Tief gespaltene Mittelschicht

Zum Bericht „Vor CDU-Klausur: Friedrich Merz bietet Einsatz in Wahlkampfteam an“ (Politikteil):

Was den Abbau bürokratischer Hürden betrifft, so ist Herrn Friedrich Merz in vielen Punkten beizupflichten. Wer sich aber als Kapitän des deutschen Schiffes ins Spiel bringt und dessen Korrosion unterhalb der Wasserlinie ignoriert, lässt Zweifel aufkommen. Ebenso, wer glaubt, dass dem Wirtschaftswachstum keine Grenzen gesetzt sind. Und, wer der gegenläufigen Realität schließlich nichts anderes entgegenzusetzen hat, als Hardcore-Liberalismus und das Wunschkarussell der von ihm repräsentierten Hochfinanz. Wesentlicher Bestandteil dieser Realität ist es aber, dass das Armutswachstum das Wirtschaftswachstum schon seit Jahren konstant und exponentiell überflügelt. Realität ist auch, dass die Segnungen des Wirtschaftswachstums schon seit Jahren weitgehend in den Vorstandsetagen großer Konzerne hängen bleiben, während das Armutswachstum flächendeckend von unten an den Fundamenten eines ganzen Volkes nagt.

Es reicht der gesunde Menschenverstand, um zu erkennen, dass sich mit einem Wirtschaftswachstum von nahe einem Prozent ein Armutswachstum im zweistelligen Prozentbereich nicht aufhalten lässt. Herr Merz mag Deutschland im Auge haben, er mag Europa im Auge haben – aber nicht die Welt. Die Zeit ist aber gekommen, in der jeder Staatsmann und jeder, der es werden will, die ganze Welt im Auge haben muss. Und wenn Herr Merz Deutschland, selbst Europa, im Auge haben mag, so doch in erster Linie das Wohl der Oberschichten. Vielleicht auch noch das Wohl der oberen Hälfte einer bereits tief gespaltenen Mittelschicht.

Manfred Ebeling

Raubling

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