesbezüglich hervorragende Dienste leistet. Und wo bleibt das Gottvertrauen, wenn wir meinen, alles „selbst“ in die Hand nehmen zu müssen? Was geschieht mit unserer Seele nach einem Suizid? Beten wir nicht im Vaterunser „Dein Wille geschehe ...“?

Heinz Höfner

Großkarolinenfeld

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